Livia Fischer
Livia Fischer
18,8 Prozent der ständigen Luzerner Bevölkerung sind Ausländerinnen und Ausländer. Oder anders ausgedrückt: 77’612 von 413’120 Einwohnern des Kantons. So die neuesten Zahlen des Lustat Statistik Luzern per Ende 2019 (wir berichteten). Im landesweiten Vergleich ist das ein tiefer Wert. So liegt der Ausländeranteil der ständigen Wohnbevölkerung im schweizerischen Durchschnitt bei über 25 Prozent. Doch warum lassen sich in Luzern so wenige ausländische Personen nieder? Wir haben nachgefragt.
Eine klare, wissenschaftliche Antwort zu finden, war nicht ganz einfach – denn wie es scheint, wurde dieses Thema bisher nicht erforscht. Alexander Lieb, Leiter des kantonalen Amts für Migration, erklärt’s jedoch so:
«Luzern ist erstens mal keine Grenzregion, zweitens sehr KMU-orientiert.»
Denn wenn man sich die zehn Kantone mit dem höchsten Ausländeranteil anschaut, fällt auf, dass neun davon Grenzkantone sind. Ausserdem gibt es in Luzern enorm viele kleinere und mittlere Unternehmen, laut Lustat rund 99 Prozent aller Firmen im Kanton. So bestätigt auch Lieb, dass Luzern «definitiv kein Industriekanton» sei – was wiederum bedeutenden Einfluss auf den Anteil der Ausländerinnen und Ausländer habe. Denn noch immer arbeiten viele der Zugewanderten in industriellen Betrieben.
Günstiger Wohnraum und Arbeitsplätze im Industriegewerbe ziehen Ausländerinnen und Ausländer an
Die meisten Ausländerinnen und Ausländer leben in Emmen, der Anteil beträgt 35,6 Prozent. Schon vor über hundert Jahren lockten grosse Fabriken Gastarbeiter aus Italien, Portugal und Spanien an, von denen sich viele vorerst niederliessen. Nachdem in den 90er-Jahren infolge der Deindustrialisierung viele Arbeitsplätze abgebaut wurden, zogen zahlreiche betroffene Personen wieder weg und günstiger Wohnraum wurde frei. Dies wiederum zog viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien an, denn zu dieser Zeit herrschte in ihrem Zuhause Krieg. Diese historischen Begebenheiten spiegeln sich noch heute in der Wohnbevölkerung wieder: Die grössten Ausländergruppen stammen aus dem Kosovo, Portugal und Italien.
Nebst Emmen gibt es noch einige Landgemeinden, die einen aussergewöhnlich hohen Ausländeranteil verzeichnen. Nebikon (29 Prozent), Büron (27,1 Prozent) und Vitznau (27 Prozent) etwa. Zum Vergleich: In der Stadt Luzern sind es lediglich 24,4 Prozent. Das mag vielleicht überraschen, schliesslich sind städtische Gebiete oft multikulturell geprägt – zumindest mehr als eine Dorfgemeinde. Die Gründe für die grossen Abweichungen sind unterschiedlich.
In Nebikon sind laut Kurt Steiger, stellvertretender Gemeinderatsschreiber, die frühe Industrialisierung sowie die grossen Bau- und Logistikfirmen ausschlaggebend. Auffällig ist, dass besonders viele Portugiesinnen und Portugiesen in Nebikon wohnhaft sind. Steiger erklärt: «Bisherige Arbeitnehmer haben ihre Verwandten und Bekannten hierhin gezogen, da es hier Arbeitsplätze in eben diesem sekundären Sektor hat und diese auch in den letzten Jahren ausgebaut wurden.»
Gemeindeschreiber aus Büron, René Kirchhofer, begründet den hohen Anteil in erster Linie damit, «dass es in der Gemeinde relativ viel günstigen Wohnraum gibt, der gewisse Ausländerkreise anzieht». Dies sei schon immer so gewesen und keine neue Entwicklung. Eine attraktive Wohnlage nennt auch der Vitznauer Gemeindepräsident Herbert Imbach als Grund. Hinzu komme: «Auch die gute Infrastruktur, die schulischen Angebote sowie der tiefe Steuerfuss sind dafür verantwortlich, dass sich ausländische Zuzüger aus allen Generationen für Vitznau als Wohnort entscheiden.»
Das andere Extrem ist Romoos, gerade einmal 2,6 Prozent der Bevölkerung sind keine Schweizerinnen oder Schweizer. Generell ist der Ausländeranteil im Wahlkreis Entlebuch eher gering. Lieb sagt dazu: «Hier gibt es zwar günstigen Wohnraum, aber nur wenig Arbeitsplätze.»
So ausländerfreundlich ist der Kanton Luzern
Sagt der tiefe Ausländeranteil in Luzern etwas über die Ausländerfreundlichkeit im Kanton aus? Diese Frage ist kaum zu beantworten – und sehr heikel, da man solch eine Bewertung natürlich nicht pauschalisieren kann. Auch Alexander Lieb muss bei dieser Frage passen, verweist aber auf die Volksabstimmungen der letzten Jahre, welche Ausländerinnen und Ausländer betrafen. Er sagt:
«Das Abstimmungsverhalten könnte ein Indikator dafür sein, wie ausländerfreundlich ein Kanton ist.»
Ein Blick zurück auf die letzten Volksinitiativen zeigt: 2009 wurde das Minarettverbot im Kanton Luzern angenommen, ebenso die Ausschaffungsinitiative ein Jahr später sowie die Masseneinwanderungsinitiative im Jahr 2014. Die Durchsetzungsinitiative vor vier Jahren haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger des Kantons hingegen abgelehnt, genauso wie die Begrenzungsinitiative, über die vor wenigen Monaten entschieden wurde. Alle Ergebnisse deckten sich mit der Entscheidung der Mehrheit der Kantone. Demnach ist es fraglich, ob das Abstimmungsverhalten in diesem Fall wirklich etwas über die Ausländerfreundlichkeit aussagt.
Hamit Zeqiri ist Geschäftsführer des Fabia Kompetenzzentrums Migration, einem Luzerner Verein, der sich für die Integration von Migrantinnen und Migranten engagiert. Er berichtet von Vereinzelten, die Schwierigkeiten haben, Anschluss zu finden. Dies sei jedoch kein Luzerner Phänomen und treffe generell auf viele Menschen zu, die im erwachsenen Alter in ein neues Land kämen. Zeqiri warnt darum:
«Nur weil ein Kanton einen geringeren Ausländeranteil hat, ist er nicht ausländerfeindlich.»
Und Zeqiri ergänzt: «Genauso wenig kann man sagen, dass eine Stadt mit überdurchschnittlich hohem Migrantenanteil bessere Integrationsmassnahmen hat und ausländerfreundlicher ist.»
Apropos Integrationsmassnahmen: Zwar gibt es in Luzern verschiedenste Angebote und Treffpunkte für Migrantinnen und Migranten. Zeqiri findet aber, dass es gerade auf Gemeindeebene noch Luft nach oben gibt. «Unsere Erfahrung zeigt, dass einiges erreicht werden kann, wenn man die Leute da abholt, wo sie leben.» Dabei denkt er etwa an informative Gespräche mit den Neuzugezogenen oder den Einsatz sogenannter Schlüsselpersonen, welche Migrantinnen und Migranten beim Integrationsprozess unterstützen.
Ein Viertel mit Migrationshintergrund und weniger Einbürgerungen
Was die Lustat-Statistik ebenfalls zeigt: Mehr als jeder und jede Vierte im Kanton Luzern ab 15 Jahren hat einen Migrationshintergrund. Doch ab wann gilt jemand denn überhaupt als eine Person mit Migrationshintergrund? Eigentlich heisst es nichts anderes, als ein Kind beziehungsweise Enkelkind von Migranten zu sein. Die offizielle Definition des Bundesamts für Statistik lautet: «Zur Gruppe der Bevölkerung mit Migrationshintergrund gehören Personen ausländischer Staatsangehörigkeit und eingebürgerte Schweizerinnen und Schweizer – mit Ausnahme der in der Schweiz Geborenen mit Eltern, die beide in der Schweiz geboren wurden – sowie die gebürtigen Schweizerinnen und Schweizer mit Eltern, die beide im Ausland geboren wurden.» Übrigens: Das Wort Migrationshintergrund ist relativ neu und existiert erst seit 2009 im Rechtschreibduden.
Zudem hat das Lustat in der jüngsten Statistik veröffentlicht, wie viele Personen 2019 im Kanton Luzern eingebürgert wurden: 1152. Das sind im Vergleich zum Vorjahr 545 Menschen weniger und gerade einmal 1,6 Prozent der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung – der tiefste Wert seit 1991. Dies liegt unter anderem daran, dass weniger Gesuche eingereicht wurden. Denn: Die Anforderungen für eine Einbürgerung sind aufgrund des neuen Bürgerrechtsgesetzes gestiegen. Dieses ist seit Anfang 2018 in Kraft. So müssen Einbürgerungskandidatinnen und -kandidaten etwa die jeweilige Landessprache nicht mehr nur mündlich, sondern auch schriftlich beherrschen. Weiter erfüllt die Einbürgerungsvoraussetzungen nur noch, wer drei Jahre vor Gesuchsstellung keine Sozialhilfe bezog. Auch Arbeitslose können Schwierigkeiten bei der Einbürgerungen haben. Ausserdem mussten Antragstellende zwar schon früher einen leeren Strafregisterauszug einreichen, neu sind Urteile für Behörden jedoch über längere Zeit hinweg einsehbar.


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