Heute besteht in unserer Gesellschaft weitgehend Einigkeit darin, wie zeitgemässe Erziehung in Familie und Schule aussehen soll. Sie wird bestimmt von Werten wie Bedürfnisorientierung, Demokratie und Begegnung auf Augenhöhe. Der Begriff «Autorität» wird mit Vorsicht verwendet und ist eher negativ gefärbt, er steht für alte Schule.
Ende der 1960er-Jahre entstand die Bewegung der antiautoritären Erziehung. Diese brachte schon in ihrer Bezeichnung eine klare Distanzierung von Autorität zum Ausdruck, die in diesem Kontext vor allem mit Macht, Gewalt und Repression assoziiert wurde.
Rund drei Jahrzehnte später wurde mit dem Erziehungsstil der «Neuen Autorität» Autorität wieder zu einem Referenzwert, allerdings in einem veränderten Verständnis. Ein zentraler Aspekt dieses Ansatzes ist die Stärkung der Position von Eltern, Lehrpersonen und anderen Erziehungsverantwortlichen, etwa durch Präsenz, Transparenz und Selbstkontrolle. Das pädagogische Konzept wurde von Haim Omer und Arist von Schlippe 2010 in der Publikation «Stärke statt Macht» vorgestellt. Im pädagogischen und sozialpädagogischen Kontext hat sich der Ansatz der Neuen Autorität besonders im Umgang mit aggressiven, gewaltbereiten Jugendlichen etabliert.
Als eine Ausweitung der Neuen Autorität versteht der israelische Psychologe Uri Weinblatt, Schüler von Haim Omer, seinen Ansatz der «Contactivity». Er entwickelte das Konzept in seiner therapeutischen Arbeit mit – vorwiegend männlichen – Jugendlichen, die sich stark von ihrem sozialen Umfeld abschotten. Sie halten sich oft stundenlang vor dem Bildschirm auf und versenken sich scheinbar endlos in virtuelle Spielwelten. «Kontakt», der dem Konzept den Namen gibt, bedeutet für Weinblatt, mit den zurückgezogenen Jugendlichen in Beziehung zu treten.
Er ermutigt Bezugspersonen dazu, sich für die Beschäftigung der Jugendlichen zu interessieren und sich von ihnen in deren Welt einführen zu lassen. Eine solche Offenheit ermöglicht es beispielsweise, dem Gaming auch positive Aspekte abzugewinnen und dessen Bedeutung für den Jugendlichen zu verstehen. Dies schafft eine Grundlage für mehr Nähe. Die Jugendlichen sind sich ihres Rückzugs meist durchaus bewusst; ihre Nichtteilnahme an sozialen Aktivitäten ist für sie häufig mit Scham verbunden – ein Risikofaktor für weitere soziale Isolation. Umso wichtiger ist die Erfahrung von Zugehörigkeit.
In Israel hat Weinblatt mit seinem Ansatz der Contactivity eine grosse Medienpräsenz. Reality-TV-Sendungen, die Einblick in seine Therapien mit Jugendlichen und deren Bezugspersonen geben, sind ein Publikumserfolg. Viele Lehrpersonen in Israel reagierten begeistert auf diese neue Betrachtungsweise: eine wertschätzende Sicht auf zurückgezogene Jugendliche, die Abkehr vom reinen Blick auf Symptome sowie die Berücksichtigung gesellschaftlicher Ursachen als Erklärung für das Vermeidungsverhalten.
Auch in der Schweiz wird der Umgang mit Jugendlichen, die sich aus Schule und Gesellschaft zurückziehen, intensiv diskutiert. Fachpersonen und Bildungseinrichtungen suchen nach Antworten auf die zunehmende Verbreitung von Schulvermeidung und sozialem Rückzug. Vielleicht könnte auch hier der Ansatz der «Contactivity» weiterhelfen. Nachdem die Pädagogik wiederkehrend um die richtige Form von Autorität gerungen hat, rückt Weinblatt eine Ressource ins Zentrum, die mit den Entwicklungen im digitalen Bereich und insbesondere mit KI vielleicht nicht mehr selbstverständlich ist: die reale Beziehung in Form von Zugewandtheit, Verständnis und Offenheit.
Uri Weinblatt: «Contactivity – mit Neuer Autorität raus aus der Vermeidung». Vandenhoeck & Ruprecht 2023. ISBN 9783525459256.

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