Der Ruf der Babyboomer scheint angekratzt. Vorurteile besagen, dass diese Generation, die in den zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, bequem vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert hat. Zudem würden die Babyboomer die Leistungen unseres Wohlfahrtsstaates belasten und auf Kosten der jüngeren Generationen vom Renten- und Gesundheitssystem profitieren. So die schroffe Standardmeinung, welche die Babyboomer als unsolidarische Generation darstellt.
Diesem Stereotyp einer egoistischen Generation widerspricht ein Soziologenkollektiv rund um Laura Airey. Sie hinterfragen das negative Stereotyp und untersuchen, warum sich die Menschen der Babyboomer-Generation dazu entscheiden, Kinderbetreuung zu leisten, während ihre erwachsenen Kinder arbeiten gehen. Airey und ihre Kollegen haben dazu viele Interviews mit Grosseltern in Grossbritannien durchgeführt. Diese Interviews hätten sie aber durchaus auch in der Schweiz durchführen können, denn hierzulande wird gemäss Bundesamt für Statistik ein Drittel der Kinderbetreuung durch Grosseltern übernommen.
Die soziologische Studie zeigt, dass sich die Babyboomer in ihren Familien grosszügig in der Kinderbetreuung engagieren – und das, obwohl viele von ihnen noch berufstätig sind. Nicht nur leisten sie unbezahlte Kinderbetreuung, sondern oft sind sie auch bereit, persönliche und berufliche Opfer zu bringen, um ihre Kinder und Grosskinder zu unterstützen. Dafür wählen sie flexiblere Arbeitsmodelle oder ziehen näher zu ihren erwachsenen Kindern. Um helfen zu können, entscheiden sich manche sogar, frühzeitig in Pension zu gehen, und nehmen damit Einkommensverluste in Kauf.
All dies tun die Babyboomer jedoch nicht, weil sie die Kinderbetreuung emotional besonders erfüllend finden. Auch tun sie es nicht, weil sie das Wohl ihrer Nachkommen über ihr eigenes stellen. Ihre Motivation ist weitaus komplexer, wie die Untersuchung erklärt.
Einige der Babyboomer sind der Ansicht, dass Kinder besser in der Familie als in Kindertagesstätten betreut werden sollten. Andere betrachten die von ihnen geleistete Kinderbetreuung als Selbstverständlichkeit und möchten aus Dankbarkeit etwas zurückgeben. Und dann gibt es diejenigen, welche die Herausforderungen ihrer erwachsenen Kinder sehen und ihnen helfen wollen, Familie und Beruf wirtschaftlich einigermassen sinnvoll zu vereinbaren.
Entgegen den vielen negativen Erzählungen über die Boomer zeigen sich diese also durchaus auch solidarisch, unterstützend und hilfsbereit – Eigenschaften, die insbesondere dann zum Ausdruck kommen, wenn sie in die Rolle der Grosseltern schlüpfen. Würden wir also das Ziel einer solidarischen Gesellschaft verfolgen, sollten wir uns wohl einfach ein wenig mehr wie Grosseltern verhalten.
In der Kolumne «Soziologischer Standpunkt» äussern sich Soziologinnen und Soziologen der Universität Luzern zu Gesellschaftsthemen. Quelle: Airey, L., Lain, D., Jandrić, J., & Loretto, W. (2021). A selfish generation? ‹Baby boomers›, values, and the provision of childcare for grandchildren. The Sociological Review, 69(4), 812-829.

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