Reto Bieri
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Das Stift Beromünster ist ein geschichtsträchtiger Ort, es besteht seit rund 1000 Jahren. Im Laufe der Zeit hat sich viel Schriftliches angesammelt, die Bibliothek umfasst rund 10'000 Bände. Davon macht die Handschriftensammlung mit 165 Exemplaren zwar nur einen kleinen Teil aus. Doch da rund ein Drittel aus der Zeit vor 1500 stammt, ist sie besonders interessant. In einem zweijährigen Projekt wurden 51 Handschriftenbände erschlossen und beschrieben, alle aus dem Mittelalter. Der gedruckte Katalog ist Ende Dezember publiziert worden.
Der Inhalt der Handschriften ist breit gefächert: von liturgischen Schriften über Jahrzeitbücher bis zu juristischer Literatur. Sie befinden sich, zusammen mit weiteren wertvollen Urkunden sowie gedruckten Büchern, im Kulturgüterschutzraum unter dem nördlichen Vorplatz der Stiftskirche. Stiftsbibliothekar Jakob Bernet führt den Besucher durch besagte Kirche, vorbei am imposanten Chorgestühl. Dort treffen sich die acht noch verbliebenen Chorherren und ein Kaplan drei Mal täglich fürs gemeinsame Gebet.
Ältestes gedrucktes Buch der Schweiz entstand in Beromünster
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts handelt es sich bei den Chorherren vorwiegend um pensionierte Priester, die im Stift ihren Lebensabend verbringen. Seit 19 Jahren ist der 85-jährige Jakob Bernet ein Chorherr und seit 2003 Stiftsbibliothekar. Zuvor war der gebürtige Surseer als Pfarrer im Einsatz, unter anderem in Meggen.
Eine Treppe führt hinunter zum klimatisierten Schutzraum. Sorgsam dreht Bernet an einem der drei Archivrollregale. Zum Vorschein kommen sogenannte Inkunabeln. Das sind Werke aus der frühen Zeit des Buchdrucks. Nicht ohne Stolz zeigt Bernet auf das älteste in der Schweiz gedruckte Buch, das 1470 in Beromünster entstand. Im Regal werden auch die mittelalterlichen Handschriftenbände gelagert, in massgeschneiderte säurefreie Kartonschachteln verpackt.
Die meisten der Handschriften stammen aus dem privaten Besitz der Chorherren. Diese waren in früherer Zeit wohlhabend und stammten aus dem Dienstadel der Lenz- und der Habsburger. Später, als Beromünster luzernisch geworden war, aus der städtischen Patrizierschicht. Viele von ihnen studierten, zum Beispiel in Bologna, Wien, Heidelberg, Freiburg und Basel. Von dort brachten sie die handgeschriebenen Bücher in die Heimat.
«Am Stift selbst sind nur wenig Handschriften entstanden», sagt Mikkel Mangold. Der Basler Historiker hat zusammen mit seiner Kollegin Dörthe Führer die Handschriften des Stifts erschlossen. Seit rund 15 Jahren katalogisiert Mangold in einem Teilzeitpensum Handschriftenbestände. Darunter waren auch jene der Zentral- und Hochschulbibliothek in Luzern.
Mit dem Projekt will man auch Bestände ausserhalb der Zentren erschliessen
Bei den Katalogisierungen handelt es sich um ein Langzeitprojekt, das seit den 1990er-Jahren läuft. Grund: «Es sollen auch jene Handschriftenbestände erschlossen werden, die ausserhalb der grossen Universitäten wie Zürich oder Basel lagern», so Mangold. Die Organisation liegt beim Kuratorium der Akademie für Geisteswissenschaften. Die Finanzierung erfolgt je zur Hälfte durch den Nationalfonds und die Institution vor Ort. Dafür hat Chorherr Jakob Bernet in zweijähriger Arbeit bei Sponsoren rund 150'000 Franken gesammelt.
Denn die Erschliessung ist aufwendig. Im Durchschnitt brauchen die Forscher zwei Wochen pro Werk. «Wir bearbeiten jeden Codex einzeln, beschreiben den Einband und untersuchen, ob er aus Pergament oder, wie in Beromünster mehrheitlich, aus Papier besteht.» Weiter untersuchen die Forschenden die Wasserzeichen, die Benutzungsspuren, das Layout sowie die Geschichte des Buches. Mangold:
«Nicht zuletzt beschreiben wir den Inhalt. Mittelalterliche Bücher bestehen oft nicht aus einem Werk, sondern umfassen mehrere Texte in einem Band.»
Die älteste Handschrift in Beromünster ist ein Epistolar, ein liturgisches Buch aus dem 11. Jahrhundert. Die meisten anderen stammen aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Deren Inhalte seien sehr unterschiedlich und können laut Mangold in drei Gruppen eingeteilt werden: Erstens die liturgischen Schriften, also jene, die im Gottesdienst gebraucht wurden. Zweitens die Verwaltungshandschriften wie Jahrzeitbücher oder Urbare. Dort sind Einkünfte und sich daraus ergebende Pflichten des Stifts verzeichnet, zum Beispiel, wann die Chorherren für wen eine Messe lesen mussten.
Die dritte Gruppe umfasst die Werke der eigentlichen Bibliothek und weist ein weites Spektrum auf. «Nicht nur fromme Texte wie Predigten, sondern auch juristische und medizinische Literatur und sogar solche, die man als Frühhumanismus bezeichnen kann», sagt Mangold.
Besonders spannend fanden die Forscher, dass die Bücher in der Bibliothek vorwiegend zwei Personen gehört haben. «Aus ihren Schriften konnten wir uns ein Bild über das Studium eines Chorherrn machen.» Einer der beiden war Friedrich von Lütishofen, der ab 1449 in Heidelberg studierte. «Er war intellektuell veranlagt und hatte wohl ein tolles Studentenleben. Die Seelsorge war eher nicht seine grosse Berufung», so Mangold. Vielmehr habe er sich für Humanismus und Rhetorik interessiert, hat die römischen Dichter Terenz und Vergil gelesen.
Die Erschliessung der Handschriften bilde die Grundlage für die weitere Erforschung. Keine Option war es aus finanziellen Gründen, die Handschriften zu digitalisieren. Die Katalogisierung findet Mangold allerdings genau so wichtig wie den Inhalt. Mangold:
«Jede Handschrift ist ein Einzelstück und hat ihre Aura. Es ist ein erstrangiges Kulturgut und unersetzbar. Es lohnt sich, sie angemessen zu beschreiben.»
Ein Digitalisat weise zudem immer nur einen Teil der Gesamtinformation auf. «Wir liefern die Metadaten, das heisst, wir beschreiben Aspekte, die man sich vom Bildschirm aus nicht aneignen kann, angefangen von den Massen bis zum Wasserzeichen.» Zudem würden die meisten nur schon an der Sprache scheitern: Fast alle Handschriften sind in Latein verfasst. Als Fazit sagt Mikkel Mangold: «Der Handschriftenbestand in Beromünster ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.»
Hinweis: Der Katalog der mittelalterlichen Handschriften des Stifts Beromünster kann auf www.schwalbeonline.ch kostenlos heruntergeladen oder in Buchform für 52 Franken bestellt werden.




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