Prozessionskreuze, Reliquiare, Messgerät aller Art, Devotionalien und eine Fülle an figuralen Zeugnissen hoher Bildhauerkunst: Kunstvolles sakrales Kulturgut aus vergangenen Jahrhunderten fristet in so manchem katholischen Gotteshaus in den Sakristeischränken und Tresoren sein Dasein. Einige Kirchen – so etwa St. Leodegar im Hof in Luzern oder St. Oswald in Zug – stellen ihre Schätze bewusst zur Schau, aufwendig in Szene gesetzt und würdig präsentiert.
Doch stösst dies heutzutage überhaupt noch auf Interesse bei einer säkularisierten Gesellschaft, die sich von kirchlichen Dogmen emanzipiert und von alten katholischen Riten weitgehend distanziert hat? Lassen sich junge, in kirchenfernem Umfeld aufwachsende Generationen für historische Zeugnisse religiöser Traditionen irgendwie begeistern? Oder ist das alles bedeutungsloses Bling-Bling?
78 Führungen im Jahr 2024
Im Falle des Luzerner Stiftsschatzes, der zu den reichsten und ältesten seiner Art in der Schweiz gehört, zeichnet sich deutlich ab: Museales sakrales Kulturgut stösst sehr wohl auf ein allgemeines Grundinteresse – und zwar in allen Gesellschaftsschichten. Dies zeigt die Besucherstatistik für das Jahr 2024, welche die Katholische Kirchgemeinde Luzern im Februar veröffentlicht hat. Die Zahlen können sich sehen lassen: 2024 haben im Rahmen von 78 Führungen insgesamt rund 1200 Personen die Schatzkammer besucht.
Bemerkenswert dabei sei, dass bei weitem nicht nur kirchennahe Gruppen in die Hofkirche gekommen seien, sondern das Interesse sehr breit gestreut gewesen sei. Darunter seien neben interessierten Privatpersonen etwa Sportvereine zu nennen, Schulklassen wie auch Angestellte von Firmen oder Arztpraxen, die einen Besuch des Stiftsschatzes in ihren Geschäftsausflug einbauten. Entsprechend erfreulich seien die Rückmeldungen. Man würdige den Stiftsschatz als Gesamtkunstwerk, sei beeindruckt von der Vielfalt der gezeigten Objekte, der dazugehörenden Geschichten und vor allem von den vermittelten kulturgeschichtlichen Hintergründen sowie von der Dramaturgie der Führungen.
Rundgänge folgen einer Dramaturgie
Für diese zeichnet Urs-Beat Frei, Spezialist für Sakralkunst und Stiftsschatz-Kurator, verantwortlich. Er legt grossen Wert darauf, Objekte und Bedeutung des Luzerner Stiftsschatzes lebendig und facettenreich zu vermitteln. «Die Leute mögen es, wenn die Führungen einer Dramaturgie folgen», sagt Frei, der öfter zu hören bekommt, dass auch seine persönliche Begeisterung für die Materie auf die Besucherinnen und Besucher überspringt.
Der Kurator versammelt das Publikum jeweils um sich in der Sakristei für eine kurze Einführung. Anschliessend geht’s via Chorraum in die Schatzkammer, welche zu Beginn lediglich in fahlen Kerzenschein getaucht ist. Schliesslich wird es heller, und die Schätze werden allmählich in ihrer vollen Pracht sichtbar hinter den geöffneten Schranktüren. Frei möchte die Besucherinnen und Besucher niederschwellig ansprechen. «Auf Interesse stossen besonders die Geschichten, welche sich mit den Objekten verbinden, dass etwa die barocke Bruderklausenfigur um ein Haar eingeschmolzen worden wäre.» Kreativität sei gefragt, es gebe viele Ebenen, über die man das breit gefächerte Publikum abholen könne.
Frei legt Wert darauf, Symbolik und Verwendung der einzelnen Objekte so zu erklären, dass die Führung nicht etwa einer Religionsstunde gleicht, sondern zu einem bleibenden Erlebnis wird. So will er seine Führungen auch künftig den Bedürfnissen anpassen und stets Neues einbringen – «damit die Leute wieder einmal vorbeischauen», wie Frei sagt.
Zwei «Neuzugänge»
Neuerungen betreffen auch den Bestand des Stiftsschatzes, zumal sich in der Hofkirche noch immer Objekte befinden, die weiterhin mehrheitlich unbeachtet in den Schränken und Kammern schlummern. So ist der präsentierte Schatz nun um zwei seltene Objekte erweitert worden: Ein Paar italienische Miniatur-Altärchen aus dem 17. Jahrhundert, die bis 2018 aufgrund ihres desolaten Zustandes unbeachtet in einem Schrank gestanden hatten, sind aufwendig restauriert in schönstem alten Glanz zum präsentierten Inventar hinzugestossen.
So untersteht auch ein Kirchenschatz wie derjenige in Luzern einem laufenden Wandel und ist immer wieder aufs Neue erlebbar. Die Erfahrungen in Luzern legen anschaulich dar, wie auch ein Themengebiet, mit dem sich immer weniger Menschen persönlich identifizieren, auf breites Interesse stossen kann, denn auf die Vermittlung kommt es an.
Die nächste Führung findet am Samstag, 5. April, um 10 Uhr statt. Weitere Informationen unter: www.luzern-kirchenschatz.org



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