Kürzlich machte ich mich auf, um mal wieder klare Sicht zu haben. Weg vom Hochnebel, hin zur Sonne. Die Wahl fiel auf Andermatt. Nicht weil das meine Wunschdestination wäre, sondern weil wir – ich und eine Kollegin – schlicht keinen anderen Ort ausmachen konnten, der nicht mehr als zwei Autostunden entfernt liegt und wo zweifelsfrei klar war, dass nicht Grau, sondern Blau dominieren würde.
Das Dorf im Urserental enttäuschte nicht. Schon auf dem Weg über die kurvenreiche Strasse lachte uns die Sonne ins Gesicht. So muss das sein. Oben auf dem Plateau angekommen, steuerten wir direkt auf das Dorfzentrum zu. Von der touristischen Entwicklung und ihren Auswüchsen nahmen wir noch wenig Notiz. Das Auto am Ortsrand abgestellt, ging es mitten in den historischen Dorfkern zum Skiverleih. Zum Glück gab es dort auch Schneeschuhe.
Schnell standen wir in den übergrossen Plastiklatschen und stapften los. Der Weg war mit lila Holzstecken klar gekennzeichnet. Vorbei an der Skipiste waren wir schnell von einer sanften Winterlandschaft umgeben. Rund um uns herum ragten weisse Berggipfel in den klaren Himmel. Nach einer Rast nahe einer alten Alphütte wollten wir noch weiter ins vor uns liegende Tal stapfen. Schnell wurde der Weg schmal und steil. Doch es war so schön hier mitten im Nirgendwo. Wir entschieden uns, noch eine Hügelkuppe weiterzugehen. Vielleicht gelangten wir danach ja wieder auf einen markierten Weg? Nichts da, wir waren davon abgekommen.
Wohl oder übel kehrten wir um und fanden auf die Tour in Richtung Andermatt zurück. Schliesslich erreichten wir einen Hügelvorsprung. Zum ersten Mal hatten wir freie Sicht auf das gesamte Dorf. Der Ausblick war ernüchternd. Während sich die ersten Bauten des hier tätigen ägyptischen Investors noch gut ins Dorfbild einbetteten, wirkte der neue Hotelkomplex gleich daneben ausladend und protzig. Das hatten wir nun also von der klaren Sicht hier oben. Wir nahmen es mit einem Schulterzucken hin. Zum Glück waren wir zuvor ja auf Abwege geraten.
Am Freitag äussern sich jeweils Gastkolumnistinnen und Redaktoren unserer Zeitung zu einem frei gewählten Thema.

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