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Handball

Der kaltgestellte Goalie glänzt und ein Paradiesvogel bleibt blass: Handball-Nati gewinnt das WM-Playoff gegen Italien

Was für ein zähes Ding: Nach 20 Minuten deutet alles auf eine faustdicke Überraschung, weil der Aussenseiter aus Italien ziemlich frech aufspielt. Wie das Team von Andy Schmid die Wende doch noch schaffte und wer die herausragende Figur im Schweizer Team war.
Verhaltener Jubel der Natispieler Portner, Meister, Leopold und Röthlisberger nach dem 32:29 gegen Italien.
Bild: Andreas Becker/Keystone

Ist Goalie Nikola Portner noch ein Torhüter von internationalem Format? Kann der offensive Schillerfalter Manuel Zehnder seinen Frust aus dem Klub in positive Energie umwandeln? Ist Italiens Coach Bob Hanning die schrillste Figur im Hallenstadion? Hat sich der Schweizer Handballverband mit der Wahl des Spielorts übernommen? Und vor allem: Wird die Nati im WM-Playoff gegen Italien ihrer Favoritenrolle gerecht?

Ein Spiel voller Fragen. Und die wichtigste Antwort gleich vorneweg. Die Schweiz gewinnt das Hinspiel in den WM-Playoffs gegen Italien mit 32:29. Ein Resultat, wie man es nach den ersten 20, richtig schlechten Minuten nicht erwarten konnte. Aber auch eines, das unserer Nati im Rückspiel am Sonntag in Faenza (östlich von Bologna) keine falsche Sicherheit suggeriert.

Die Frage, ob Nikola Portner noch ein Torhüter von internationalem Format ist, mag aufgrund seiner Verdienste und Erfolge (dreifacher Champions-League-Sieger) schon fast blasphemische Züge haben. Gleichwohl ist die Frage nicht unberechtigt. Denn Portner macht eine extrem schwierige Phase durch.

Nikola Portner, obwohl in Magedeburg aufs Abstellgleis gestellt, beweist gegen Italien, dass er nichts von seiner Klasse eingebüsst hat.
Bild: Andreas Becker/Keystone

Obwohl er nach dem dubiosen Dopingfall - ihm wurde eine Kleinstmenge Crystal Meth nachgewiesen - seit Jahresbeginn wieder spielberechtigt ist, kommt er beim deutschen Vorzeigeklub Magdeburg nicht mehr zum Zug. Im Januar machten Gerüchte die Runde, er würde zum ungarischen Top-Klub Szeged wechseln. Portner dementierte gegenüber dieser Zeitung, versicherte, er würde seinen Vertrag in Magdeburg bis 2027 erfüllen, weil ihm der Klub signalisiert haben soll, weiter auf ihn zu setzen.

Portner spielt, als wäre er im Rhythmus

Kurz darauf wurde die Vertragsauflösung kommuniziert. Portner, so Gerüchten zufolge, hätte die Saison leihweise bei einem Mittelfeldklub der Bundesliga beenden können. Doch er wollte nicht. Stattdessen ist er in Magdeburg überzählig. Wie und wo es mit dem Nati-Captain in der kommenden Saison weitergeht, ist bis dato immer noch nicht offizialisiert.

In dieser Gemengelage, ohne Spielpraxis und mit ungeklärter Zukunft, konnte man durchaus Fragezeichen hinter den Formstand Portners stellen. Nach dem Spiel ist die Sorge um Portner so überflüssig wie eine Grippe während des Urlaubs. Der Goalie wehrt 5 Penaltys ab und glänzt mit weiteren Paraden aus dem Spiel heraus.

Manuel Zehnder kann noch ein Unterschiedsspieler sein

Ein Leidensgenosse von Portner bei Magdeburg ist sein Nati-Kollege Manuel Zehnder. Der Hochbegabte wird zwar temporär eingesetzt, aber über eine Statistenrolle kommt er gleichwohl nicht hinaus. Fünf Tore in acht Einsätzen lautet Zehnders Bilanz.

Nicht, dass er gegen Italien eine Gala abliefert. Aber Zehnder ist definitiv viel besser als es seine Bundesliga-Bilanz vermuten lässt. Wie seine Kollegen hat zwar auch er Mühe, ins Spiel zu finden. Unter anderem wegen der mangelhaften Qualität der Abschlüsse. Aber nach seinem ersten Zaubermoment (19.) zum 7:12 fällt ziemlich viel Ballast ab. Zehnder spielt befreiter. Und auch wenn sein Spiel weiterhin einigen Schwankungen unterliegt, deutet er mit fünf Treffern doch an, weiterhin ein Unterschiedsspieler sein zu können.

Paradiesvogel Bob Hanning für einmal ziemlich blass

Welche Enttäuschung. Da dachten wir, den schrillsten Vogel der Handballwelt bewundern zu können. Okay, Italiens Coach Bob Hanning, im Hauptberuf Geschäftsführer der Füchse Berlin, war natürlich schon im Hallenstadion. Aber für einmal überraschend dezent gekleidet.

Italiens Coach Bob Hanning (rechts), hier als Geschäftführer der Füchse Berlin im Einsatz, sorgt normalerweise mit seinen Outfits für Aufsehen.
Bild: Andreas Gora/Keystone

Normalerweise sorgt er mit seinen Outfits für Gesprächsstoff. Zuletzt, als Handball-Legende Stefan Kretzschmar zu Hannings goldenem Pullover meinte: «Das war die ganz grosse Kunst der Verkleidung.» In Zürich sehen wir Hanning in einer ordinären, dunkelblauen Trainerjacke mit italienischem Wappen auf der Brust.

Das Hallenstadion ist noch eine Nummer zu gross

Gegen Italien im Hallenstadion anzutreten, schien ein ziemlich ambitionierter Plan zu sein. Einerseits, weil die Handball-Nati noch nicht der ganz grosse Publikumsmagnet ist. Andererseits, weil die Kosten für diese Arena ziemlich hoch sind. Mit 5000 Zuschauern komme es finanziell gut, meinte der Medienchef. Bedenkt man, dass wegen den Italienern kaum einer ins Hallenstadion kommt, sind auch 5000 eine stolze Ansage. Schliesslich sind 4850 im Stadion. Also mit einem blauen Auge davon gekommen.

Noam Leopold überstrahlt alle

Was übrigens auch sportlich gilt. Was die Nati in den ersten 20 Minuten abliefert, ist etwas vom fürchterlichsten, was wir von dieser Mannschaft gesehen haben, seit Andy Schmid deren Trainer ist. Die Abschlüsse sind von mieser Qualität. Defensiv fehlt die Galligkeit, der Zugriff. Alles wirkt statisch und emotionslos. Die Konsequenz des pitoyablen Auftritts: Die  Schweizer liegt phasenweise mit fünf Toren zurück.

Noam Leopold (rechts) zeigt gegen Italien eine überragende Darbietung.
Bild: Andreas Becker/Keystone

«Die grösste Überraschung an diesem Abend war für mich, dass wir so miserabel ins Spiel gestartet sind», resümiert Trainer Andy Schmid. «Wir haben viel zu viel ausprobiert. Aber wir sind keine Mannschaft, die Dinge ausprobieren soll. So weit sind wir noch nicht. Aber was wir die restlichen 40 Minuten gespielt haben, war richtig gut.» Neben Portner den wohl grössten am einigermassen befriedigenden Resultat hat Flügelkünstler Noam Leopold, der aus neun Abschlüssen ebenso viele Tore erzielt. Und Luca Sigrist, der in der zweiten Halbzeit mit fünf Treffern einmal mehr einen Beleg für sein riesiges Potenzial abliefert.

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