Wendy Holdener: Mit dem Velo auf die WM-Piste von Crans Montana
Wenn Wendy Holdener den Ausdruck «Heim-WM» hört, beginnen die Augen zu leuchten. Weil Erinnerungen an 2017 aufkommen. Damals, in St.Moritz, gewann Holdener Slalom-Silber und Kombinations-Gold. «Es war die erste Saison, nachdem ich so richtig durchgestartet bin. Vielleicht werde ich bald einmal meine Notizen hervorsuchen und schauen, was ich dort noch alles für Erinnerungen aufgeschrieben habe.»
Mit der Aussicht auf die nächste Heim-WM hat Holdener in diesem Sommer Crans Montana bereits besucht. «Ich bin mit dem Velo die Rennpiste runtergefahren.» Eine erste Annäherung an den Ort also, an dem etwas Magisches geschehen soll.

Wobei: Im Hinblick auf diese Saison hat Holdener etwas beschlossen: «Ich habe nicht mehr gross Lust, über Resultate reden! Ich habe mir als Ziel genommen: Wie habe ich am Renntag das richtige Mindset? Ich will nicht einfach mitfahren, das wissen alle. Das sage ich ja jedes Jahr. Wenn ich die richtige Einstellung habe, dann lege ich mir weniger Steine in den Weg am Renntag.» Warum? Tut es ihr nicht gut? «Letztes Jahr wollte ich ganz klar Olympiasiegerin werden und habe klar an diesem Ziel gearbeitet. Das hat mir sehr viel Energie geraubt. Auch, weil ich danach die Enttäuschung verarbeiten musste.» Holdener wurde Vierte, fast zwei Sekunden hinter Gold-Gewinnerin Mikaela Shiffrin.
«Dann musste ich innerlich rausfinden: Was sind die nächsten Ziele? Diese möchte ich nun nicht mehr so krass und hart definieren wie letztes Jahr.» Um dies zu erreichen, arbeitet Holdener mit einem Mental-Coach zusammen. «Er sagte mir: Ganz wichtig ist, nun nicht einfach proaktiv das Gegenteil zu machen. Und ich muss auch nicht alles genau festlegen, was wie sein soll. Sondern einfach auch mal aufs Herz hören.»
Vater Loïc Meillard: «Es sollte nicht mehr Weltmeisterschaften geben»
«Welcome home little girl!» Es ist Ende Mai, als Loïc Meillard die Geburt seiner ersten Tochter verkündet. Es ist das nächste Highlight eines aussergewöhnlichen Jahres. Drei Olympia-Medaillen, die Hochzeit mit Zoé Chastan, der langjährigen Medienbetreuerin der Schweizer Ski-Männer. Und nun eben: Vater.
Wie verändert sich das Leben dadurch für Meillard? «Am Ende ist nichts riesig anders – aber gleichzeitig auch ganz viel», sagt der bald 30-Jährige. Und erzählt ein kleines Beispiel aus der Saison-Vorbereitung: «Anstatt wie früher eine Trainingseinheit am Morgen und eine am Nachmittag zu machen, habe ich versucht, beides in eine Einheit zu verpacken. So konnte ich am Nachmittag Familienzeit geniessen.»
Speziell war für Meillard der temporäre Abschied von seiner Familie vor dem gut dreiwöchigen Trainingslager in Neuseeland. «Da hat das Herz natürlich weh getan. Aber es gehört zum Job und ich konnte mich ja genügend darauf vorbereiten», sagt Meillard. Ob und wie seine Familie ihn während der kommenden Saison begleitet, ist noch nicht abschliessend definiert. «Sie werden einmal ein Rennen schauen kommen, mal nicht – das sehen wir dann.»

Meillard hat sich in den letzten Jahren zum Spezialisten für Grossanlässe entwickelt. Er ist Slalom-Weltmeister, Slalom-Olympiasieger, gewann dazu jeweils die Bronze-Medaille im Riesenslalom und je eine in der Team-Kombination. «Es wird auch wieder ein Grossanlass kommen, wo ich keine Medaille gewinne – aber das ist nicht schlimm. Meine Medaillen kann mir niemand mehr wegnehmen.»
Doch vielleicht hilft ihm diese Ausgangslage vor der Heim-WM ja umso mehr. «Stimmt, ich habe weniger Druck und kann es mehr geniessen.» Wobei Meillard ergänzt: «Bei WM und Olympia zählt nur dieser eine Tag, nur die Medaille. Da musst du bereit sein und liefern. Ich mag diese Ausgangslage.»
Apropos WM: In der Diskussion, ob es künftig in jedem Jahr eine WM geben sollte, hat auch Meillard eine klare Meinung: «Ich verstehe die FIS, dass sie zusätzliche Weltmeisterschaften möchte, um mehr Geld zu verdienen. Aber aus Athleten-Sicht sage ich: Der Wert einer Medaille sinkt. Darum würde ich auf zusätzliche Weltmeisterschaften verzichten.»

Corinne Suter: Nur nicht zu viel überlegen
Es ist das Jahr 1 nach Lara Gut-Behrami. Und weil auch Michelle Gisin verletzt ist, bleibt nur eine für die Rolle als Team-Leaderin: Corinne Suter. Wie geht die 32-jährige Schwyzerin damit um? «Das sehen wir dann – ich bin selbst gespannt darauf, wie ich mit diesem Druck umgehe», sagt Suter lachend. «Am Ende ist der Skisport ein Einzelsport. Man fährt für sich – auch wenn natürlich jeder und jede gerne gut das Land repräsentiert. Ich weiss einfach: Wenn ich zu gross herumstudiere, ist das nur verlorene Energie.»

Suter konnte in der letzten Saison wegen Verletzungen erst im Januar einsteigen. Und kam erst nach den Olympischen Spielen so richtig in Fahrt. Der Sieg in der Abfahrt von Andorra und die zwei weiteren Podestplätze sorgten dann aber immerhin für einen versöhnlichen Abschluss. «Und es gab mir viel Motivation für das Sommertraining.» Die Vorfreude auf den Speed-Saisonstart anfangs Dezember in Beaver Creak ist jedenfalls gross. «Vor zwei Jahren konnte ich es nicht so richtig geniessen, weil es das erste Rennen nach dem Kreuzbandriss war – ich hoffe, es ist diesmal anders.»
Franjo von Allmen: Der Blick zurück ist keine Stärke
Wenn der dreifache Olympiasieger über seine Motocross-Aktivitäten erzählt, blüht er regelmässig auf. Franjo von Allmen macht klar, dass er sich diesen sommerlichen Ausgleich zum Skisport auch dann nicht nehmen würde, wenn jemand auf die Idee kommen sollte, es ihm ausreden oder gar verbieten zu wollen. «Es ist zum einen ein Ausgleich, bei dem ich abschalten kann. Zum anderen sehe ich auch viele Parallelen zum Skifahren. Man muss adaptieren und reagieren können und auch die Ausdauer wird trainiert.»

Eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Skisport ist die Risikobereitschaft, die man mitbringen muss. Hat Franjo von Allmen vor gar nichts Angst? «Eigentlich nicht. Höchstens davor, ein Interview auf Französisch geben zu müssen.»
Der 25-Jährige ist nicht der Typ, der oft und lange zurückblickt. So sind die goldenen Tage von Bormio schon beinahe verblasst. «Ich muss mich manchmal sogar dazu zwingen, innezuhalten. Ich weiss, dass ich etwas erreicht habe, das wohl nicht so schnell wieder passieren wird. Aber meine Konzentration ist nun wieder auf die neue Saison gerichtet. Olympia ist schon wieder sehr weit weg.»
Camille Rast: Im Super-G-Training mit Dominik Paris
In Crans Montana geht Camille Rast als Titelverteidigerin im Slalom an den Start. «Schon einmal eine Frage weniger, die ich von euch hören werde – die Medaille habe ich schon, und einen Druck weniger», sagt sie und lacht.
Vor einem Jahr litt Rast vor Saisonstart noch beträchtlich unter ihren Hüftproblemen. Nun ist ihr Befinden besser – aber weg sind die Schmerzen gleichwohl noch nicht ganz. «Die Ärzte sprachen seit Beginn von einem bis zwei Jahren, und Skifahren ist halt schon nicht gerade die beste Medizin. Aber es geht mir besser. Und das Ziel ist, dass ich in einem Jahr hier sitzen und sagen kann: alte Geschichte!»

Eine Frage, welche die 27-Jährige begleitet, ist: Fährt sie neben Slalom und Riesenslalom demnächst auch Super G? Dann könnte sie zur Anwärterin auf den Gesamtweltcup werden. Antwort Rast: «Non! Ist nicht geplant.» Bilder auf ihren Social Media Kanälen zeigten sie kürzlich beim Super-G-Training mit Dominik Paris. Der Grund dafür sind nicht die Ambitionen. «Sondern schlicht, weil mein Servicemann sehr nahe von Paris wohnt.» Der Spass am Trainingstag war gross. Rast erzählt: «Er sagte mir: <Einfach nicht stürzen, dann ist alles gut!> Ja danke vielmals…» Sie selbst konzentriert sich also weiter auf ihre Kerndisziplinen, «leider hat das Jahr nur 52 Wochen.»
Daniel Yule: Rennhund gibt jetzt im Training Gas
Der Walliser ist mit sieben Weltcupsiegen der erfolgreichste Schweizer Slalomfahrer der Skigeschichte. Im Januar 2020 gewann der Sohn britischer Eltern sogar drei Rennen in Serie. Doch seit zwei Jahren harzt der Motor. Selbst der Skiwechsel zu Atomic nach 19 Jahren bei Fischer stoppte die Abwärtstendenz beim 33-Jährigen nicht. Platz 11 in Gurgl blieb das beste Resultat der gesamten Saison.

Frage an Daniel Yule: Wann wird er Ende Saison von einem guten Winter sprechen? «Ich muss spüren, dass es in eine gute Richtung geht. Die letzten zwei Saisons waren enttäuschend. Ich will am Start stehen mit der vollen Überzeugung, dass man wieder mit mir rechnen muss.»
Um dies zu erreichen, hat Yule sein Mindset angepasst. Er werde zwar auch in Zukunft kein Trainingsweltmeister sein, «aber vielleicht war es auch eine Ausrede, immer zu behaupten, ich sei halt der Renntyp. Ich habe mir vorgenommen, mit höheren Erwartungen und höherer Intensität in die Trainings zu gehen – auch wenn ich das Adrenalin nach wie vor nicht spüre.»
Malorie Blanc: Positive Antworten auf offene Fragen
Sie habe im Frühling viele Fragen gehabt, sagt Malorie Blanc zum unerwarteten Abschied ihres Trainers Stefan Abplanalp nach nur einer Saison. Die 22‑jährige Speedspezialistin war ebenso überrascht über diesen Vorgang wie der Rest des Teams und hätte sich rückblickend «eine bessere Kommunikation» gewünscht.
Inzwischen sind die Wogen geglättet und die Waadtländerin spricht punkto neuer Trainer an ihrer Seite «von einer Chance, Neues kennenzulernen und eine andere Perspektive zu erhalten. Die ersten Eindrücke sind positiv, die Leute sind wirklich cool. Man spürte in Zermatt und in Chile die Ruhe, welche sie mitbringen. Ich habe ein gutes Gefühl».

Nicht in Erinnerungen schwelgen will Malorie Blanc auch in Bezug auf ihren Sieg im Super-G bei der WM-Hauptprobe in Crans-Montana. Das mache sie nicht zur Topfavoritin für die Titelkämpfe. «Jedes Rennen beginnt wieder von vorn – egal, ob es die gleiche Strecke ist. Ich kann nicht einfach dasselbe tun wie im Vorjahr. Es würde nicht funktionieren.» Was sie mitnehme, seien die positiven Emotionen und das Wissen, «dass es eine wirklich schöne WM-Strecke mit vielen technischen Passagen ist».
Luca Aerni: Neuer Optimismus auch im Slalom

Der Routinier hat in jüngster Zeit einen beeindruckenden Wandel vollzogen. Zwischen Januar 2014 und Januar 2024 klassierte sich der 33-Jährige im Weltcup insgesamt 16-mal in den Top 10 eines Slaloms. Seither nie mehr. Im vergangenen Winter schaffte es der Berner mit Wurzeln im Wallis kein einziges Mal in den zweiten Lauf.
Dafür setzte Aerni im Riesenslalom zum Höhenflug an und sammelte in den vergangenen zwei Winter seine ersten vier Top-10-Plätze im Riesenslalom. Nun traut sich Luca Aerni im hohen Skifahreralter auch wieder bessere Leistungen im Slalom zu: «Im Training investiere ich nach wie vor 50 Prozent in den Slalom. In diesem Sommer in Neuseeland waren mein Speed und mein Timing wieder deutlich besser.»
Den Grund sieht er beim Wechsel auf ein älteres Skimodell. Aber Aerni ist Realist genug, um zu wissen, dass es mit Startnummer 60 «sicher schwierig wird. Aber wenn ich gut Ski fahre, kann es auch hier in die Punkte reichen.»




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