
Am Vorabend von Weltklasse Zürich unterhielten sich zwei in die Jahre gekommene Sportler an der Gala für geladene Gäste vorzüglich. Der bald 70-jährige US-Amerikaner Edwin Moses dominierte über Jahre den Hürdenlauf, sorgte auch bei Weltklasse Zürich für magische Momente und grosse Siege. In den Siebzigerjahren blieb Moses sogar in 122 Rennen in Serie ungeschlagen.
Erst 1992 entriss ihm Landsmann Kevin Young den Weltrekord, lief als erster Athlet unter 47 Sekunden (46,78). Youngs Bestmarke blieb bestehen, bis 2021 ein gewisser Karsten Warholm durchstartete. An der Heritage Night von Weltklasse Zürich amüsierten sich Moses und der elf Jahre jüngere Young köstlich. War da etwa eine Art Vorfreude zu erkennen?
Kurz zuvor sagte Karsten Warholm wenige hundert Meter entfernt an der Pressekonferenz auf die Frage, ob im Letzigrund ein Weltrekord in der Luft liegt, es sei halt damals bei den Olympischen Spielen in Tokio «ein ganz spezieller Abend gewesen. Wir haben Grenzen verschoben.»
24 Stunden später staunen Moses und Young auf der Tribüne ebenso wie Karsten Warholm unten auf der Bahn. Denn sein Weltrekord von 45,94 fällt tatsächlich. Aber für einmal ist nicht der Norweger der Hauptdarsteller, sondern auf der Bahn daneben der 26-jährige Brasilianer Alison Dos Santos.

Er, der die Rennen im Normalfall viel langsamer angeht als Konkurrent Warholm, rennt los wie von der Tarantel gestochen. Und zieht gnadenlos durch: 45,80 - Weltrekord! «Ich wusste, dass es heute möglich ist», sagt Dos Santos, «dieses Publikum, diese Atmosphäre und diese perfekten Bedingungen».
Der zwei Meter lange Brasilianer mit dem WM-Titel 2023 als grösstem persönlichen Erfolg, blickt auf eine bewegte Kindheit zurück. Bei einem Haushaltsunfall erlitt er im Alter von 10 Monaten Verbrennungen dritten Grades am Kopf, auf der Brust und am linken Arm. Dos Santos liess sich durch diesen schweren Start ins Leben nicht davon abhalten, gross zu träumen. Und sich nun bei Weltklasse Zürich als schnellster Hürdenläufer der Welt zu feiern.
800 m: Audrey Werro noch einmal schneller
Das Duell der weltbesten Frauen über 800 m wird immer prickelnder. Hauptdarstellerin bleibt Audrey Werro, auch wenn das Rennen in Zürich für einmal anders verläuft als all die Exploits der 22-jährigen Freiburgerin zuvor in dieser Saison. An die Fersen der niederländischen Tempomacherin, die auf Weltrekordkurs programmiert ist, macht sich nämlich überraschend Femke Broeders-Bol. Erst dahinter folgt Werro, wohl selbst ein wenig erstaunt über die offensive Herangehensweise des früheren 400-m-Hürden-Stars. Vielleicht ist Femke Broeders-Bol auch nur geflasht vom Weltrekord des Brasilianers Dos Santos kurz zuvor.
Erst vor der Schlusskurve überholt die Schweizerin ihre Dauerrivalin und stürmt im Wahnsinnstempo in Richtung Ziellinie. Die Zeit stoppt bei 1:53,70. Damit senkt Werro beim fünften Sieg in der diesjährigen Diamond League ihren Schweizer Rekord um weitere 10 Hundertstel. Auch wenn der Fabelweltrekord von Jarmila Kratochvilova von 1983 auch nach Weltklasse Zürich bestehen bleibt, gibt es für die 23'000 Zuschauerinnen und Zuschauer kein Halten. Audrey Werro wird gefeiert wie ein Popstar. In ihrem Rücken läuft auch Broeders-Bol zum ersten Mal unter 1:55 und verbessert den niederländischen Rekord auf 1:54,74. Die Leichtathletik-Welt darf sich auf weitere atemberaubende Duelle freuen.
100 m Hürden: Olympiasiegerin läuft Weltrekord
Dass Masai Russell unglaublich schnell über die Kurzhürden sprinten kann, wusste man bereits im Vorfeld des Zürcher Meetings. Schliesslich hielt die 26-jährige US-Amerikanerin mit 12,14 bereits die Jahresweltbestleistung. Und ein Experte schrieb in seinem Leichtathletik-Blog Stunden vor Weltklasse Zürich, ein Weltrekord sei ein realistisches Szenario.

Spätestens nach dem Rennen darf sich der Experte mit Stolz auch so bezeichnen. Russell gelingt das perfekte Rennen, die Olympiasiegerin von Paris stürmt in 12,09 Sekunden ins Ziel und verbessert die bestehende Marke der Nigerianerin Tobi Amusan um drei Hundertstelsekunden. Wie im Hürdenrennen der Männer muss die bisherige Weltrekordhalterin den Exploit ihrer Nachfolgerin von Position 2 aus mitverfolgen.
Nach ihrer Verletzung weiterhin kein Faktor an der Weltspitze ist Weltmeisterin Ditaji Kambundji. Die 24-jährige Bernerin beendet das Rennen als Siebte in einer bescheidenen Zeit von 12,82. Beim WM-Titel in Tokio lief Kambundji 12,24. Die neue Weltrekordhalterin Masai Russell wurde im vergangenen September nur Vierte.
Stabhochsprung: Ein dritter Weltrekord liegt in der Luft
Mondo Duplantis sagte am Tag vor Weltklasse lapidar: «Ich glaube nicht, dass ich später einmal zurücktreten kann, ohne in Zürich einen Weltrekord gesprungen zu sein. Es ist Weltklasse Zürich, das prestigeträchtigste Meeting der Welt.»
Nur ein Hauch fehlt dem schwedischen Dominator im hochstehendsten Stabhochsprung-Wettkampf der Geschichte, und er hätte die neue Bestmarke von 6,32 m übersprungen. Es wäre der 16. Weltrekord gewesen. So musste er sich vorerst mit einem neuen Stadionrekord von 6,25 m zufrieden geben. Vor zwei Jahren wäre das noch Weltrekord gewesen.
Doch Duplantis war ausnahmsweise nicht der einzige Athlet, der sich auf der noch nie überquerten Höhe versuchte. Der Grieche Emmanouil Karalis liess sich zuerst für einen neuen Landesrekord von 6,20 m feiern und zeigte anschliessend, dass auch er eines Tages Sprüng auf dem Niveau von Duplanits Bestmarken in den Beinen hat. Mit dem Norweger Sondre Guttormsen flog sogar ein dritter Sprinter über 6 Meter. Eine Flugshow der Extraklasse vor den Augen von Angelica Moser, die am Vortag überzeugt hatte.
Ein anderer Grieche lässt sich hingegen einmal mehr nicht bezwingen. Weitspringer Miltiadis Tentoglou ballt die Faust, als ihm im vierten Versuch ein Sprung auf 8,45 m gelingt. Simon Ehammer muss sich trotz persönlicher Letzigrund-Bestweite von 8,14 m eingestehen, dass an diesem Abend neben Tentoglou vier weitere Athleten besser sind als er.
110 m Hürden: Europameister Joseph gewinnt wieder bei Weltklasse
Jason Joseph macht es im «Jason-Style»: Nach 50 Metern noch mit mächtig Rückstand, beschleunigt kein Hürdensprinter derart überzeugend wie der 27-jährige Baselbieter. Joseph überholt wie bei seinem EM-Titel in Birmingham über die letzten Hürden seine schärfsten Kontrahenten und gewinnt bei Weltklasse Zürich zum zweiten Mal nach 2023. Die 13,11 Sekunden sind seine beste Zeit des Jahres, aber der Traum, die Schallmauer von 13 Sekunden zu durchbrechen, bleibt auch an diesem Abend unerreicht. Im Letzigrund schlägt Joseph den hochgehandelten Amerikaner Trey Cunningham. Dieser ist in der aktuellen Saison bereits 12,98 gelaufen.

200 m: Fabienne Hoenke mit einem Prestigesieg
Der Aufstieg der Schweizer Sprinthoffnung Fabienne Hoenke geht weiter. Die 22-jährige Aargauerin gewinnt bei Weltklasse Zürich das erste Mal ein internationales Rennen bei der Elite. Die Siegerzeit von 22,53 Sekunden ist das drittbeste Resultate ihrer Karriere. Geschlagen hat Hoenke unter anderem die noch ein Jahr jüngere Australierin Torrie Lewis, die 2024 an der Junioren-WM über 200 m Silber gewann. Nach wie vor mit beträchtlichem Rückstand absolviert Mujinga Kambundji ihre Rennen. In 23,61 bleibt nur der letzte Platz im Feld.

100 m: Olympiasiegerin Julien Alfred läuft Landesrekord
Ein unglaublich hochstehendes Duell liefern sich Olympiasiegerin Julien Alfred von der Karibikinsel St. Lucia und Weltmeisterin Melissa Jefferson-Wooden aus den USA. Beide laufen in 10,70 ins Ziel, Alfred tut dies auf der «piste magique» fünf Tausendstelsekunden schneller als ihre Konkurrentin. So schnell war die 25-Jährige zuvor noch nie unterwegs. Julien Alfred jubelt beinahe so emotional wie bei ihrem Olympiagold in Paris. Géraldine Di Tizio-Frey muss realisieren, wie gross der Abstand zwischen Europas Spitze und den Weltbesten ist. Sie kommt mit 11,21 als Achte ins Ziel.
400 m: Lionel Spitz führt genau Buch
Es sei seine insgesamt 35. Zeit unter 46 Sekunden, bilanziert der beste Schweizer 400-m-Läufer Lionel Spitz. Seine im Letzigrund gelaufenen 45,29 gehören sogar zu den persönlichen Top 6. Nur etwas gelingt dem 25-Jährigen aus Adliswil mit dem Übernamen «Babyface Killer» einfach nicht: eine Zeit unter 45 Sekunden und damit die Verbesserung des Schweizer Rekords von Martin Rusterholz (44,99) aus dem Jahr 1996. «Es sind die schwierigsten drei Zehntel meines Lebens», sagt Spitze und kündigt den nächsten Versuch am Sonntag in Bellinzona an.



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