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Podcast «Tückische Millionen»

Vor bald zehn Jahren verdrehte ein türkischer Milliardär dem FC Wil den Kopf – wir liefern im achtteiligen Podcast neue Antworten zu alten Fragen

Ende 2014 begann in Wil eine der aufregendsten und seltsamsten Geschichten im Schweizer Fussball. Der türkische Grossunternehmer Mehmet Nazif Günal warb um die FC-Wil-Aktien und übernahm den Klub schon bald darauf. Unser Podcast «Tückische Millionen» rollt das spezielle Kapitel im Schweizer Fussball neu auf und liefert neue Erkenntnisse. Weshalb kamen die Türken? Weshalb gingen sie? Und welche Schweizer profitierten vom «Türken-Deal»?
Eines der wenigen Bilder aus jener Zeit: Es zeigt den Milliardär Mehmet Nazif Günal (Mitte) zusammen mit Ex-FC-Wil-Präsident Roger Bigger (links) und Günals Statthalter Abdullah Cila (rechts) zeigt.
Bild: Benjamin Manser (Winterthur, 18. 7. 2015)

«Ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass der FC Wil die Kurve nicht kriegen wird.» Was Anfang 2017 viele dachten, dachte auch Marc Juillerat, beim Schweizerischen Fussballverband damals wie heute zuständig für Klub-Lizenzierungen. Er sagt dies in unserem Podcast «Tückische Millionen», in dem wir in acht Folgen die eineinhalbjährige türkische Ära im FC Wil neu aufrollen (siehe Infobox). Juillerat spricht von der Zeit, als dem FC Wil der Zwangsabstieg drohte, weil der türkische Investor Mehmet Nazif Günal seine Entourage in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Wil abgezogen hatte – und mit ihr die Millionen, die er dem Klub seit Sommer 2015 regelmässig bezahlt hatte. Für den FC Wil begann damals ein Überlebenskampf. Das Herzblut und die Kraft, welche die verbliebenen Schweizer im Klub in die Rettung des Vereins steckten, bezeichnet Juillerat heute als «die positive Sache an einem grossen Schlamassel».

Der Klub kriegte die Kurve damals. Und auch heute noch spielt er in der Challenge League. Er tut dies seit 2004 und ist damit Liga-Rekord-Dauergast. Glänzende Zeiten durchlebt der FC Wil auch in der aktuellen Saison nicht. Zwar haben sich die Ostschweizer nach einem Saison-Fehlstart gefangen, den FC Winterthur im Cup an den Rand einer Niederlage gebracht und sich im Mittelfeld der Tabelle stabilisiert. Doch die Träume wachsen nicht in den Himmel.

Es wird geflucht, gehofft, entlassen und gepokert

Anders war das eben vor zehn Jahren. Am 6. Dezember 2014 weckt ein Telefonanruf die Wiler Hoffnungen, dem Schicksal der Mittelmässigen entrinnen zu können. Der Türke Erdal Keser meldet sich – ein ehemaliger türkischer Nationalspieler mit viel Bundesligaerfahrung und einem heissen Vorschlag für FC-Wil-Präsident Roger Bigger am anderen Ende. Ein türkischer Milliardär will Millionen in den Klub stecken.

Erdal Keser, der die Verbindung zwischen Günal und dem FC Wil herstellte.
Bild: Ralph Ribi (Wil, 12. 9. 2015)

Der Wiler Verwaltungsrat fängt Feuer, eines ergibt das andere – und in den folgenden Monaten werden Hunderte seltsame, amüsante, traurige und skurrile Kapitel geschrieben. Lebensläufe werden über den Haufen geworfen. Es «chlöpft», es wird geflucht, gehofft, entlassen und gepokert.

Podcast «Tückische Millionen» – ab sofort online

Ende 2014 nahm der türkische Bauunternehmer Mehmet Nazif Günal über einen Mittelsmann Kontakt mit dem FC Wil auf. 2015 übernahm er den Klub. 2017 zog er von dannen und hinterliess einen Scherbenhaufen.
Zehn Jahre später ist es an der Zeit, diese Geschichte neu aufzurollen, was wir in aufwendiger, mehrjähriger Recherche gemacht haben und im achtteiligen Podcast «Tückische Millionen» verarbeiten. Die erste Folge ist ab sofort auf unserer Website und App in der Rubrik Podcast zu finden – und überall dort, wo es Podcasts gibt. Für Abonnentinnen und Abonnenten sind bei uns alle acht Folgen direkt aufgeschaltet.

Es sind Kapitel, die im Podcast eine neue Bühne erhalten. Plötzlich ändern sich Perspektiven, plötzlich kommen die Leute ins Erzählen, erscheinen gewisse Dinge in einem anderen Licht. Jedenfalls steht die Günal-Delegation im Sommer 2015 im Bergholz, bringt ehemalige türkische und brasilianische Nationalspieler mit. Und neue Gepflogenheiten: Die langjährige Geschäftsstellenleiterin wird zur Vorzimmerdame, die mit Staunen die neuen, horrenden Zahlen in die Verträge schreibt und darüber hinaus gerade noch Kaffee machen darf. Im Stadion entsteht ein eigener Fitnessraum, Architekten aus Istanbul reisen an, um Stadionpläne zu präsentieren, Präsident Bigger wird schon bald Vizepräsident, von Günals Sohn verdrängt. Vor Spielen wird ausgiebig am türkischen Buffet diniert und diskutiert, zwischen den Spielen ausgiebig Fussballer eingekauft.

Spieler erzählen von Aufbruchstimmung, dann aber auch von Zerfallserscheinungen auf dem Feld und Streitereien in der Kabine («Ich war schockiert – niemand grüsste mehr»). Trainer wie Martin Rueda erinnern sich an taktische Einflussnahmen der Türken .

Martin Rueda treibt seine Wiler Spieler an. Er selbst verliert immer mehr an Einfluss auf das Team.
Bild: Samuel Schalch (Wil, 3. 10. 2016)

Eine Spur führt in die Innerschweiz

Von sportlichem Erfolg gekrönt ist die türkische Ära nie. Vielleicht auch, weil bald Konflikte aufkeimen zwischen der türkischen und der Schweizer Delegation – aber auch zwischen den Schweizern im Klub. Türkische Verantwortliche wie Günals streitbarer Statthalter Abdullah Cila sprechen im Podcast von argwöhnischen Schweizern und humorlosen Behörden («Was die mit mir gemacht haben, war grausam»). Lokale Politiker darüber, dass die Stadt Wil vielleicht halt doch eine ganz grosse Chance verpasst hat mit ihrer skeptischen Haltung gegenüber den ausländischen Investoren.

Und natürlich sind da die grossen Fragen: Weshalb kamen die Türken ausgerechnet nach Wil? (Günal-Mittelsmann Keser sagt: «Hier stimmte einfach alles.») Weshalb gingen sie so abrupt wieder? (Cila: «Günal sagte zu mir: Die wollen uns hier nicht!») Und: Wer waren die grossen Schweizer Profiteure vom Aktienverkauf an die Türken? Die Spur führt in die Innerschweiz: «Ich hatte auch schon Pech, jetzt hatte ich halt mal Glück», hören wir den Glücklichen im Podcast sagen.

Und ja, auch der ehemalige FC-St.-Gallen-Präsident Dölf Früh spielt seine Rolle. Weil auch er mit den Türken verhandelte. Über das Nachwuchsprojekt. Vielleicht aber noch um mehr? Irgendwann im Januar 2017 steht das Auto des Günal-Statthalters Cila in Kloten, er selber ist weg. Weg sind jetzt auch die Millionen. Und die Aktien. Ein riesiger Zufall hilft, diese wieder in den Besitz des Klubs zu bringen. Roger Bigger und Maurice Weber, der heutige Präsident, waren damals Teil der Taskforce, die den schlingernden FC Wil wieder in die Spur brachten. Und dorthin, wo er seit 20 Jahren fast immer steht: ins Mittelfeld der Challenge League.

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