US Open

Roger Federer bleibt der letzte Titelverteidiger – jetzt kämpfen vier Männer um den Thron

Roger Federer bleibt der letzte erfolgreiche Titelverteidiger der US Open. Nun kämpfen vier Spieler um den Titel in New York, die das Turnier noch nie gewonnen haben. Das sind die Halbfinalisten.

Als Roger Federer vor Beginn der US Open für einen Schaukampf nach New York reiste, wurde er gefragt, auf welche Leistungen er besonders stolz sei. Seine Antwort kam ohne Zögern: auf die fünf Titel in Serie, die er zwischen 2004 und 2008 bei den US Open gewonnen hatte. Seither konnte kein Mann den Erfolg vom Vorjahr wiederholen. Diesmal scheiterte der Titelhalter Carlos Alcaraz im Viertelfinal. Keiner der vier verbliebenen Spieler hat das Turnier schon gewonnen. Das sind die Halbfinalisten.

Der Kronfavorit: Alexander Zverev (29, ATP 2)

2020 erlebte er Alexander Zverev seine wohl bitterste Stunde, als er im fast leeren Arthur-Ashe-Stadion während der Coronapandemie gegen seinen Jugendfreund Dominic Thiem eine 2:0-Satzführung verspielte und verlor, nachdem er im fünften Satz bei 5:3 zum Sieg aufgeschlagen hatte. Erst knapp sechs Jahre später in Paris sollte sein Traum vom Grand-Slam-Titel in Erfüllung gehen. Nachdem er in den ersten beiden Runden der US Open zweimal fünf Sätze benötigt hatte, hat der 29-Jährige den Tritt gefunden und keinen Satz mehr abgegeben. Gewinnt der Deutsche das Turnier, stehen die Chancen gut, dass er im Herbst die Nummer 1 der Welt wird.

Der Aussenseiter: Karen Khachanov (30, ATP 50)

Karen Khachanov ist kein Lautsprecher. Während andere mit grossen Gesten oder markigen Sprüchen auffallen, lässt der Russe mit armenischen Wurzeln lieber den Schläger sprechen. Als Weltnummer 50 und erstmals seit acht Jahren bei einem Grand Slam ungesetzt, spielte er sich in den dritten Major-Halbfinal seiner Karriere, den zweiten nach 2022 in New York. In der zweiten Runde bezwang Kachanov den Halbfinalisten des Vorjahres, Félix Auger-Aliassime (ATP 3), und im Achtelfinal schaltete er den Amerikaner Learner Tien (ATP 15) aus – nach 1:2-Satzrückstand

Der Heimfavorit: Frances Tiafoe (28, ATP 12)

Nachdem er im Viertelfinal einen 0:2-Satzrückstand wettgemacht hat, steht der Amerikaner zum dritten Mal nach 2022 und 2024 im Halbfinal der US Open. Frances Tiafoe ist der Sohn von Immigranten, die aus dem Bürgerkrieg in Sierra Leone flüchteten. Die Familie hauste in einer kleinen Kammer auf einer Tennisanlage, wo der Vater Hausmeister war, während die Mutter als Krankenschwester arbeitete. Im grössten Tennisstadion der Welt (23'777 Plätze) fühlt sich der 28-Jährige besonders wohl. Es ist nach Arthur Ashe benannt, dem dreifachen Grand-Slam-Sieger, der 1972 als letzter afroamerikanischer Mann den US-Open-Halbfinal erreicht hat. Gewonnen hat der 1993 an Aids verstorbene Ashe in New York aber nie. Ein Sieg Tiafoes wäre von historischer Tragweite. Auch deshalb, weil seit Andy Roddick 2003 kein Amerikaner ein Major-Turnier gewonnen hat.

Der Entertainer: Ben Shelton (23, ATP 9)

Als er vor drei Jahren erstmals den Halbfinal der US Open erreichte, sorgte Ben Shelton mit seinem «Telefonjubel» für Aufsehen. Er spreizte seinen Daumen und den kleinen Finger der linken Hand ab und imitierte so ein Telefon. Dieses führte er erst zum Ohr, ehe er bidlich auflegte. Nachdem Novak Djokovic, er hatte alle drei vorangegangenen Grand-Slam-Turniere 2023 gewonnen, Shelton im Halbfinal ausgebremst hatte, imitierte er den Jubel. Seine Botschaft: Das Gespräch ist beendet. Und ich habe das letzte Wort. Djokovic erklärte später, das sei eine Reaktion auf Sheltons aus seiner Sicht respektloses Auftreten gewesen. Nun denn: Drei Jahre später steht Shelton erneut im Halbfinal der US Open. Im Viertelfinal rang er Titelverteidiger Carlos Alcaraz in elektrisierender Atmosphäre nach fast viereinhalb Stunden bezwungen. Das Spiel endete erst um 03.33 Uhr.

Die sonst doch eher nüchterne «New York Times» schrieb danach, das sei «kein Tennismatch» mehr gewesen, «sondern ein Schwergewichtskampf zwischen einem US-Akrobaten der Extraklasse auf der einen und einem Künstler mit Fähigkeiten, die sonst keiner beherrscht, auf der anderen Seite». Damit ist der Ton für den Halbfinal gesetzt, wo er auf Frances Tiafoe trifft. Dieser findet am 25. Jahrestag von 9/11 statt – einem Datum, das in den USA ohnehin mit viel Pathos aufgeladen ist. Damit steht auch jetzt schon fest, dass ein Amerikaner am Sonntag um den Turniersieg spielt.

Kommentare (0)