
Marlen Reusser schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie gewinnt das Zeitfahren bei der Tour de France und übernimmt als erste Schweizerin die Führung im Gesamtklassement. Angetreten war die Bernerin im Regenbogentrikot der Weltmeisterin. Nun darf sich die 34-jährige nach dem Erfolg in Dijon erstmals auch das Maillot Jaune überstreifen.
Für Reusser ist es der dritte Etappensieg bei der Tour de France. 2022 hatte sie das Ziel als Solistin erreicht, 2023 gewann sie im Zeitfahren. Nur drei Niederländerinnen haben bei der seit 2022 ausgetragenen Rundfahrt mehr Etappen gewonnen: Lorena Wiebes (7), Marianne Vos und Demi Vollering (jweeils 3). Die in der Schweiz lebende Vollering stand auch bei jeder Austragung auf dem Podest: 2023 gewann sie, dreimal wurde sie Zweite.

Rückschlag für Vorjahressiegerin
Im Gesamtklassement liegt Reusser nun 14 Sekunden vor Vollering. Die drittklassierte Französin Cédrine Kerbaol liegt bereits 55 Sekunden zurück. Einen Rückschlag hinnehmen musste ihre Landsfrau Pauline Ferrand-Prévot. Die Vorjahressiegerin büsste 2:13 Minuten auf Reusser ein.
Wie erwartet büsste die Norwegerin Sigrid Haugset für ihre Leistung vom Vortag, als sie nach einer 88 Kilometer langen Solofahrt die Führung übernommen hatte. Die 27-Jährige verlor über drei Minuten auf Reusser, klassierte sich im 65. Rang und rutschte auf den vierten Rang ab. Auch die zweite Schweizerin, Noemi Rüegg, büsste viel Zeit ein. Die 25-Jährige klassierte sich im 65. Rang. Davor hatte sie sich als einzige Fahrerin in allen drei Etappen der Tour de France Femmes in den Top Ten klassiert.

Königsetappe führt auf Mont Ventoux
Am Mittwoch und Donnerstag stehen zwei hügelige Etappen bevor, bei denen sich Reusser auf Angriffe gefasst machen muss. Das 140 Kilometer lange Teilstück von Macon nach Belleville-en-Beaujolais wartet mit acht Bergwertungen und fast 3000 Höhenmetern auf. Am Donnerstag sind es immerhin 2500 Höhenmeter, ehe am Freitag die Königsetappe ansteht.
Diese endet mit einer Bergankunft auf dem legendären Mont Ventoux, der erstmals in der Tour de France Femmes befahren wird. Am Tag danach steht die mit 171,9 Kilometer längste Etappe auf dem Programm. Sie führt nach Nizza und offeriert den Anwärterinnen auf den Gesamtsieg in einem anspruchsvollen Finale rund um den Col d'Èze Chancen auf Angriffe.

Reusser gilt nicht als Topfavoritin
Reusser blickt auf einen wechselvollen Frühling zurück. Anfang Jahr war sie bei einer Rundfahrt in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit 60 Kilometern in der Stunde gestürzt und hatte dabei eine Verletzung an der Schulter sowie eine Rissquetschwunde am linken Knie erlitten. Zwar gewann sie bei ihrer Rückkehr am 1. April den belgischen Halbklassiker «Quer durch Flandern», stürzte vier Tage später bei der Flandern-Rundfahrt aber erneut. Dabei erlitt sie einen Wirbelbruch, Prellungen im Lenden- und Kreuzbeinbereich sowie am Ischiasnerv.
Nach einem von Stürzen geprägten Frühjahr könnte die Tour de France für Marlen Reusser zur Geschichte ihrer Rückkehr werden. Mit dem Sieg im Zeitfahren und dem ersten Gelben Trikot ihrer Karriere hat sie den Grundstein gelegt – nun muss sie ihre Führung in den Bergen verteidigen.



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