Er hat keine Startnummer und fährt am Sonntag keinen Meter, obwohl er vor wenigen Tagen auf der Strecke trainiert hat. Trotzdem ist er überall. Seitdem er sich bei einem Sturz bei der Vuelta a Espana Mitte August das Schlüsselbein gebrochen hat, ist Tadej Pogacar ein unsichtbarer Mitfahrer.
Der Slowene ist das Gravitationszentrum des Radsports. Alles dreht sich um ihn. Sogar dann, wenn er gar nicht da ist. Das war im Vorfeld der WM in Montreal so, als er im Training ein letztes Mal sein Regenbogentrikot trug. Und es war auch jetzt so, vor der Europameisterschaft in seiner Heimat Slowenien. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, der 28-Jährige könnte nur gut einen Monat nach seinem Sturz und dem operativen Eingriff bereits wieder am Start stehen. Sein Name stand auf der vorläufigen Startliste.
Spanischer Arzt gibt grünes Licht
Die Europameisterschaft in Slowenien war für den Seriensieger mehr als ein weiteres Rennen. Es war ein wohl einmaliges Heimspiel, das er lange herbeigesehnt hatte. Umso verständlicher ist es, dass er alles unternahm, um antreten zu können. Der Chirurg Xavier Mir, der Pogacar in Barcelona operiert hatte, gab jedenfalls grünes Licht. Aus medizinischen Gründen spreche nichts gegen weitere Renneinsätze, berichteten spanische Medien.
Doch sein Team Emirates schob Pogacars Ansinnen einen Riegel und verweigert dem 28-Jährigen die Startfreigabe. «Sein Wunsch, dabei zu sein, ist verständlich. Eine EM in Slowenien stellt für ihn eine einmalige Chance dar», sagte sein Schweizer Teamchef Mauro Gianetti gegenüber der italienischen Sportzeitung «Gazzetta dello Sport», «aber wir müssen der Realität ins Auge sehen. Es ist noch zu früh, wieder einzusteigen.»
Immer wieder Differenzen mit Team
Pogacar beugt sich dem Machtwort seines Teams, bei dem er bis 2032 unter Vertrag steht und das ihm einen jährlichen Grundlohn von rund 8,4 Millionen Franken bezahlen soll. Kein Radprofi verdient mehr. Und wer so viel in einen Fahrer investiert, will ihn vor allem dort in Bestform sehen, wo im Radsport alles andere überstrahlt wird: bei der Tour de France.
Sie zu gewinnen, ist und bleibt Pogacars wichtigster Auftrag. Deshalb prallen sein Rennhunger und die Interessen seines Arbeitgebers immer wieder aufeinander. Schon in der Vergangenheit versuchte Emirates, ihn von Abenteuern abzuhalten: vom Giro d'Italia vor der Tour, vor allem aber von Paris–Roubaix, dem gefährlichen Ritt über das nordfranzösische Kopfsteinpflaster. Pogacar hörte die Bedenken – und fuhr trotzdem.
Rückkehr wohl in Australien
Diesmal hat sich das Team durchgesetzt. Und die Europameisterschaft dürfte nicht das einzige Rennen bleiben, das Pogacar auslassen muss. Auch bei der Lombardei-Rundfahrt am 10. Oktober ist nicht mit ihm zu rechnen. Ausgerechnet dort, wo er zuletzt fünfmal in Folge gewann und das Rennen beinahe zu seinem persönlichen Saisonabschluss gemacht hatte.
Pogacars nächster Renneinsatz ist erst für Januar vorgesehen. Er soll bei der Tour Down Under in Australien (16. bis 24. Januar) in die Saison starten. Bis dahin bleibt er ein unsichtbarer Mitfahrer. Einer ohne Startnummer, der keinen Meter fährt – und um den sich trotzdem weiterhin alles dreht.




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