
Ursprünglich als Revanche für das Eidgenössische Schwingfest organisiert, findet das Fest im zürcherischen Kilchberg nur alle sechs Jahre statt. Die Nachfrage für Tickets übersteigt das Angebot deutlich und die TV-Übertragungen erreichen Traumquoten. Doch wie funktioniert dieser Sport überhaupt?
A wie Arbeit: «Manne, a d’Arbet», heisst es zu Beginn des Schwingfests. Ihren Sport nennen die Schwinger Arbeit. Ebenso heilig ist vielen der Amateurstatus. Dass sich Samuel Giger unlängst zum Profitum bekannte, kam nicht überall gut an.
B wie Benotung: Beim Schwingen ist das Ziel, den Gegner auf den Rücken zu legen. Ein Kampf ist entschieden, wenn zweidrittel des Rückens oder beide Schulterblätter das Sägemehl berühren. Danach erhalten beide Schwinger eine Note. Wird der Gegner direkt auf den Rücken gelegt, gibt es eine 10,00. Muss der Sieger nachdrücken, erhält er eine 9,75. Für ein Unentschieden, im Schwingen gestellt genannt, wird bei einer aktiven Schwingweise eine 9,00 auf das Notenblatt geschrieben und sonst eine 8,75. Eine Niederlage wird mit 8,50 bewertet, oder in Ausnahmefällen bei attraktiver Gegenwehr mit 8,75. Wer nach sechs Gängen – oder acht am Eidgenössischen Schwingfest – am meisten Punkte vorweist, gewinnt das Fest. Das kann auch dazu führen, dass es mehrere Festsieger gibt. Wie 2021 in Kilchberg, als sich mit Fabian Staudenmann, Damian Ott und Samuel Giger gleich drei Schwinger feiern lassen durften.

C wie Coming-out: Als erster aktiver männlicher Spitzensportler sprach Curdin Orlik 2020 im «Magazin» öffentlich über seine Homosexualität. Das warf hohe Wellen. Von vielen wurde Orlik für den Mut bewundert, weil in Schwingerkreisen teils noch veraltete Weltbilder vorherrschen.
D wie Doping: Ist im Schwingen, wie in jeder anderen Sportart, verboten. Dennoch wurden schon Schwinger positiv getestet. Ein erster prominenter Fall war jener von Beat Abderhalden, der Bruder von Schwingerkönig Jörg Abderhalden. Bei ihm wurde 2001 ein erhöhter Testosteronwert festgestellt. Beat Abderhalden sagte 2014 zu dieser Zeitung: «Ich habe nie wissentlich gedopt.» Mit Martin Grab wurde 2018 der bisher bekannteste Schwinger überführt. Auch er beteuert seine Unschuld.
E wie Einteilung: Im Schwingen treffen Athleten von verschiedener Grösse, Gewicht und Qualität aufeinander. Vom Hobbyschwinger, der einmal pro Woche trainiert, bis zu den Besten, die täglich für den Erfolg arbeiten, ist alles dabei. Um diese Unterschiede auszugleichen und weil es keine Gewichtsklassen gibt, teilt das Kampfgericht den Schwingern möglichst gleich starke Gegner zu. Da mit dieser Methode im Verlauf des Fests immer Athleten aus der gleichen Region der Rangliste aufeinandertreffen, sind spannende Gänge bis zum Schluss gewährleistet. Trotzdem ist die Einteilung ein Politikum.
F wie Frauen: Nach wie vor gibt es in Schwingerkreisen Traditionalisten, die sagen, Frauen haben im Sägemehl nichts zu suchen – ausser als Ehrendamen oder Zuschauerinnen. Im Jahr 1992 wurde der Schweizerische Frauenschwingverband gegründet. Die Vereinigung mit etwa 180 Aktivschwingerinnen wird vom Eidgenössischen Schwingverband aber nicht offiziell anerkannt.
G wie Gaben: Am Ende eines Fests dürfen sich die Schwinger der Rangliste nach einen Preis aus dem Gabentempel aussuchen. Die Besten erhalten einen Lebendpreis. Weil die wenigsten Schwinger einen Landwirtschaftsbetrieb führen, ist es üblich, diese an den Züchter zurückzugegeben und dafür den Barwert ausbezahlt zu bekommen.
H wie Hauptschwünge: Das Schwingerlehrbuch führt etwa 100 Schwünge auf – die meisten Spitzenschwinger beherrschen davon aber nur etwa fünf oder sechs. Zu den Hauptschwüngen zählt der Kurz. Ebenfalls sehr beliebt sind der Gammen, der Bur, der Übersprung, der Hüfter und auch der Wyberhaken.
I wie Interesse: Das Schwingen erlebte in den vergangenen Jahren einen Boom. Über 350'000 Menschen besuchten an drei Tagen das Eidgenössische Schwingfest 2025 in Mollis. 56'500 Personen fanden in der Arena Platz. Am Kilchberger Schwinget sind am Samstag 10'000 Fans in der Arena dabei. Der Eintritt aufs Festgelände ist frei zugänglich. Dank TV-Übertragung wird das Fest aber erneut Rekordaufmerksamkeit erlangen. Das Schweizer Fernsehen hat sich die Rechte für die wichtigsten Feste bis ins Jahr 2028 gesichert.
J wie Jungschwinger: So werden Nachwuchsathleten im Alter von 8 bis 15 Jahren bezeichnet. Nebst 3000 Aktivschwingern zählte der Eidgenössische Schwingverband über viele Jahre ebenso viele Jungschwinger in seinen Reihen.
K wie Kranz: Das Eichenlaub ist bei den Schwingern begehrt. An einem Kranzfest werden die besten 15 bis 18 Prozent damit ausgezeichnet. Wer am Eidgenössischen einen Kranz holt, darf sich fortan Eidgenosse nennen. Hinter seinem Namen werden auf den Startlisten in Zukunft drei Sterne (***) aufgeführt. Schwinger, die an einem Teilverbands- oder Bergfest Eichenlaub holen, erhalten zwei Sterne (**), Kränze an einem Kantonalfest werden mit einem Stern (*) belohnt. Speziell: An den beiden eidgenössischen Anlässen Kilchberger Schwinget und Unspunnen-Fest gibt es keine Kränze zu gewinnen. Es zählt nur der Sieg.

L wie Lutz: Das Elixier des Schwingerfans. Der Kaffee mit Schnaps fehlt an keinem Schwingfest im Getränkeangebot. Manchmal wird der Lutz auch von fleissigen Helfern direkt an den Platz geliefert – gezapft aus Militär-Thermosbehältern, die auf dem Rücken getragen werden.
M wie Muni: Der Sieger eines Schwingfests erhält traditionellerweise einen Muni. Am Samstag in Kilchberg heisst dieser Ultimo.
N wie Nationalsport: Das Schwingen ist in seiner Art weltweit einzigartig. Zwar gibt es auch in den USA und Kanada kleine Schwingfeste, allerdings sind es Auswanderer aus der Schweiz und deren Nachkommen, die ins Sägemehl steigen. Der genaue Ursprung ist unbekannt, erste Darstellungen datieren aus dem 13. Jahrhundert. Erstmals geschichtlich überliefert wurde am Unspunnen-Fest 1805 geschwungen.
O wie Obmann: Der Präsident des Zentralvorstands des Eidgenössischen Schwingerverbandes wird Obmann genannt. Derzeit ist es der Freiburger Guido Sturny.
P wie Profi: Profis gab es im Schwingen bisher nicht – auch wenn die Besten dank Werbeeinnahmen längst vom Sport leben konnten. Nun hat der Thurgauer Sämi Giger kürzlich den Bann gebrochen und erstmals öffentlich zugegeben, sich vollumfänglich auf den Sport zu konzentrieren. Die meisten der absoluten Spitzenschwinger haben ihr Arbeitspensum sowieso schon längstens beträchtlich reduziert und trainieren auf professioneller Basis.
Q wie Qualität: Das Schwingen hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Während vor 20 Jahren noch Schwergewichte dominierten, sind es heute oft kräftige Modellathleten, die um den Sieg schwingen. Dadurch hat sich auch der Trainingsaufwand stark erhöht. Aus dem Schwingen wurde ein Spitzensport.
R wie Regeln: Im Schwingen ist Fairness sehr wichtig. Vor jedem Duell geben sich die Schwinger die Hand, danach wischt der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken. Aber auch für die Zuschauer gelten ungeschriebene Gesetze. So ist es verpönt, jemanden auszubuhen oder zu pfeifen. Wer seine Freude zeigen will, soll das mit einem Jauchzer und Applaus machen. Nicht erwünscht sind Regenschirme, welche die Sicht nehmen. Regnet es, ist die Militärpelerine Kult.

S wie Schwingerkönig: Am Eidgenössischen Schwingfest wird alle drei Jahre an zwei Tagen der König erkoren. Der Ehrentitel gilt lebenslang – einen ehemaligen Schwingerkönig gibt es nicht. 1945 und 1950 wurde kein König gekrönt, weil die Schwinger im Schlussgang, also im letzten Kampf des Tages, zu passiv kämpften.
T wie Turner: Schwinger müssen in korrekter Kleidung antreten, so steht es in den Regeln. Turnerschwinger sind auf dem Schwingplatz an ihren weissen Hosen und T-Shirts zu erkennen. Sie sind Mitglied in der Schwingsektion eines Turnvereines. Anders die Sennenschwinger: Sie gehören einem reinen Schwingklub an und tragen meistens Sennenhemden und dunkle Hosen.

U wie urchig: Folklore ist an Schwingfesten nach wie vor wichtig. So treten während der Wettkämpfe immer Mal wieder Jodlergruppen oder Alphornbläser auf. Zuletzt wurde das Schwingen auch in den Städten immer populärer. Mit Edelweisshemden gekleidet sitzen diese Fans auf den Sponsorentribünen. Denn Tickets sind auf dem normalen Weg kaum zu ergattern. Da die Nachfrage riesig ist, gehen die Kontingente an die Teilverbände, welche wiederum ihre Schwingklubs beliefern.
V wie Verbot: Obwohl sich Spitzenschwinger immer besser vermarkten und teils für ausländische Grossverteiler werben, darf während der Duelle im Sägemehl kein Sponsor oder Kleidungsmarke zu erkennen sein. Sonst drohen Sperre und Busse. Mittlerweile ist es den Schwingern erlaubt, in den Pausen eine Trainingsjacke oder eine Kappe mit Beschriftung zu tragen. Im Gegenzug müssen sie zehn Prozent ihrer Werbeeinnahmen dem Eidgenössischen Verband abgeben.
W wie Wasser: Traditionell hat es auf dem Schwingplatz einen aus Holz geschnitzten Brunnen, an dem sich die Schwinger vor dem Kampf treffen. Der Spritzer Wasser ins Gesicht wurde für viele Schwinger zu einem Ritual.

X wie x-fach: Erst ein Schwinger konnte den Kilchberger Schwinget, der nur alle sechs Jahre stattfindet, zweimal gewinnen: Karl Meli (1967/1973). Die Chance, dass es heuer einen neuen, zweifachen Kilchberg-Sieger gibt, ist gross: 2021 gewannen mit Fabian Staudenmann, Damian Ott und Samuel Giger drei Schwinger, die auch diesmal zum engsten Favoritenkreis gehören.
Y wie Youngsters: Unter den 60 Teilnehmern hat es einige vielversprechende Jungspunde dabei. Allen voran der Berner Michael Moser ist ein heisser Titelaspirant. Er gehört mit seinen 21 Jahren längstens zu den Bestens seines Fachs.
Z wie Zwilchhose: Die Schwinger greifen sich an den Zwilchhosen. Diese sind von Hand gefertigt und werden vom Veranstalter eines Fests gestellt. Seit 2010 trägt jeweils ein Kontrahent eine dunkle und der andere eine helle Hose, um sie besser zu unterscheiden.

Der Artikel wurde erstmals am 21. September 2021 publiziert.

Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.