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Schweizermeister

Geld regiert? Von wegen! Gottéron und Thun – die Kraft aus der Provinz

Freiburg ist erstmals Hockey-Meister. Und der FC Thun steht vor dem ersten Meistertitel seiner Geschichte. Ihre Erfolge sind Gegenentwürfe zu einer globalisierten Welt. Sie tun der ganzen Schweiz gut. Ein Essay.
Champagner gehört hier sonst nicht zum Angebot: Gottéron-Spieler Jacob De La Rose feiert mit den Fans.
Bild: Pascal Muller/freshfocus

Es sind zwei Triumphe, die kaum ins Bild passen. Sie entspringen der Peripherie – in einer Zeit, in der sich Macht und Kapital immer stärker in den urbanen Zentren konzentrieren. Zwei Städte mit nur rund 40 000 Seelen erleben sportliche Höhenflüge wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Es ist mehr als nur Sportromantik.

Wir sind versucht zu sagen: Eine Zufälligkeit, eine Laune, ein Irrtum der Fussball- und Hockey-Geschichte. Aber es steckt mehr dahinter: Die Kraft der Provinz. Die alten Römer erfanden das Wort als Bezeichnung für ein Verwaltungsgebiet ausserhalb des Zentrums ihres gewaltigen Reiches. Dem Begriff haftet etwas Herablassendes an. Dabei hat die Provinz einen Vorteil, den die Zentren längst verspielt haben: Sie kennt sich selbst.

Identität wächst aus der Begrenzung. In kleinen Städten – selbst für die Schweiz sind Thun und Freiburg keine Grossstädte – ist Identität kein Marketingbegriff, sondern Alltag. Man kennt sich, man versteht sich und man weiss, wofür man steht. Das gilt auch im Sport. Wo weniger Geld zirkuliert, zirkulieren mehr Werte.

Einzigartige Begeisterung: Während Gottéron in Davos sein letztes Spiel absolvierte, schauten zuhause in Freiburg 25'000 Fans auf Grossleinwand zu.
Bild: Pascal Muller / freshfocus

Bescheidenheit, Verlässlichkeit, Loyalität. In der Provinz sind das keine leeren Begriffe. Sondern Notwendigkeiten: Im Alltag, in der Führung, in der Politik. Und im Sport. Und wieder einmal ist es der Sport, der uns mit Gottéron und Thun inspirierende Beispiele liefert.

Weniger Geld führt zu besseren Teams

Der Mannschaftssport benötigt eigentlich teure Infrastrukturen und kann ohne Spieler aus der ganzen Welt kaum konkurrenzfähig sein. Im Eishockey haben es die Klubs aus der Provinz noch ein wenig einfacher. Es gibt kein globales Transferkarussell mit seinen Millionenströmen. Kein System, das Klubs zu «Spielerhandels-Unternehmen» verkommen lässt.

Ein Milliardengeschäft ist Hockey nur in Nordamerika, und selbst Teams aus der Schweiz können den europäischen Klubwettbewerb gewinnen wie zuletzt Servette und die ZSC Lions. Mannschaften werden nicht nach Transfer-Marktwert, sondern nach sportlicher und charakterlicher Passform gebaut. Und doch: Wer die nationale Meisterschaft gewinnen will, braucht Geld.

Dieses Geld ist in der Provinz schwieriger zu erwirtschaften. Gottéron kann sich zwar erstklassige Nationalspieler leisten und sie auch halten. Aber Gottéron kann sich keine teuren Fehltransfers erlauben. Ein Transfer darf kein spekulatives Investment sein. Anders als in Zürich, Genf, Lausanne, Zug oder Bern fehlen die Mittel, um Fehlentwicklungen korrigieren zu können.

Selbst mit genug Geld kann es lange dauern, bis Fehler korrigiert sind. Also wird jeder Transfer sorgfältig aufgegleist, zählt Charakter so viel wie Talent. Der Final zwischen Davos, dem Team aus den Bergen, und Gottéron war das Gipfeltreffen der Romantik. Aber die Meister der vorangegangenen neun Jahre kamen aus Zürich, Bern, Genf und dem reichen Kanton Zug. Es waren die Meister des Geldes.

Der Schatten der Millionen im Fussball

Im Fussball ist das Geschäft in der Provinz noch viel schwieriger. Die Vereine aus den urbanen Zentren – FCB, FCZ, GC und inzwischen selbst YB – sind Teil eines globalen Systems geworden, das Milliarden umsetzt. Selbst ein helvetischer Krösus ist auf der internationalen Bühne nur noch ein bedeutungsloser Hinterbänkler. Ohne jede Chance, einen europäischen Wettbewerb zu gewinnen.

Kleinstadt besiegt Grossstadt: Jubel beim Thuner Kastriot Imeri nach dem Tor zum 2:0 gegen den FC Basel.
Bild: Claudio De Capitani

Spieler werden nicht mehr nur primär aus sportlichen Gründen verpflichtet und wieder verkauft, sondern weil sie Rendite versprechen. Der Marktplatz wird wichtiger als der Trainingsplatz und ein ausländischer Klubbesitzer normal. Die letzten Meister aus der Provinz: 1993 Aarau und 1997 Sion.

Die Erfolgsgeschichten aus Thun und Gottéron sind Botschaften aus einer anderen Zeit. Gegenentwürfe zu einer globalisierten Welt. Sie erinnern daran, welche Kraft die Besinnung auf die eigenen Werte, die eigene Identität haben kann. Geld ist eben doch nicht alles.

Klubs aus der Provinz sind gezwungen, besser zu wirtschaften, mit schlankeren Strukturen, kürzeren Entscheidungswegen, weniger Eitelkeiten. Wer weniger hat, muss mehr können. Und manchmal genügt das, um die Reichen zu schlagen. Thun und Freiburg, die gallischen Dörfer im helvetischen Sportbusiness.

Wohlwollen des Schicksals: Ekstatische Fans des FC Thun.
Bild: ANTHONY ANEX

Natürlich braucht es für sportliche Wunder auch das Wohlwollen des Schicksals. Der Sport ist kein moralisches System, er kennt keine Gerechtigkeit. Aber er kennt Momente. Und in diesen Momenten können Thun und Gottéron Meister werden.

Eine neue Ordnung wird nicht geschaffen

Doch wer daraus eine neue Ordnung im Sport ableiten will, verkennt die Realität. Am Ende bleibt Geld der dominante Faktor. Talent kostet. Tiefe Kader kosten. Konstanz kostet. Es ist nicht zu erwarten, dass der FC Thun dauerhaft zur Spitze gehören wird. Dazu fehlen Strukturen und die Basis. Nun muss erst einmal der meisterliche Ruhm verarbeitet werden. Damit verbunden ist eine kurze, heftige Geldflut aus europäischen Wettbewerben, die die Werte der Provinz wegschwemmen kann.

Und es ist ebenso wenig wahrscheinlich, dass Gottéron eine Dynastie aufbauen und finanzieren kann, die drei oder vier Titel in Serie gewinnt und die Hierarchie der Liga langfristig erschüttert.

Glückseligkeit beim Public Viewing in Freiburg.
Bild: Aldo Ellena / FN

Und doch: Thuns und Gottérons Erfolge haben eine fast poetische Qualität. Zwei Beweise, dass Mut, Bescheidenheit und Leidenschaft, Eigenständigkeit und traditionelle Werte immer noch sportliche Wunder vollbringen können.

Eine motivierende Botschaft über den Sport hinaus für die Politik und die Wirtschaft. Es ist ein schönes Frühjahr – eines, das Hoffnung auf weitere sportliche und vielleicht auch andere Wunder macht.

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