
Wie bloss soll man so einen Abend ertragen? Spieler, Trainer, Fans – sie alle rafften sich ein letztes Mal auf. Nach Minuten der Schockstarre, nach den quälend langen Momenten des finnischen Jubels besang das Publikum noch einmal die geschlagenen Helden. Und diese machten sich auf zu einer letzten Ehrenrunde. Diesmal mit leerem Blick, Tränen in den Augen. Und ohne den Sound der «W.Nuss vo Bümpliz» im Hintergrund.
Gold hätte es werden sollen. Endlich. Im fünften Anlauf. Silber ist es wieder geworden. Diese Farbe kann wahrlich niemand mehr sehen im Schweizer Lager.
Finnland verdiente sich den WM-Titel. Derweil gaben die Schweizer auch im Schmerz ein starkes Bild ab. Sie akzeptieren den neuerlichen Schock stoisch. Einige fanden bereits passende Worte zum Erlebten. «Ich wäre gerne noch ein bisschen auf dem Eis mit dem Pokal – aber es sollte nicht sein», sagt Torhüter Leonardo Genoni.
Genonis grosse Worte: «Zwei der schönsten Wochen meiner Karriere»
Für ihn ist es besonders bitter. Einmal mehr zeigte er im Final eine Weltklasse-Leistung. An ihm liegt es bestimmt nicht, dass Gold unerreichbar scheint. Wie schon vor einem Jahr liess er sich 60 Minuten nicht bezwingen. Es war trotzdem zu wenig. Weil auch er den Siegtreffer von Konsta Helenius in der Verlängerung zum 1:0 für die Finnen nicht verhindern konnte. «Es schmerzt sehr, sehr fest. Es war vermutlich unser bester Final von allen fünf – dass es gleichwohl nicht reichte, tut wirklich weh.»

Doch selbst im Moment des grossen Schmerzes gelang es Genoni, zu würdigen, was er und das gesamte Schweizer Team an der Heim-WM erleben durften. «Es waren zwei der schönsten Wochen meiner Eishockey-Karriere. Ich hätte niemals gedacht, dass wir so eine Euphorie entfachen können. So etwas habe ich noch nie gesehen. Logisch, heute tut es noch weh, aber morgen kann ich mich vielleicht schon wieder darüber freuen. Es hat wirklich viel Spass gemacht.»
Die besten Bilder des Finals zum Durchklicken:
Die Geste des Danks für Ex-Trainer Patrick Fischer
Tatsächlich darf man bei allem Schmerz über die finale Niederlage nicht vergessen: Diese WM war nicht einfach ein Turnier. Diese WM war ein Gefühl. Wer mit dabei sein durfte, wird das Erlebnis noch lange mit sich tragen. Und irgendwann werden die Momente der Euphorie während 16 von 17 WM-Tagen auch wieder ins Bewusstsein drängen.
Die Eishockey-Schweiz muss also weiter bis zu ihrer Vollendung warten. Wobei das aufgrund der gezeigten Leistungen in den Finals 2013, 2018, 2024, 2025 und 2026 durchaus seine Logik hat. Schweden (2x), und danach der Reihe nach Tschechien, die USA und Finnland waren allesamt stärker in den entscheidenden Momenten. Zudem geht es nicht ohne das Quäntchen Glück. Und von diesem sind die Schweizer nicht immer nicht geküsst worden.
Nicht mit Patrick Fischer an der Bande. Und auch nicht mit seinem Nachfolger Jan Cadieux. Dieser ist daran, Fischers Werk fortzuführen. Wobei seine WM der Wahrheit dann jene in einem Jahr in Deutschland wird. Es wird spannend, zu beobachten, ob es Cadieux gelingt, die herausragende Stimmung im Team und das Commitment für die Nati zu konservieren.
Dass an dieser Heim-WM 2026 eine derartige Symbiose entstanden ist zwischen Spielern und Fans, hat man vielleicht gehofft, aber bestimmt nicht so erwartet. Die Wochen, in denen die Entlassung von Patrick Fischer das einzige Thema war, verflogen innert Kürze. Der ehemalige Nati-Trainer wurde gestern von einigen Fans mit einem Plakat «Danke Fischi» geehrt.

Wer Fischer kennt, der weiss: Die Final-Niederlage gegen Finnland tut ihm genauso weh wie jene im Olympia-Viertelfinal gegen denselben Gegner oder jene in den vergangenen WM-Finals – auch wenn er nicht mehr an der Bande steht.
Wer tritt zurück? Kampfansage von Timo Meier
Eine grosse Frage ist auch, ob das Team in dieser Form künftig zusammenbleibt. Möglich, dass beispielsweise Roman Josi oder Nino Niederreiter ihre letzte WM bestritten haben. Doch es wäre vermessen, gleich eine komplette Verjüngungskur zu befürchten.
Dieses Schweizer Team ist gefestigt und – so optimistisch darf man sein – auch in naher Zukunft wieder Freude bereiten. Stellvertretend sagt Timo Meier: «Es ist ein Prozess. Der Weg zu Gold ist lang. Wir haben gelernt, den Weg zu geniessen miteinander. Es ist bitter, nun erneut mit Silber dazustehen. Aber wir werden wieder aufstehen und angreifen.»

Die Worte von Marco Odermatt in der Garderobe
Begonnen hat der Finalabend mit Marco Odermatt. Es hat sich während der WM zur Tradition entwickelt, einen Gast in die Schweizer Garderobe einzuladen und diesen die Starting Six verlesen zu lassen.
Roger Federer tat es gegen die Schweden im Viertelfinal. Nun fiel die Ehre Ski-Star Odermatt zu. Er schickte die Schweizer mit diesen Worten in den Final: «Jungs, es war absolut genial, was ihr die letzten neun Spiele gezeigt habt. Die Finalteilnahme ist mehr als verdient. Geniesst jede Minute. Geht mit einem Lachen aufs Eis. Gebt Vollgas.» Und er schloss: «Ihr habt die Finnen schon mal bezwungen – jetzt so richtig!»
Doch es wurde schnell klar: So locker flockig, wie sich das Odermatt vorstellte, geht es nicht. Im Gegenteil. So sehr Leiden wie im ersten Drittel mussten sie an dieser WM nie. Die Finnen starteten hoch überlegen. Es brauchte einen Genoni in seiner bekannten Final-Form. Es brauchte Glück (bei einem Lattenschuss). Und es brauchte erneut die Hilfe des Videoschiedsrichters. Wie schon gegen die Schweden wurde ein Gegentreffer zurückgenommen. Weil Lundell den Puck über der Höhe der Latte traf, war sein Tor ungültig.
Dritter Nati-WM-Final ohne Tor nach 60 Minuten
Gleich zu Beginn des zweiten Drittels kam es zum Schlüsselmoment des Spiels, an den sich die Schweizer vermutlich noch lange erinnern werden. Die zweiminütige, doppelte Überzahl verstrich ungenutzt. Mehr noch: Das Powerplay war ein einziger Krampf. Spätestens da ahnte man: Es könnte wie schon im WM-Final 2024 gegen Tschechien (0:2) und im WM-Final 2025 gegen die USA (0:1, n.V) offensiv ein harziger Abend werden.
Und tatsächlich: Es will bis zum Ende kein Schweizer Tor fallen. Pius Suter ist dem Erfolg noch am nächsten. Er hat die drei besten Schweizer Chancen in den regulären 60 Minuten. Nachtragen wird man auch an Damien Riats Lattenschuss kurz vor dem finnischen Siegestreffer. Wobei zur Wahrheit auch gehört, dass Puljujärvi noch ein bisschen früher schon nahe am Sieg war.
Es deutete je länger das Spiel dauerte, desto mehr darauf hin, dass eine einzige Aktion reichen wird, um sich und seine Nation in den Olymp zu katapultieren. Eine einzige Aktion, die darüber richtet, ob die Schweiz den grössten Sieg oder die schlimmste Niederlage der Geschichte erlebt.
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