Beachvolleyball

Schlaflos in Rio mit Isabelle Forrer und Anouk Vergé-Dépré

Das Beachvolleyball-Duo Isabelle Forrer / Anouk Vergé-Dépré möchte in Brasilien an den olympischen Spielen noch einmal unruhige Nächte erleben.

Es ist kurz vor Mittag, als Anouk Vergé-Dépré (24) und Isabelle Forrer (34) auf der Anlage des Beachcenters in Bern eintreffen. Wunderbar gelegen, unmittelbar hinter der Bahnstation Weissenbühl, zu drei Vierteln umsäumt von Wald, sind die Aussenplätze bereits in dieser Jahreszeit herrlich besonnt. Bis auf Platz zwei der Weltrangliste ist das derzeit so erfolgreiche Schweizer Beach-Duo geklettert und, noch viel wichtiger: Es hat einen komfortablen 10. Platz im Olympia-Ranking vorzuweisen. Die Sonne lacht also für die Schweizer BeachHoffnung Nummer 1 in Rio 2016. Nicht nur an diesem praktisch wolkenlosen April-Morgen. Beachvolleyball-Profi – ein Traumjob?

Sie schauen sich an. Ein bisschen wärmer dürfte es sein, finden sie. So, wie im letzten Sommer zum Beispiel. Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke wird es in den nächsten Tagen aber sicher nicht geben für Forrer / Vergé-Dépré. Denn sie können es sich leisten, mitten in der Olympiasaison zwei Wochen am Stück zu Hause in Bern zu verbringen. Erholung ist angesagt, von zuletzt vierzehn Partien in elf Tagen, welche den beiden den Turniersieg in Xiamen sowie die Halbfinalqualifikation in Fuzhou eingebracht haben. Erfolge, dank welcher sie diese Woche gelassen ein warmes Bad oder eine entspannende Massage geniessen konnten. «Jetzt, wo alles ein wenig konkreter ist, können wir auch die Planungen entsprechend vorantreiben», sagt Forrer.

Will heissen: Dank der gewonnenen Punkte in China hat sich das Duo eine derart gute Ausgangslage im Kampf um einen Startplatz bei Olympia verschafft, dass es ab sofort nicht mehr jede Woche um die halbe Welt reisen muss – und so zum Beispiel problemlos auf das Turnier in Sotschi von nächster Woche verzichten kann.

Erlebnisse der besonderen Art

Isabelle Forrer, die Ostschweizerin, welche es vor rund sieben Jahren nach Bern und damit in die unmittelbare Nähe des nationalen Leistungszentrums zog, und Anouk Vergé-Dépré, die Bernerin, welche seit den Schweizer Meisterschaften 2010 mit Forrer gemeinsame Sache macht, steigen mit einer grossen Portion mentaler Stärke in die wichtige zweite Saisonhälfte. Zweimal siegten sie in den letzten Wochen im dritten Satz mit 15:13. Und auch in Rio, beim offiziellen Testlauf für Olympia, zeigten sie gegen Agatha/Barbara eiserne Nerven.

«Dieser Viertelfinal ist uns wie eine Ewigkeit vorgekommen», sind sich die beiden einig. Auf dem besten Weg, die amtierenden Weltmeisterinnen in zwei glatten Sätzen zu bezwingen, mussten die Schweizerinnen vor euphorischen Fans in den dritten Satz. «Wir waren in unserem eigenen Film, es war wie im Training: Punkt für Punkt.» Und das ging auf; Sieg in drei Sätzen und der emotional schönste Erfolg der gemeinsamen Karriere.

Der erste Aufenthalt in diesem Jahr im Olympiaort war aber noch mit ganz anderen Gefühlen verbunden. So sei man sich der riesigen Kluft zwischen arm und reich in diesen Tagen so richtig bewusst geworden, sagt Vergé-Dépré. Auch habe man die Kriminalität in unmittelbarer Nähe des Wettkampforts erlebt, die politischen Unruhen im Land mitbekommen oder man sei Opfer teilweise chaotischer Verkehrsverhältnisse geworden. «Gleichzeitig ist Brasilien ein Land, welches für den Sport lebt und sich gerade auch für Beachvolleyball begeistern lässt.»

Brasilien liefert, keine hundert Tage vor Eröffnung der Spiele, auch abseits der grossen Sportbühne fortwährend Diskussionsstoff. Der Konzentration auf den Sport tue dies jedoch keinen Abbruch, ist sich Vergé-Dépré sicher. «Schliesslich können wir all diese Dinge nicht beeinflussen. Anders als das eigene Spiel.» Für beide werden es die ersten Olympischen Spiele. Für Forrer, die 34-jährige Defensivspezialistin, welche seit 15 Jahren als Beachvolleyballerin die Welt bereist, vielleicht gleichzeitig die letzten. Endstation Rio also? «Ob ich weitermache oder nicht, wird auch ein Bauchentscheid sein.»

Sie sagt, sie könne sich vorstellen, den Entscheid nach den Spielen noch ein paar Monate hinauszuzögern. Vielleicht wird sie aber schon im August schlaflose Nächte verbringen. Wie damals im März in Rio, als sie mit Fortdauer des Turniers zwar völlig kaputt gewesen sei, vor lauter Anspannung aber gar nicht mehr abschalten konnte und kaum Schlaf fand. Damals, als das Duo Forrer/Vergé-Dépré mit dem Sieg über Agatha/Barbara endgültig den Sprung an die Weltspitze schaffte.

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