Showbusiness

Darum gehen Sascha Ruefer jetzt 50'000 Franken durch die Lappen

Mehrere Jahre moderierte der SRF-Star für «Das Zelt» die Show «Schwiizer Hits». Doch das Tourneetheater ist in arge finanzielle Schieflage geraten. Geplante Shows wurden abgesagt, viele Löhne nicht bezahlt. Ehemalige Mitarbeiter berichten, dass die Schulden auf 6 Millionen Franken angewachsen sind.

«Ich kenne Leute, die in die Sozialhilfe abgerutscht sind. Ich kenne Leute, die ihre Wohnung nicht mehr bezahlen konnten. Und ich kenne Leute, vor allem solche aus dem Ausland, die im Lager ausharren, weil sie nirgends hingehen können und nicht mal mehr genug Geld haben, um sich Essen zu kaufen.» Der Mann, der das erzählt, hat mehrere Jahre für «Das Zelt» gearbeitet. Ihm schuldet Adrian Steiner, der Gründer des Tourneetheaters, mehrere Monatslöhne.

Als im März publik wurde, dass «Das Zelt» mit Forderungen von 2,5 Millionen Franken konfrontiert ist, bestand noch Hoffnung auf eine Entspannung der Lage. Kulturschaffende starteten ein Crowdfunding. «Das Zelt» selbst kündigte zur Stärkung der Finanzen eine Aktion mit dem Verkauf von Partizipationsscheinen ab 250 Franken. Und Adrian Steiner? Der macht, was er besonders gut kann: Das Negative ausblenden und Zuversicht versprühen.

Acht Seiten umfasste im Frühling der Betreibungsregisterauszug. Doch Steiner war ob der Schuldenlast von 2,5 Millionen nicht arg beeindruckt. «In diesem Betrag ist ein Darlehen von 1,5 Millionen drin. Mit dem Darlehensgeber stehe ich im konstruktiven Gespräch. Weitere rund 300'000 Franken werden bestritten», erklärte er damals. «Wir haben aktuell alle Löhne bezahlt, und der Betrieb geht ganz normal weiter.»

Doch kein Neustart im Herbst

Von wegen. Ende Mai bricht das grösste Tourneetheater der Schweiz seine Tournee ab – zum ersten Mal seit 24 Jahren. 17 Veranstaltungen in Luzern und St. Gallen finden nicht statt. Künstlerinnen und Künstler verlieren ihre Engagements, Mitarbeitende werden auf Kurzarbeit gesetzt. Man versuche, den Konkurs abzuwenden. Denn schon im Herbst soll mit Shows in Basel und Aarau der Neustart erfolgen.

Doch dieser bleibt aus. Ein Kollege, der für den Comedy Club vom 15. Oktober in Aarau Tickets erworben hat, erhält zehn Tage vorher die Nachricht: «Mit grossem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass die von Ihnen gebuchte Veranstaltung leider nicht stattfinden kann. Wir wissen, dass Sie sich auf diesen Anlass gefreut haben, und bedauern die Absage ausserordentlich. Alle betroffenen Ticketkäuferinnen und Ticketkäufer werden von uns zu gegebener Zeit direkt über das weitere Vorgehen informiert.»

Steiner selbst machte auch die Medien für die Misere verantwortlich. «Den offenen Betreibungen im Frühling stand der 20-fache Betrag von fixen Aufträgen entgegen», sagte er. «Aber die Presse bekam mit, dass wir die Löhne zu spät bezahlt haben. Und dann startete eine Spirale nach unten.» «Typisch Steiner», sagen ehamlige Mitarbeitende. Er suche die Schuld überall, nur nicht bei sich selbst. Nachgefragt nach den Gründen für den Absturz hören wir indes Begriffe wie Misswirtschaft, Sturheit, Beratungsresistenz und Grössenwahn.

Dabei schien «Das Zelt» von aussen betrachtet eine Erfolgsgeschichte zu sein. 200'000 bis 350'000 Menschen besuchten jährlich in über 20 Städten rund 200 bis 300 Comedy- und Unterhaltungsshows unter der weissen Zirkuskuppel. Warum das Unternehmen über den Abgrund gerauscht ist, erkärt Steiner zu grossen Teilen mit einem versprochenen, aber nicht getätigten Darlehen von 1,5 Millionen Franken.

Der Schuldenberg ist von 2,5 auf 6 Millionen angewachsen

Dass Steiners Erklärung mit dem ausgebliebenen Darlehen zu kurz greift, beweist ein Blick in den Betreibungsregisterauszug. Dieser umfasst nicht mehr acht Seiten wie im März, sondern über 20. Die Forderungen sind von 2,5 auf rund 6 Millionen angewachsen. Unter den Gläubigern befinden sich Steuerämter, etliche Städte und Kantone (Stichwort Platzmiete), die Ausgleichskasse, Finanzinstitute, Versicherungsuntenehmen, Lieferanten, Künstler und Künstlerinnen und viele ehemalige Mitarbeitende.

Einer der Geschädigten ist auch Sascha Ruefer. Drei Jahre lang moderierte er für «Das Zelt» mehrere Shows, darunter auch «Schwiizer Hits». Letztmals im Januar dieses Jahres. Das für Mitte Oktober geplante Spektakel findet indes nicht statt.

Rund 50'000 Franken, so ein Insider, soll Steiner dem SRF-Starkommentator schulden. Dies, weil er im Gegensatz zu vielen anderen  nie auf Vorausszahlung gepocht habe. Selbst dann nicht, als sich vor einem Jahr die finanziellen Probleme akzentuierten.

Sascha Ruefer beschreitet den Rechtsweg

Ruefer selbst will die Summe nicht kommentieren, bestätigt aber den eingeschlagenen Rechtsweg. Doch wie viele andere fragt er sich: Warum hat «Das Zelt» auch nach Bekanntwerden der finanziellen Problem und des kommunizierten Tournee-Abbruchs weiterhin Shows aufgeschaltet und Tickets verkauf? Die Vermutung liegt nahe: Solange Geld fliesst, wird nicht konfisziert, kann der Konkurs nicht ausgesprochen werden.

Auf eine positive Wende hoffen der Nati-Kommentator kaum. Erst recht nicht, nachdem vor knapp zwei Wochen Künstlerinnen und Künstler die Nachricht erhalten haben, dass in diesem Jahr keine Shows mehr stattfinden würden. Aber Steiner soll im gleichen Atemzug verkündet haben, dass es im März weitergehen soll. Wie, das scheint noch offen. Bekannt ist lediglich, dass Divertimento im März in Zürich in «Das Zelt» auftreten werden. Der Ticketverkauf ist lanciert.

Auf Anfrage bestätigt das Divertimento-Management, dass «wir ab 18. März Shows in ‹Das Zelt' spielen werden. Wir haben die 100-prozentige Zusage von Adrian Steiner. Wir glauben an dieses Unterfangen.» Wobei unklar ist, um wie viele Shows es sich handeln soll. Das Divertimento-Management spricht von vier, Steiner von acht.

Wir versuchen Adrian Steiner auf dem Handy und der Festnetznummer zu erreichen. In beiden Fällen ertönt: Die gewünschte Verbindung kann nicht hergestellt werde, bitte überprüfen sie die Nummer. Erfolgreich sind wir schliesslich per WhatsApp.

Steiner: «Im März geht es weiter»

Steiner wirkt leicht überdreht. «Im März geht es weiter», verkündet er euphorisch. «Alle acht Divertimento-Shows in Zürich sind ausverkauft.» Komisch. Auf Ticketcorner gibts noch jede Menge Tickets zu kaufen. Steiner weiter: «Immer, immer, immer haben wir die Löhne rechtzeitig bezahlt. Wir hatten ein temporäres Liquiditätsproblem. Leider, leider sind Mitarbeiter und Künstler zum Beobachter gegangen und haben gesagt, wir würden die Löhne zu spät bezahlen. Das war Anfang Jahr. Im Mai habe ich privat 500'000 Franken eingeschossen. Ausserdem haben wir zu keinem Zeitpunkt Tickets für Shows verkauft, an deren Durchführung wir selber zweifelten.»

Es ist unwahrscheinlich, dass diese Aussagen geschädigte Kunden, geprellte Lieferanten oder auf Lohn wartende Mitarbeiter zufriedenstellt. Steiner beteuert, das beste aus der Situation machen zu wollen. Wie das konkret aussehen soll, will er nicht beantworten. «Aus juristischen Gründen», fügt er an.

Im Gespräch mit Steiner bestätigt sich, was die ehemaligen Mitarbeitenden erwähnen: Für die Misere gibt er jedem und allem die Schuld, sich selbst am allerwenigsten. «Was willst du tun, wenn Einnahmen zusammenbrechen, weil die Medien ständig berichten, 'Das Zelt' würde es nicht mehr geben. Aber es gibt uns noch. Wir gehen den Weg zusammen mit Pricewaterhouse Coppers. Ausserdem: Schauen Sie sich die Schweizer Zirkuslandschaft an: Da ist die Insolvenz eher die Regel als die Ausnahme.»

Mit welchen Menschen Steiner sein Lebenswerk fortsetzen kann, ist noch offen. Die ehemaligen Mitarbeitenden, die wir kontaktiert haben, schliessen eine erneute Zusammenarbeit kategorisch aus. Steiner meint dazu: «Mein Ziel ist es, kurzfristig wieder eine Vertrauensbasis zu schaffen. Wissen Sie: Bevor ich Jurist wurde, habe ich als Zirkusartist gearbeitet. Als solcher lernt man, nie aufzugeben. Es gibt Tricks, die übst du 999 Mal, ehe sie erstmals funktionieren.»

Ehemalige Angestellte fordern bis zu 70'000 Franken Lohn

Bei den ehemaligen Angestellten, mit denen wir gesprochen haben, stehen nach eigenen Aussagen zwischen 25'000 und 70'000 Franken an Löhnen aus. Steiner soll Leute neu angeworben haben, als er bereits mehrere Betreibungen hatte. Und zwar mit den Worten: Ist alles rosig bei uns.

Ein ehemaliger Mitarbeiter erzählt, es sei wiederholt vorgekommen, dass Steiner Einnahmen aus dem Ticket-Verkauf ausgegeben habe, lange bevor die Show über die Bühne gegangen sei. Doch Steiner habe stets einen Ausweg aus finanziell schwierigen Situationen gefunden. Früher soll sein Vater regelmässig Geld eingeschossen haben. Später soll er sich dank Partnerin Postfinance über Wasser gehalten haben. «Letztes Jahr war es die Migros, die mit ausserordentlichen Zuschüssen die ‹Merci Tour› gerettet hat. Und als es um Kurzarbeit ging, verlangte einer seiner Mitarbeiter von uns, wir sollten weniger Stunden aufschreiben, als wir tatsächlich gearbeitet haben.»

Auch wenn Steiner posaunt, «Das Zelt» werde nächstes Jahr zum 25-Jahre-Jubiläum wieder glanzvoll strahlen. Auch wenn er vielen Kulturschaffenden in diesem Land eine fulminante Startrampe geboten hat. Auch wenn er nun selber zur Erkenntnis gekommen ist, den Fokus auf Kostensenkung zu legen. Den Geschädigten fehlt der Glaube, dass «Das Zelt» jemals wieder durchstartet.

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