Hat man die Bilder einmal gesehen, gehen sie einem nicht mehr so schnell aus dem Kopf. Emil Johansson springt mit seinem Mountainbike über einen Felsen – unter ihm klaffen zehn Meter Leere. In der Luft hält der Schwede den Lenker fest und schleudert das Fahrrad einmal um sich herum. Doch bei der Landung geht etwas schief. Er setzt falsch auf, stürzt einen 15 Meter hohen Abhang hinunter und kommt kurz vor dem nächsten – wohl tödlichen – Abgrund zum Stillstand.
Johansson hatte Glück. Nach mehreren Operationen an seiner Hüfte kann er wieder gehen. Kurz zuvor stürzte am selben Berg bereits der Spanier Adolf Silva schwer. Er hatte kein Glück. Bei einem doppelten Rückwärtssalto schlägt er so hart auf, dass er sich zwei Brustwirbel bricht und sein Rückenmark schwer verletzt. Heute sitzt er im Rollstuhl.
Die beiden Stürze ereigneten sich vor einem Jahr im amerikanischen Utah bei der Red Bull Rampage, dem gefährlichsten Mountainbike-Event der Welt. Der Wettbewerb findet kommende Woche zum 20. Mal statt.
Der Schweizer Pionier würde wieder starten
Ramon Hunziker gehörte 2012 bis 2015 zu den Teilnehmern – als bisher einziger Schweizer. Auch er stürzte, zog sich aber ausser Prellungen keine Verletzungen zu. Wie denkt er heute darüber? «Wenn ich noch einmal 25 Jahre alt wäre und eingeladen würde, wäre ich sofort wieder dabei», sagt er.
Kommt einem da nicht der Gedanke: Ich hatte Glück, auch ich könnte heute querschnittsgelähmt sein? «Nein, wenn ich so denken würde, dann wäre ich nie Profi geworden», sagt Hunziker. Als Extremsportler müsse man überzeugt sein, dass alles gut gehe. Wenn man sich ständig ausmalt, was alles passieren könne, sei die Gefahr gross, dass etwas passiere. Ganz ausschliessen lasse sich das allerdings nie. «Ein Restrisiko bleibt immer.»
Keine Angst? «Extrem nervös sind alle vor dem Start», sagt Hunziker. «Aber dann, wenn es losgeht, wenn du die Bremse löst und den Hang herunterfährst, ist alles wie weg und du bist vollkommen fokussiert», sagt der ehemalige Profi-Biker. Und er schwärmt: «Wenn dann alles aufgeht, ist es ein unglaubliches Gefühl.»
«Ein Massaker»: Kritik wird laut
Und wenn nicht, kann sich das Leben schlagartig verändern. So wie jenes von Adolf Silva, der wohl nie mehr gehen, geschweige denn Mountainbike fahren kann. Hätte er bei seinem doppelten Rückwärtssalto nicht leicht zu wenig weit gedreht, hätte er vielleicht gewonnen und von Red Bull 100000 Dollar Preisgeld erhalten. Es kam anders: Silva musste über seine Social-Media-Kanäle einen Spendenaufruf starten, um sein Leben als Paraplegiker zu finanzieren. Offenbar kam Red Bull hier nicht für alle Kosten auf.
Seit letztem Jahr ist Rampage für viele nicht mehr dasselbe. Nicht nur wegen der schweren Verletzungen von Silva und Johansson. Von 17 gestarteten Fahrern sind nur acht ohne Sturz ins Ziel gekommen. Das «Bike-Magazin» aus Deutschland schrieb: «Die Rampage 2025 war kein Sportereignis mehr, sie war ein Massaker. Menschen wirbelten wie Crashtest-Dummies durch die Luft.» Der Kommentar von Dimitri Lehner, der das Rennen seit seinen Anfängen begleitet, endet mit dem Satz: «Es geht zu weit. Sieg oder Sarg will ich nicht.»
Was die Rampage von anderen Wettkämpfen unterscheidet: Es gibt keine vorgegebene Strecke, nur einen Berg, dessen messerscharfe Grate aus dem rostroten Gestein Utahs ragen. Jeder Fahrer sucht sich dort seine eigene Line und baut sie mit seinem Team. Gemeinsam hämmern und schaufeln sie Absprünge und Landungen in den Fels – um anschliessend mit ihrer Fahrt die Wettkampfrichter zu beeindrucken.
Schafft Red Bull tödliche Anreize?
Anders als etwa bei der Skiabfahrt am Lauberhorn gibt es keinen Wettkampfverantwortlichen, der einen Sprung als zu gefährlich einstuft und noch etwas abtragen lässt. Auch Fangnetze oder einen Sturzraum gibt es nicht. Zu gefährlich? «Nein», findet Ramon Hunziker. «Die Fahrer sind absolute Profis und wissen genau, was sie tun.» Es sei auch nicht so, dass der Veranstalter oder sonst jemand die Fahrer dazu bringe, besonders hohe Risiken in Kauf zu nehmen.
Adolf Silva, der sich bei seinem doppelten Rückwärtssalto die Wirbelsäule brach, kennt er gut. Niemand habe ihn dazu gedrängt, diesen Sprung zu machen – sein Umfeld wollte ihn bremsen. «Aber er war nicht zu bremsen.» Wie weit man gehen will, das entscheidet jeder selbst. Und wer gewinnen will, muss weitergehen als andere. Der kanadische Freerider Brett Rheeder, der den Event zweimal gewann, erklärt den Mechanismus in einem Interview so: «Das grösste Risiko sind die hohen Erwartungen – zu gewinnen, Sponsoren zu beeindrucken, Preisgelder einzustreichen.»
Belohnt Red Bull jene Fahrer, die die grössten Risiken auf sich nehmen und sich damit in Gefahr begeben? Und was tut der Veranstalter nach dem Katastrophenjahr 2025, um den Wettkampf sicherer zu machen? Eine Medienanfrage von «Schweiz heute» liess Red Bull unbeantwortet. Offen blieb auch, warum es kein Obligatorium für Schutzkleidung wie Rückenschützer gibt, wie das bei anderen Mountainbike-Rennen der Fall ist.
Der Schweizer, der unbedingt starten will
Der Faszination, die von der Rampage ausgeht, tut all das keinen Abbruch. Fahrer, die bei der Rampage antreten wollen, gibt es jedenfalls genug. Einer von ihnen ist Alessio Tonoli. Der Schweizer wollte dieses Jahr wie einst Hunziker zur Rampage – doch sein Versuch endete abrupt. Um sich bei Red Bull für eine Teilnahme zu bewerben, reiste der 27-Jährige mit einer Filmcrew nach Utah und drehte ein Video. Es enthält beeindruckend weite Sprünge, Drehungen in allen Variationen, rasante Abfahrten – und einen Sturz, der einem den Atem verschlägt. Tonoli knallt neun Meter in die Tiefe und zertrümmert sich die Ferse.
Wir erreichen ihn am Telefon im Spital. Die ersten Schrauben können wieder entfernt werden. «Ich bin schon noch ein wenig enttäuscht, dass es nicht gereicht hat», sagt er. Und wie nebenbei: Den ganzen Sommer habe er Schmerzen im Fuss gehabt. Immerhin: «Velofahren ging besser als gehen.»
Ob er es mit der Rampage noch einmal versuchen werde? «Ja, unbedingt.» Der Sturz schreckt ihn nicht ab. Denkt man da nicht: Wäre ich anders gefallen, könnte ich nun auch im Rollstuhl sitzen wie Silva? «Nein, sonst könnte ich diesen Sport nicht machen.»





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