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Was sich seit Muriel Furrers tragischem Tod im Radsport verändert hat – und was nicht

Der Tod von Muriel Furrer jährt sich zum zweiten Mal. Kurz zuvor wird der Rad-Weltverband verpflichtende GPS-Sender einführen. Doch der Schritt führt zum Streit und löst die Probleme nicht allein.

Die Bilder sorgen immer noch für Gänsehaut. Ein Foto von Muriel Furrer flimmert über eine Grossleinwand am verregneten Ufer des Zürichsees. Die Menschen versammeln sich davor, senken unter ihren Regenschirmen die Köpfe. Schweigen. Die 18-Jährige war im Rennen der Juniorinnen in einer Abfahrt gestürzt, hatte dabei ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten, war lange unentdeckt im Wald liegen geblieben und verstarb tags darauf.

Am Sonntag jährt sich ihr Tod zum zweiten Mal. Wenige Tage zuvor hat der Radweltverband UCI GPS-Sender für alle Fahrer und Fahrerinnen bei allen grossen Rennen verpflichtend eingeführt. Das erscheint sinnvoll. Trotzdem ist darob ein Streit zwischen Teams und UCI entbrannt. Und bei genauerer Betrachtung geht der Schritt am eigentlichen Problem vorbei. Dieses ist eher in der Streckensicherheit als im Livetracking zu verorten.

Eklat bei Tour de Romandie

Ein knappes Jahr nach dem Tod von Furrer kam es zu einem Eklat. Die UCI verlangte bei der Tour de Romandie der Frauen, dass eine Fahrerin pro Team testweise einen GPS-Sender am Rad haben solle. Die Haftungsfrage war ebenso ungeklärt wie jene, was mit den gesammelten Daten geschehe.

Einige Teams haben Verträge mit Datendienstleistern und lehnen eine verpflichtende Lösung ab. Lidl-Trek sprach sich für «Kooperation statt Zwang» aus. Fünf Teams verweigerten die Teilnahme am Pilotprojekt und wurden deshalb vom Rennen ausgeschlossen. «Ich lasse mich beim Thema Sicherheit nicht erpressen», sagte UCI-Präsident David Lappartient.

Tod nach Kollision mit Van

Juristisch ist der Fall bislang nicht abgeschlossen. Die UCI lenkte im März dieses Jahres ein, überliess den Teams die Auswahl des GPS-Senders und beschränkte den Datenfluss auf Geschwindigkeit und Position.

Muriel Furrers Sturz wäre auch mit GPS-Sender passiert. Sie wäre zwar schneller gefunden worden, ob sie überlebt hätte, weiss aber niemand. Das eigentliche Problem ist und bleibt die Sicherheit der Strecke. Dort hat es bereits Veränderungen gegeben, am Ziel ist man noch lange nicht.

Mitte August starb der 19 Jahre alte Engländer Finlay Tarling. Ein Van war bei der Portugal-Rundfahrt auf die abgesperrte Strecke gefahren, Tarling kollidierte mit hoher Geschwindigkeit mit dem Fahrzeug.

Funkverbot bei WM-Rennen

Ex-Profi Fabian Wegmann machte das unlösbar wirkende Problem deutlich. «Wir sperren das Rennen von vorne bis hinten, aber wir können nicht jede Garagenausfahrt absperren. Es kann immer ein Auto links abbiegen und dann ist es auf der Strasse», sagte der Streckenchef der Deutschland-Tour in der ARD. «Es sind dann auch oft Fehler Einzelner.»

Umso irritierender ist das nach wie vor geltende Funkverbote bei der WM. «Das ist nicht mehr zeitgemäss. Gerade die WM sollte bei Innovationen vorangehen», sagte Richard Plugge, Teamchef des zweimaligen Tour-de-France-Siegers Jonas Vingegaard. Die bittere Ironie: Die GPS-Tracker lösen zwar einen Alarm im Kontrollraum aus, aber die Fahrer können nicht gewarnt werden, dass womöglich vor ihnen ein Sturz passiert ist.

Kaum weniger Stürze

Um die Ursachen von Stürzen besser zu verstehen, wurde 2023 das Sicherheitsprojekt SafeR gegründet. Doch im Februar beschlossen UCI, Fahrer und Organisatoren, 300'000 Franken aus dem SafeR-Budget für einen Rechtsstreit des Weltverbands mit einem Komponentenhersteller einzusetzen. Die Teams protestierten, weil sie damit indirekt einen Prozess gegen einen eigenen Sponsor mitfinanziert hätten.

Mittlerweile wachsen die Zweifel am Nutzen von SafeR. Zwar werden Daten ausgewertet und Ursachen für Stürze wie Fahrfehler, rutschige Strassen oder fehlende Streckenposten benannt. Auch Gelbe Karten für gefährliche Manöver wurden eingeführt. Im Peloton bleibt dennoch der Eindruck, dass sich an der Zahl der Unfälle wenig ändert. SafeR liefert keine öffentlich ausgewiesene Entwicklung der Sturzrate.

Widerstand gegen Airbags

Als in diesem Jahr Urska Zigart, die Verlobte von Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar, über eine Temposchwelle stürzte und sich den Kiefer brach, sprach die Fahrerinnen-Vereinigung Klartext. «Es geschehen weiter schwere Unfälle und das müssen wir hinterfragen. Wir müssen schauen, ob und wie SafeR effektiver arbeiten kann», sagte Alessandra Cappellotto.

Das Thema Sicherheit ist vielschichtig. Adam Hansen, umtriebiger Chef der Fahrervereinigung, brachte das Thema Helme auf den Tisch. Diese werden nach einem Standard zugelassen, der von Unfällen bei Geschwindigkeiten von 19,5 Kilometern in der Stunde ausgeht. «Für den Strassenradsport reicht das nicht aus. Hier benötigen wir ein Upgrade», sagte Hansen.

Auch mit Airbags wird immer wieder experimentiert. Doch diese Idee stösst – wie einst auch Helme – bei den Fahrern auf Widerstand, weil diese das Gewicht erhöhen würden. Ein Vorstoss der UCI, die Übersetzung der Gänge zu beschränken, um die Geschwindigkeiten zu reduzieren, landete dort, wo viele Dinge im Radsport landen. Vor Gericht.

GPS-Sender, Gelbe Karten und neue Regeln sind Fortschritte. Doch gemessen wird ihr Erfolg erst daran, ob sich ein Schicksal wie jenes von Muriel Furrer nicht mehr wiederholt.

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