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Marlen Reusser gewinnt an ihrem 35. Geburtstag und ist erneut Weltmeisterin im Zeitfahren

Marlen Reusser dominiert an ihrem 35. Geburtstag das Zeitfahren in Montreal und ist wie im Vorjahr Weltmeisterin. Es ist eine Versöhnung mit einer für sie bisher schwierigen Saison.

Der Schein trügt. Im Zeitfahren ist man zwar allein unterwegs, doch die Liste der Gegner ist lang: Die Uhr. Die Stimme im Kopf, die einem zum Aufhören drängt. Das Brennen in Beinen und Lunge. In Montreal kam ein von Schlaglöchern gezeichneter Asphalt hinzu, der für Kritik sorgte.

Am Ende hatte Marlen Reusser alle bezwungen. Sie gewann an ihrem 35. Geburtstag das Zeitfahren in der kanadischen Metropole und krönte sich wie im Vorjahr in Ruandas Hauptstadt Kigali zur Weltmeisterin. Silber ging an die Britin Zoe Bäckstedt, Bronze an die Deutsche Franziska Koch.

Ungewissheit vor dem Rennen

«Ich habe mir vor dem Start gesagt: Wenn ich nicht gewinne, dann habe ich trotzdem etwas zu feiern», sagte Reusser nach ihrem Triumph. Obwohl sie im Zeitfahren derzeit fast unschlagbar wirkt, sei sie angesichts der grossen Distanz mit vielen Fragezeichen ins Rennen gegangen. Zeitfahren bei den Frauen sind in der Regel zwischen 20 und 30 Kilometern lang.

Marlen Reusser ging als klare Favoritin ins Rennen. Seit die Bernerin bei den Weltmeisterschaften vor drei Jahren im britischen Stirling wegen einer mentalen Blockade («Ich hatte keinen Bock») aufgegeben hatte, hat sie jedes flache Zeitfahren gewonnen: sie ist Weltmeisterin, Europameisterin, triumphierte bei der Tour de Suisse und auch bei der Tour de France.

Wer so dominiert, der müsste vor Selbstvertrauen trotzen. Doch der Schein trügt. «Alle waren zuversichtlich, dass ich sowieso gewinnen würde. Ich hingegen nicht. Dass es dennoch aufgegangen ist, erfüllt mich mit Stolz.»

Steigerungslauf nach verhaltenem Start

In Montreal legte die 35-Jährige einen imposanten Steigerungslauf auf den Asphalt. Bei der ersten Zwischenzeit nach zehn Kilometern lag sie knapp zehn Sekunden hinter Bäckstedt. Nach etwas mehr als der Hälfte war Reusser Zweite, die Differenz betrug weniger als drei Sekunden.

Zehn Kilometer vor dem Ziel übernahm Reusser die Führung, knapp fünf Sekunden vor der Britin. Wenig später holte sie ihre ewige Rivalin Demi Vollering ein. Die in der Schweiz lebende Niederländerin, in diesem Jahr Sieger des Giro d'Italia und der Tour de France, war anderthalb Minuten vor Reusser ins Rennen gegangen. Im Ziel hatte Reusser 40 Sekunden Vorsprung auf Bäckstedt, die drittklassierte Koch verlor 45 Sekunden.

Für Reusser ist es bereits die fünfte Medaille. 2020 in Imola und im Jahr darauf in Brügge hatte sie jeweils Silber gewonnen, 2023 im australischen Wollongong Bronze, ehe sie sich im vergangenen Jahr in der ruandischen Hauptstadt Kigali endlich ins Regenbotentrikot hatte einkleiden lassen. Nach der Luzernerin Karin Thürig (2004/2005) ist Reusser damit die zweite Schweizerin, die ihren Sieg im WM-Zeitfahren wiederholen kann.

Versöhnung mit schwieriger Saison

Mit dem Weltmeistertitel versöhnt sich Reusser mit einer schwierigen Saison. Anfang Jahr war sie bei in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit 60 Kilometern in der Stunde gestürzt und hatte dabei eine Verletzung an der Schulter sowie eine Rissquetschwunde am linken Knie erlitten.

Im April erlitt sie bei einem Sturz bei der Flandern-Rundfahrt einen Wirbelbruch, Prellungen im Lenden- und Kreuzbeinbereich sowie am Ischiasnerv. Bei der Tour de France Ende August trug sie zwar während drei Tagen das Maillot Jaune und konnte vom Gesamtsieg träumen, brach aber auf der Schlussetappe ein und war erneut gestürzt.

Liechti verzichtet auf einen Start

Kurzfristig auf einen Start verzichtete Jasmin Liechti. Die 23-jährige Bernerin, die vor zwei Jahren in Zürich im Zeitfahren in der U23-Kategorie WM-Silber gewonnen hatte, setzt auf das Mixed-Zeitfahren vom Dienstag, wo das Schweizer Sextett zum engsten Favoritenkreis zählt.

Mit Reusser, Stefan Küng und Stefan Bissegger verfügt die Schweiz über einige der weltbesten Zeitfahrer. 2022 und 2023 gab es jeweils Gold im Mixed-Zeitfahren. Während bei den Frauen Noemi Rüegg die Equipe komplettieren dürfte, ist offen, wer bei den Männer zum Handkuss kommt. Zur Auswahl stehen Jan Christen, Mauro Schmid und Marc Hirschi.

Drei Chancen auf WM-Gold für Reusser

Für Reusser war es in Montreal die zweite Gelegenheit, Weltmeisterin zu werden. Die dritte folgt am Samstag im Strassenrennen. Der selektive Kurs mit 2500 Höhenmetern verlangt eine taktisch kluge Teamleistung, wobei sich Reusser die Captainrolle wohl mit Noemi Rüegg teilen wird.

Nach Stürzen, Verletzungen und dem bitteren Ende der Tour de France ist dieser Titel mehr als eine erfolgreiche Titelverteidigung. Er bestätigt, dass Marlen Reusser im Zeitfahren weiterhin das Mass aller Dinge ist – selbst dann, wenn die Liste der Gegner länger ist als gewöhnlich.

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