Radsport

Seixas begeistert mit historischem Triumph

Frankreichs Wunderkind stürmt bei der 120. Ausgabe der legendären Lombardei-Rundfahrt in die Geschichtsbücher des Radsports.

Paul Seixas konnte selbst nach der Fahrt in die Geschichtsbücher des Radsports nicht von seiner Passion lassen. Das französische Wunderkind war am Samstag zum jüngsten Sieger der legendären Lombardei-Rundfahrt aufgestiegen und verlängerte am Sonntagmorgen mit der Teilnahme am Mountainbike-Event Roc d'Azur «aus Spass» die lange Saison um einen Tag. Der Radsport, sagte Seixas, sei schliesslich seine Leidenschaft: «Manchmal habe ich das Gefühl, in einem Traum zu sein.»

Für die Rivalen auf der Strasse hat sich der nimmermüde Shootingstar im Eiltempo zum Albtraum entwickelt. Erst im Vorjahr war der Senkrechtstarter aus Lyon in der Lombardei erstmals bei einem Monument gestartet. Nun beeindruckte Seixas bei seinem Solosieg am Comer See mit taktischer Reife und körperlicher Dominanz. Am enorm steilen Civiglio-Anstieg zermürbte er seine Gegner, ohne einen klassischen Angriff zu fahren.

Seixas erhöhte 18 km vor dem Ziel im Sattel sitzend die Schlagzahl und fuhr Top-Stars wie Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel (Red Bull-Bora-hansgrohe) und Dauerrivale Isaac Del Toro (Mexiko/UAE Emirates-XRG) davon. Seixas' Vorsprung auf Vuelta-Sieger Enric Mas (Movistar) auf dem zweiten Platz betrug im Ziel 48 Sekunden, der Italiener Giulio Ciccone (+1:05 Minuten) vom Team Lidl-Trek wurde Dritter. «Er war unglaublich stark», sagte Evenepoel, der sein Team in Abwesenheit des deutschen Hoffnungsträgers Florian Lipowitz angeführt hatte.

Ein Lob für die mentale Reife von Seixas

Wie stark Seixas noch werden kann, ist ein vor allem in Frankreich viel diskutiertes Thema. Das Potenzial scheint grenzenlos zu sein. «Über seine körperlichen Fähigkeiten muss ich gar nicht erst sprechen. Aber seine mentale Reife ist geradezu unglaublich. Er beherrscht bereits alle Aspekte. Er ist ein echter Champion», sagte Seixas' Sportlicher Leiter Julien Jurdie beim Team Decathlon CMA CGM.

Mit dem Sieg beim Herbstklassiker «Il Lombardia», bei dem Seixas mit 20 Jahren und 16 Tagen zum jüngsten Gewinner aufstieg und den verletzt fehlenden Tour-Champion Tadej Pogacar beerbte, ist die Erwartungshaltung nochmals gestiegen. Die einflussreiche Sporttageszeitung L'Equipe titelte begeistert «Seixassionnel!» und sprach von der «Krönung» sowie dem «Ende der Unschuld». Seixas sei allein ins Ziel gefahren, «den Mund vor Anstrengung geöffnet, getrieben von einer erschreckenden Entschlossenheit – wie ein Vampir mit dem Geschmack von Blut zwischen den Zähnen.»

Seixas ist nach einem herausragenden Jahr mit sieben Siegen sowie der Gesamtwertung bei der Baskenland-Rundfahrt eine feste Grösse im Peloton – und geniesst keinen Welpenschutz mehr. Die Nachfolge des zweimaligen slowenischen Weltmeisters Pogacar könnte Seixas mittel- und langfristig nicht nur bei einzelnen Rennen antreten. Das Ausnahmetalent, das schon in jungen Jahren durch bemerkenswerte Konstanz besticht, gilt als künftiger Tour-Sieger und Pogacar-Erbe.

Frankreich hofft auf einen heimischen Tour-Sieger

Schon seine Tour-Premiere im Juli war ein voller Erfolg. Als jüngster Starter seit 89 Jahren verpasste er das Podium als Gesamtvierter nur knapp. Auf Sicht soll Seixas seinen Landsleuten das erste Gelbe Trikot seit Bernard Hinault im Jahr 1985 bescheren.

Ob Seixas das Ende der Pogacar-Ära schon im kommenden Sommer einläuten kann, bleibt aber abzuwarten. «Tadej Pogacar zu schlagen, ist noch einmal eine ganz andere Sache. Aber natürlich ist das eine Motivation», sagte Seixas.

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