Eine Schweizer Delegation stattete Los Angeles jüngst einen Erkundungsbesuch ab. Angeführt von Ralph Stöckli, seit 2016 Chef de Mission des Schweizer Teams an Olympischen Spielen, sahen sich auch neun Teamchefs von einzelnen Sportarten die Begebenheiten in Südkalifornien im Hinblick auf die bevorstehenden Sommerspiele in zwei Jahren an.
Im Zentrum des Interesses stand die Trainingsinfrastruktur während den sogenannten Pre-Camps. Die Zeitdifferenz von neun Stunden im Vergleich zur Schweiz und die klimatischen Bedingungen in der grössten Stadt Kaliforniens im Hochsommer machen eine mehrtägige Akklimatisation notwendig. 2021 in Tokio hat die Schweizer Delegation mit dieser Massnahme den Grundstein für sportliche Grosserfolge gelegt.
In den USA ist es aus verschiedenen Gründen nicht einfach, eine geeignete Trainingsbasis zu finden: Erstens ist der Run auf diese Art von Infrastruktur unter den teilnehmenden Nationen enorm gross. «Wir bewegen uns bei unseren Anstrengungen, den Athletinnen und Athleten eine möglichst optimale Vorbereitung zu ermöglichen, in einem harten weltweiten Konkurrenzkampf», sagt Ralph Stöckli.
Zweitens gehören die meisten sportlichen Infrastrukturen einer Hochschule oder einer Universität und in den USA sieht man die Vermietung dieser Anlagen als Geschäft. «Man spürte bei den Gesprächen immer wieder, dass es in erster Linie um Business geht», so Stöckli.
Pancakes gehören nicht zur perfekten Sporternährung
Drittens muss man gerade in den USA diese Infrastrukturen auch im grösseren Kontext betrachten. In einer Millionenstadt wie L.A., die sich über eine Fläche so gross wie die Schweiz erstreckt, ist auch die Transferzeit zwischen Unterkunft und Trainingsort relevant. Ebenso zentral bleibt die Frage der Ernährung. Während die Athletenverpflegung an den Spielen selbst in der Regel kaum einen Wunsch offen lässt, gleicht das gewöhnliche Hotelessen in den USA nicht unbedingt einer bevorzugten Sporternährung. Man denke da nur an das durchschnittliche Angebot beim Morgenessen mit Pancakes, Cornflakes und Cookies.
Ralph Stöckli sagt, man sei mit einer kleineren Universität in der Nähe von Laguna Beach in finalen Gesprächen. Angebot und zwischenmenschliche Chemie würden stimmen, es fehlt nur noch die definitive Zusage.
Philipp Bandi, der Leistungssportchef von Swiss Athletics, war Teil der Schweizer Delegation. Nach vier vierten Plätzen in Paris strebt die Schweizer Leichtathletik in Los Angeles mit Nachdruck eine oder im besten Fall mehrere Medaillen an. Sein Blick zurück nach Tokio bestätigt die Relevanz dieser mehrtägigen Vorbereitung am Ort der Spiele. Man habe in Japan auch mit der Mitnahme eines eigenen Kochs hervorragende Erfahrungen gemacht und umgekehrt bei der Leichtathletik-WM in Oregon 2023, wo man sich auf das Angebot der Veranstalter vor Ort verliess, eher weniger gute Erlebnisse.
Ein kleines Stück Herzlichkeit in einer Businesswelt
Philipp Bandi teilt Ralph Stöcklis positive Einschätzung des ausgesuchten Universitäts-Trainingsgeländes. «In dieser Phase sucht man vor allem einen Ort, an dem Ruhe herrscht und man sich fokussiert auf den Grossevent vorbereiten kann», sagt der Leichtathletik-Sportchef. «Das im Fokus liegende Angebot ist familiär und passt von der Infrastruktur und von der Philosophie her zu uns. Und wir hätten die Anlage exklusiv für uns.» Zudem haben sich die Verhandlungen wohltuend von der zumeist businessgetriebenen Perspektive von anderen Angeboten unterschieden.
Die Leichtathletik wird sich den Vorbereitungsort mit weiteren Sportarten wie Schwimmen oder Triathlon teilen. So kann man neben dem Koch auch weiteres Fachpersonal wie Sportärzte oder Physiotherapeuten gemeinsam nutzen.
Am Donnerstag traf sich Delegationsleiter Ralph Stöckli mit den Teamchefs der olympischen Sportarten zum Kick-off-Event für die Sommerspiele 2028. Dabei konnte der Chef de Mission neben anderen Eindrücken seines Kalifornien-Trips auch die beruhigende Rückmeldung weitergeben: «Wir haben bei unseren Treffen mit den Organisatoren sehr viel Kompetenz und einen klaren Plan wahrgenommen. Es werden zwar komplett andere Spiele werden als zuletzt in Paris. Sport ist in den USA immer auch Showbusiness. Aber uns erwarten ohne Zweifel top organisierte Wettkämpfe.»




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