24 Grand-Slam-Titel. Olympiagold und 428 Wochen an der Spitze der Weltrangliste. Novak Djokovic ist der erfolgreichste Tennisspieler der Geschichte. Doch wenn er heute auf sein Leben blickt, spricht der Serbe nicht von Stolz und Rekorden. Sondern von den Gefühlen, die ihn seit seiner Kindheit begleiten: Nicht erwünscht und nicht gut genug zu sein.

Seit Donnerstag zeichnet Amazon Prime in der Dokumentation «Novak Djokovic: The Wolf in Winter» seinen Weg an die Spitze des Männertennis nach. Wie er als Vierjähriger zum Racket griff. Wie er als Kind Schutz in einem Bunker suchte, als Nato-Truppen 1999 seine Heimat während drei Monaten mit einem Bombenteppich zudeckten. Wie seine Eltern in der Not Geld von Menschen annahmen, die Djokovic als «Kriminelle» bezeichnet. Und wie er als Zwölfjähriger sein Zuhause in Richtung München verliess.
Anders als die vierteilige Netflix-Dokumentation zu Rafael Nadal oder «Twelve Final Days», die Roger Federers letzte Tage als Tennisspieler nachzeichnet, erscheint «The Wolf in Winter» nicht nach dem Rücktritt des Protagonisten, sondern zu einem Zeitpunkt maximaler Verwundbarkeit: Mit 39 Jahren muss er niemandem mehr etwas beweisen ausser sich selbst. Und doch wird auch er irgendwann vom Lauf der Zeit eingeholt, oder vom eigenen Körper im Stich gelassen. Wie zuletzt in Cincinnati, wo er sich geplagt von hoher Luftfeuchtigkeit und Hitze übergeben musste.

Genau davon handelt «The Wolf in Winter»: vom nahenden Ende. Und von einem Mann, der alles gewonnen und jeden besiegt hat, dessen grösster Gegner aber bis heute er selber geblieben ist. «Die Menschen um mich herum sagen immer wieder zu mir: Du hast so viel erreicht. Jetzt kannst du es geniessen», erzählt Djokovic. «Doch ich kann es nicht geniessen.»
Es ist das Geständnis eines Getriebenen. Djokovic sagt, er wolle immer mehr, immer besser, schneller und stärker sein. «Ich kann nicht sagen, ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe und wer ich geworden bin. Oft habe ich das Gefühl, mich selbst einzusperren», sagt er. Seine Frau Jelena beschreibt denselben Mechanismus von aussen: «Verliert Novak, stellt er seine ganze Identität infrage, isoliert sich und will alleine sein.»

Woher dieser Zwang kommt, darauf liefert «The Wolf in Winter» keine eindeutige Antwort. Aber er legt eine Spur zurück in Djokovics Kindheit. Als er mit zwölf Jahren sein Elternhaus verliess, sei das für seine Mutter Dijana «der schlimmste Tag meines Lebens» gewesen. Und für Djokovic mit der Verantwortung verbunden, erfolgreich zu sein. «Ich musste schnell erwachsen werden und Freude, Angst und Frustration unterdrücken.»
Der Tennisplatz wurde zu einer Zuflucht. Dort durften Emotionen raus, für die es anderswo keinen Platz hatte. Und offenbar braucht er dieses Ventil noch heute. Andre Agassi, der Djokovic ab Mai 2017 für rund zehn Monate trainierte, beschreibt einen sanften, zugewandten Menschen, der für sein bestes Tennis ausgerechnet «seine dunkle Seite» benötige, wie es Agassi ausdrückt. Angst oder Wut hätten ihn besser gemacht. Djokovic selbst sagt: «Wenn sich die Menge gegen mich wendet, weckt das den Krieger in mir.»

«Novak war nicht der Auserwählte»
An Gegnern mangelte es ihm nie. Als Djokovic an die Weltspitze drängte, war die grosse Geschichte seiner Generation längst geschrieben. «Hier Roger Federer mit Eleganz, Stil und Charisma. Dort Rafael Nadal mit seiner Energie, Zähigkeit und Intensität», sagt Djokovic. Ihre Rivalität war das perfekte Drehbuch. Djokovic störte es. So beschreibt es der Serbe selber.
Er war lauter, emotionaler, imitierte andere Spieler – vor allem begann er Federer und Nadal zu besiegen. «Novak war nicht der Auserwählte», sagt seine Frau: «Er trägt die Last, niemals gut genug zu sein.» Wobei Mutter Dijana sich diesbezüglich auch schon anders geäussert hat. «Novak fühlt sich von Gott auserwählt», sagte sie nach dem Wimbledon-Final 2019.

Federer ist nur eine Randfigur
Obwohl sie sich 50 Mal duellierten, davon 17 Mal bei einem Grand-Slam-Turnier und 4 Mal in einem Final, spielt Roger Federer kaum eine Rolle in «The Wolf in Winter». Dabei haben Siege gegen den Schweizer Djokovics Karriere definiert: 2008 im Halbfinal der Australian Open auf dem Weg zu seinem ersten Major-Titel, 2010 und 2011 jeweils im Halbfinal der US Open. Und 2019 im Wimbledon-Final. Dreimal hatte Federer dabei jeweils zwei Matchbälle. Dreimal gewann am Ende dennoch sein Antipode.
Vielleicht ist es konsequent, dass Federer und Nadal Randfiguren bleiben. Denn «The Wolf in Winter» erzählt weniger von Djokovics Kampf gegen seine grössten Rivalen als von seinem lebenslangen Kampf gegen zwei Gefühle: jenes, nicht zu genügen und jenes, nicht dazuzugehören.

Als Djokovic zum «Bösewicht der Welt» wurde
Nirgendwo offenbarte sich dies heftiger als Anfang 2022 in Australien. Djokovic war nicht gegen Covid-19 geimpft, als er zu den Australian Open reiste. Er macht eine Ausnahmeregelung geltend, weil er in den Monaten zuvor zweimal an Corona erkrankt gewesen sei. Vor seiner Abreise machte er diesen Umstand öffentlich – entgegen der Empfehlung seiner Frau.
«Von diesem Moment an brach die Hölle los», erinnert sich seine Frau Jelena. Bei seiner Ankunft in Melbourne wurde Djokovic festgehalten und sein Visum annuliert. Weil er sich gegen eine Impfpflicht ausgesprochen hatte, habe er sich zu einer «Ikone für Impfgegner» gemacht und sein Aufenthalt in Australien könne zu sozialen Unruhen führen, hiess es.
Djokovic wurde deportiert. Bis heute bezeichnet er die Ereignisse als politisch motiviert und betont, nie für oder gegen Impfungen gewesen zu sein. Ihm gehe es um die freie Entscheidung über seinen eigenen Körper. Bis dahin sei er allenfalls in der Tenniswelt als Störenfried wahrgenommen worden. «Nun aber wurde ich zu einem Bösewicht der ganzen Welt.»

Szenen aus dem Familienleben
Doch die vielleicht berührendsten Momente der Dokumentation spielen nicht auf dem Tennisplatz. Sie zeigen Djokovic als Vater. «Um sie herum ist er am glücklichsten», sagt seine Ehefrau Jelena. «Mit Stefan und Tara erlebt er die Kindheit, die wir leider nie hatten. Wir wuchsen im Krieg auf und waren Bombenangriffen ausgesetzt. Das hat Narben hinterlassen.»
Wie auch die Zerrissenheit, die Djokovic spürt, wenn er zu Turnieren reist und seine Kinder weinen sieht. «Die Schuldgefühle fressen mich auf», sagt der 39-Jährige, der in diesem Jahr erst sechs Turniere gespielt hat.

Djokovic bringt diesen Widerspruch selbst auf den Punkt: «Ich bin nicht mehr nur ein Tennisspieler. Ich bin Ehemann, Vater. Das ist der Kampf.» Und deshalb ist die Frage nach seinem Rücktritt längst mehr als eine sportliche. Ein Datum nennt er nicht. So lange er das innere Feuer spüre, so lange er mit den Weltbesten mithalten könne, sehe er keinen Grund dazu.
Doch der Titel der Dokumentation verrät, wo er angekommen ist: im Winter seiner Karriere. Der Wolf ist noch da, der Hunger ebenfalls. Nur der Körper erinnert ihn immer häufiger daran, dass dieser Kampf nicht mehr ewig dauern kann. «Wie lange soll ich das mir, meiner Frau und meinen Kindern noch antun?», fragt Djokovic. Eine Antwort darauf gibt er nicht.

Vielleicht kann er sie auch noch nicht geben. Denn Aufhören bedeutet für Novak Djokovic nicht bloss, kein Tennis mehr zu spielen. Es bedeutet, sich von jenem Ort zu verabschieden, der ihm als Kind Zuflucht bot, auf dem er seine Emotionen ausleben konnte, Freude, Wut und Tauer. Und an dem er sich immer wieder bewies, dass alle falschlagen, die nicht an ihn glaubten.
24 Grand-Slam-Titel, Olympiagold, 428 Wochen als Nummer 1: Novak Djokovic hat der Welt längst bewiesen, dass er gut genug ist. Und dass er seinen Platz in der Tennisgeschichte verdient. Die Frage, die «The Wolf in Winter» am Ende offenlässt, ist eine andere: Wann glaubt er es selbst?


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