Langweilig wird es Nadine Fähndrich nicht. Die Aussichten auf mehr Gemütlichkeit und ein ruhigeres Leben nach dem Rücktritt vom Spitzensport korrespondieren nur bedingt mit ihrem Tatendrang und der Eigenschaft, als Mensch sehr strukturiert und planmässig zu funktionieren.
Die erfolgreichste Schweizer Langläuferin der Geschichte geniesst zwar die freie Zeit mit Partner Elvis, schwärmt über die gemeinsamen Ferien im Sommer in Australien und die Erkenntnis, dass Training neuerdings Freifach und nicht Pflichtfach darstellt. «Aber gleichzeitig habe ich auch das Gefühl, dass meine Agenda schon wieder ziemlich voll ist», sagt die 30-jährige Luzernerin lachend. «Ich fühle mich manchmal ziemlich am Limit mit den ausgefüllten Tagen.» Vor allem auch, weil sie inhaltlich ganz anders daherkommen als in ihrem Leben der vergangenen gut zehn Jahre.
Seit September arbeitet sie in einem befristeten Arbeitsverhältnis zu 50 Prozent für das Bundesamt für Sport. Nadine Fähndrich kümmert sich um Innovationsprojekte rund um den Sport. «Es ist eine sehr abwechslungsreiche Tätigkeit und für mich spannend, so auch in andere Bereiche des Sports hineinzusehen», sagt die Olympiazweite von Cortina.
Ein Langlauf-Abenteuer nur für Frauen
Zusätzlich ist Fähndrich daran, ein Vorhaben auf die Beine zu stellen, bei welchem der Austausch zwischen ehemaligen Athletinnen und Athleten sowie Nachwuchssportlern im Zentrum steht. «Ich denke, dieser wichtige Know-how-Transfer passiert noch viel zu häufig zufällig. Dabei geht viel Wissen verloren.» Die gelernte Kauffrau mit Berufsmatur ist überzeugt, dass es jungen Talenten hilft, wenn jemand über Erfahrungen im Leistungssport spricht, der sie selbst erlebt hat. «Sie realisieren, dass sie mit ihren Herausforderungen und vielleicht auch Problemen nicht allein sind.»
Dass die dreifache WM-Medaillengewinnerin auch im ersten Jahr ausserhalb des Hamsterrads Spitzensport voller Elan und Energie bleibt, zeigt ein weiteres Projekt, das sie bereits im Januar umsetzt: das erste «Ladies-Langlauf-Camp by Nadine Fähndrich». Während eines verlängerten Wochenendes im Engadin gibt sie den Teilnehmerinnen nicht nur Langlauf-Unterricht – etwa als Vorbereitung auf den Engadin Skimarathon –, sondern plant mit den maximal 25 Teilnehmerinnen weitere Aktivitäten wie den gemeinsamen Besuch der Langlauf-Weltcuprennen, ein Krafttraining sowie einen Vortrag über ihre eigenen Erfahrungen. Die siebenfache Weltcupsiegerin möchte mit diesem Camp «den Sport näher zu den Frauen und die Frauen näher zum Sport bringen».
Nadine Fähndrich führt diese Premiere vom 23. bis 26. Januar in Zusammenarbeit mit ihrer Cousine Céline Fähndrich vom Sportgeschäft «Fähndrich Sport» in Pontresina durch. Mehr Informationen gibt es auf deren Website oder in Kürze auch auf den sozialen Kanälen von Nadine Fähndrich. «Wenn es gut ankommt, ist es mein Ziel, dieses Angebot regelmässig anzubieten», sagt die Innerschweizerin.
Obwohl die Sprintspezialistin sagt, momentan sei alles neu, ungewohnt und damit auch herausfordernd, hegt sie auch punkto Ausbildung weitere Pläne. Ab Februar beginnt sie ein Fernstudium in Betriebsökonomie. «Ich liebe es, wenn mein Kopf nach einem Arbeitstag fast platzt.»
Training ohne Zwang, aber mit Struktur
Und wie sieht es mit ihr als Athletin und punkto Training aus? Das Leben als Profisportlerin vermisst Nadine Fähndrich nicht, «auch wenn es für mich eine mega schöne Zeit war, die ich mit viel Leidenschaft erlebt habe», sagt sie. Nun ist aus dem Obligatorium «Training» eine Freizeitbeschäftigung ohne Verpflichtung, aber ihrem Naturell entsprechend doch mit einer gewissen Struktur geworden.
Sie sei zwar noch ein wenig am Herausfinden, wie sie eine gewisse Konstanz in ihr Training bringe, aber sie habe sich vorgenommen, acht bis zwölf Stunden pro Woche zu trainieren und dabei ein Kraft- und ein Intervall-Training einzubauen. «Ich brauche die Bewegung, sie tut mir gut und ich will das auch machen.» Daneben spürt Nadine Fähndrich aber auch Lust, neue Sportarten auszuprobieren oder alte Lieben aufzuwärmen, wie etwa das Thai-Boxen. Dabei sei es durchaus eine mentale Herausforderung, den eigenen Ehrgeiz zu zügeln.
Und auch das Verlangen nach Wettkampf hat die in Knutwil bei Sursee lebende Sportlerin bereits auf neue Weise befriedigt. Am 19. Juli nahm sie am Volks-Velorennen «L’Étape du Tour» teil, bei welchem sie mit insgesamt 12'800 anderen Finishern aus 79 Nationen die 170 Kilometer lange und mit 5400 Höhenmetern gespickte Königsetappe der Tour de France mit Ziel Alp d’Huez bewältigte. Sie beendete das Rennen nach 10 Stunden und 13 Minuten im Mittelfeld. «Bei mir stand der Genuss und nicht unbedingt die Leistung im Vordergrund», sagt Nadine Fähndrich zu dieser Premiere. «Es war ein cooles Erlebnis, aber ich habe gleichzeitig gemerkt, dass sich mein Körper solch lange Belastungen dieser Art schlicht nicht gewohnt ist. Ich war auf eine andere Art limitiert als beim Langlauf.»
Bald stehen die ersten Langlaufrennen im Weltcup ohne Nadine Fähndrich an. Bleibt doch noch ein wenig Sehnsucht nach dem früheren Alltag? «Ich muss mich noch ein wenig an die neue Situation gewöhnen, aber es fühlt sich gut an. Ich geniesse das neue Leben und freue mich auch darauf, den ersten Winter seit vielen Jahren auf eine andere Weise zu erleben».




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