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Eishockey

MySports – eine grandiose TV-Erfolgsstory mit beissendem Schwefelgeruch

Als erste helvetische Profiliga der Geschichte setzt die National League komplett auf private TV-Anbieter. Der Erfolg ist grandios.
Die National League läuft ausschliesslich im privaten Fernsehen, hier wird Tigers-Spieler Harri Pesonen von MySports-Moderator Jann Billeter interviewt.
Bild: Marcel Bieri / Keystone

Eigentlich gilt seit Anbeginn der Zeiten: Leutschenbach bringt uns, also sind wir. Es schien undenkbar, dass ein wichtiger Sport auf nationaler Ebene ohne eine Sekunde Livebilder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (SRF) existieren, geschweige denn sich weiterentwickeln kann.

Die National League hat sich nicht nur juristisch vom Verband gelöst. Sie ist das immense Risiko eingegangen, sich komplett auf private TV-Stationen zu verlassen. Einerseits auf den Bezahlsender MySports (im Besitz von Sunrise), der alle Spiele live überträgt und andererseits auf die frei empfangbaren privaten TV-Anbieter (TV 24, 3+, Tele Ticino, La Télé, Léman bleu, Télé Billingue) in allen drei Landessprachen. Sie zeigen rund 60 ausgewählte Spiele der Regular Season, mindestens eine Partie pro Playoff-Runde plus alle Playoff-Finalpartien.

Die Bedenken waren gross, die National League verkaufe ihre Seele – also ihre Sichtbarkeit – und werde massiv an Reichweite verlieren. Mit fatalen Folgen für die Vermarktung. Nun zeigt sich im vierten Jahr mit dieser Lösung: Es mag sein, dass ein einzelnes Playoff-Finalspiel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine höhere Reichweite erzielen könnte. Aber kumuliert über die ganze Saison sind Sichtbarkeit und Reichweite viel grösser geworden. Unsere höchste Liga braucht Leutschenbach nicht mehr. SRF hat im Hockey noch die Rechte für Länderspiele, für WM- und Olympia-Turniere und für den Spengler Cup.

Ein wichtiger Faktor ist die hohe Qualität. Die TV-Bilder gehören zum Besten, was es im Eishockey gibt. Dazu kommt: Die TV-Kommentatoren von MySports sind sehr, sehr gut, mindestens auf Augenhöhe mit ihren Kollegen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und einige sogar besser. Sie haben durchwegs eine gute Kombination aus Fachkompetenz, sprachlicher Gewandtheit und kommentieren mit angenehmer Sachlichkeit: Sie versuchen nicht, ständig zu erzählen, was der TV-Konsument selbst sieht. Sie sind eher Begleiter mit gut getimten, informativen Ergänzungen zu den Bildern.

Jann Billeter, Daniela Milanese und Matthias Röthlisberger bilden das Moderations-Team bei MySports.
Bild: MySports

MySports ist für die National League eine grandiose Erfolgsgeschichte: Bis 2035 fliessen der Liga insgesamt pro Jahr rund 30 Millionen in die Kassen. Und die Liga boomt eben auch dank der umfassenden TV-Präsenz, die nur private Stationen bieten können. Inzwischen kann die höchste Spielklasse Jahr für Jahr neue Publikums-Rekorde vermelden. Die Live-Übertragungen aller Spiele hält die Fans nicht davon ab, ins Stadion zu eilen. Die Live-Übertragungen geben den Spielen einen hohen Eventcharakter, der dazu führt, dass sich die Fans sagen: Da will, da muss ich auch hin.

Ob sich die enormen Investitionen (rund 30 Millionen im Jahr) für MySports bzw. Sunrise rechnen, ist eine andere Frage. MySports-Chef Matthias Krieb sagt auf eine entsprechende Frage, man entwickle sich zwar nicht ganz so schnell wie erwartet, aber stetig und rechne mit einem grossen Steigerungspotenzial. Präzise Zahlen über Abonnenten, Einnahmen und Ausgaben nennen die Bürogeneräle der Bezahl-TV-Stationen nie und sie sind dazu auch nicht verpflichtet. Eher würden sie die Natel-Nummer ihrer Geliebten verraten als konkrete Zahlen.

Tatsächlich dürfte das Entwicklungspotenzial hoch sein: Lineares Fernsehen – also klassisches Fernsehen, das ein Programm zu festen Zeiten nach einem vorgegebenen Plan ausstrahlt (du musst es genau dann schauen, wenn es läuft) – hat nur noch mit Live-Übertragungen eine Zukunft. Also mit Ereignissen, die ich dann, wenn sie stattfinden, sehen will. Das sind primär Liveübertragungen von Sportereignissen. Dazu gehören Hockeyspiele.

Gerade in den Playoffs ist das Interesse an Live-Hockey gross.
Bild: Salvatore Di Nolfi / Keystone

Die Erfolgsgeschichte von MySports hat allerdings einen beissenden Schwefelgeruch. Kein anderer Sportsender der Welt beschäftigt im Kern-Expertenteam einen Spieleragenten, der in der Liga seine Geschäfte macht, über die berichtet wird. Bei keiner anderen Liga der Welt werden solche Zustände toleriert. Der Interessenkonflikt ist ganz einfach zu gross. Das ist ungefähr so, wie wenn der Coop-Verkaufsleiter Experte bei einer kritischen, neutralen SRF-Konsumentensendung wäre.

Sven Helfenstein («Helpstone Sport Consulting») vertritt mit riesigem Abstand am meisten Spieler in der National League und tritt als neutraler Experte regelmässig im MySports-Kernteam auf. Das ist eine krasse Verletzung aller «Good Governance-Regeln» in diesem Geschäft. Der Einfluss, den ein Spieleragent als TV-Experte auf die Klubverantwortlichen ausübt, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Neutral kann er per Definition nicht sein.

Sven Helfenstein ist regelmässig als MySports-Experte im Einsatz.
Bild: Sven Helfenstein

Natürlich unterschreibt ein Spieleragent keine Verträge – aber es geht um die Beeinflussung: Wenn ich einen Sportchef davon überzeugen will, «meinen» Spieler zu verpflichten oder seinen Vertrag zu besseren Konditionen zu prolongieren, dann hilft es enorm, wenn ich als «neutraler» Experte ein wenig nachhelfen und Werbung in eigener Sache machen kann. Oder noch schlimmer: Durch Kritik am Klub Druck ausüben. Deshalb ist ein Spieleragent als TV-Experte in keiner anderen Liga und bei keinem anderen TV-Sender der Welt tragbar.

Kommt dazu, dass Sven Helfenstein bei den Sportchefs als «Preistreiber» gefürchtet ist. Er vertritt die Interessen von mehr als 160 Spielern (!) in den beiden höchsten Ligen, von den Stars wie Ramon Untersander, Mirco Müller, Michael Fora, Lukas Frick oder Ken Jäger, über «Mitläufer» wie Sandro Zangger, Elvis Schläpfer, Kyen Sopa bis zu Junioren, denen er zu einem Profivertrag und einem Platz in einem Team zu verhelfen versucht. Was dazu kommt, ebenfalls gegen alle Regeln in diesem Geschäft, und etwa in Nordamerika strikte verboten: Sven Helfenstein vertritt auch die Interessen von Trainern (u.a. von Thierry Paterlini).

Eigentlich ist es auch unhaltbar, dass mit Ueli Schwarz ein Verwaltungsrat eines Klubs der National League (EHC Biel) laufend als neutraler Experte auftritt. Aber wenigstens ist Schwarz nicht im Hockey-Tagesgeschäft tätig. Im Vergleich zu Sven Helfenstein ist sein Interessenskonflikt zwar vernachlässigbar. Aber trotzdem stossend.

Rolf Ziebold als Sprecher von MySports-Besitzer Sunrise spielt die Rolle von Sven Helfenstein auf Anfrage herunter:

Eine offizielle Stellungnahme von Sven Helfenstein wird von ihm verweigert:

Es ist ein schier unfassbares Schönreden (oder ist es Naivität?) eines Problems, das bei den Klubgenerälen nicht bloss für Ärger, sondern für Empörung, ja Zorn sorgt und die Glaubwürdigkeit und Seriosität von MySports beeinträchtigt. Höchstrangige, honorigste und einflussreichste Klubvertreter reden durchwegs von «Skandal» und von «völlig unhaltbaren Zuständen». Aber keiner wagt sich aus der Deckung. Keiner will mit dem Haussender in Konflikt geraten und keiner will die Hand beissen, welche die Liga jährlich mit gut 30 Millionen füttert. Und erst recht will niemand eine Auseinandersetzung mit dem mit weitem Abstand wichtigsten Spieleragenten, auf den er im täglichen Geschäft immer und immer wieder angewiesen ist. Alle machen die Faust im Sack. Das Schweigen der Ohnmächtigen.

Dem TV-Konsumenten dürften diese «skandalösen Umstände» mehr oder weniger egal sein. Unmut über TV-Personal, dem diese oder jene Klubneigung oder persönliche Vorliebe bei Spielerkritik zugeschrieben wird, gibt es seit der Erfindung der Live-Übertragung. Und dass einige Experten weder über Insiderwissen noch Unterhaltungswert verfügen, ist ebenfalls ohne Bedeutung: Das ganze Studio-Rösslispiel ist eigentlich Geldverschwendung ohne Einfluss auf die Einschaltquoten. Entscheidend sind gute Live-Bilder und kompetente Kommentatoren.

MySports ist eine grandiose TV-Erfolgsstory. Aber weil sich die Redaktion um alle im TV-Geschäft gängigen Compliance-Regeln foutiert, ist der Schwefelgeruch beissend.

Eigentlich ist egal, was im TV-Studio passiert. MySports-Experte Alex Chatelain, der ehemalige HCD-Spieler Andres Ambühl und Moderatorin Daniela Milanese (von links)
Bild: Gian Ehrenzeller / Keystone

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