Die Schweiz ist eine Mountainbike-Nation. Was sich spätestens nach dem sensationellen Dreifach-Triumph der Frauen bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio definitiv ins Gedächtnis der Radsport-Fans eingebrannt hatte, erhielt im vergangenen Jahr die eine oder andere empfindliche Schmälerung. Die schwächste Schweizer Saison seit beinahe 30 Jahren sorgte für einige Kratzer im Selbstverständnis der hiesigen Bike-Szene.
Und nun dieses Comeback! Der erste Schweizer Doppelsieg im Cross-Country-Weltcup seit Val di Sole im Juni 2023 (Nino Schurter und Alessandro Keller). Vielleicht liegen die historischen Wurzeln dieses aussergewöhnlichen Erfolgs ganz weit zurück – in den Siebzigerjahren, als Radquer-Ikone Albert Zweifel mit einer Erfolgsgarantie durch den Schlamm fuhr und stampfte, als wären die Gegner nicht mehr als applaudierende Statisten.
Mehr zu Fuss unterwegs als auf dem Bike
Bei der dreifachen Premiere zum Start der Weltcup-Saison in Südkorea erinnerte einiges an die goldenen Zeiten von Albert Zweifel. Zum einen glichen die Rennen aufgrund heftiger Regenfälle am Vortag vielmehr einem Radquer als einem Mountainbike-Wettkampf. Praktisch sämtliche Bergauf-Passagen mussten zu Fuss zurückgelegt werden – rund die Hälfte der gesamten Strecke.
Zum anderen dominierten Dario Lillo und Sina Frei bei ihren jeweiligen Siegpremieren in einem Cross-Country-Weltcup die Konkurrenz wie einst Zweifel zu seinen besten Zeiten. Vor allem der erst 24-jährige St. Galler Lillo aus Eschenbach war bei seinem Start-Ziel-Sieg eine Klasse für sich. Er nahm dem zweitplatzierten Franzosen Luca Martin 1:46 Minuten ab.
Lange durfte man in Pyeongchang, wo 2018 die Olympischen Winterspiele über die Bühne gingen, von einem Schweizer Zweifach-Sieg träumen. Der erst 22-jährige Finn Treudler konnte in seinem allerersten Elite-Rennen im Weltcup Lillo als einziger Fahrer (oder müsste man Geher sagen?) einigermassen folgen. Doch dann setzten massive Probleme mit der Kette den Zürcher schachmatt. Er fiel bis ins Ziel auf Position 13 zurück. Zweitbester Schweizer wurde schliesslich der Tessiner Filippo Colombo als Achter.
Dario Lillo motiviert sich mit der Wetterprognose
Dario Lillo kam bei seinem Husarenritt entgegen, dass er auch im Radquer zur nationalen Spitzenklasse gehört. An den Schweizer Meisterschaften gewann er in diesem Winter Silber. Lillo sagte nach dem Rennen, der Wetterbericht mit flächendeckender Regenankündigung habe ihn motiviert. Und der Blick aus dem Hotelzimmer am Morgen des Renntags habe ihn darin bestätigt, dass etwas Grosses drin liegt. Dies just im Zielgelände, wo die Schweizer Olympia-Delegation 2018 im damaligen House of Switzerland auf ihre insgesamt 15 Medaillen anstiess.
Grund zum Anstossen hatte auch Sina Frei. Die 28-jährige Zürcherin ist im Mountainbike zwar seit Jahren eine feste Grösse, auch wenn sie punkto Körperlänge mit 1.51 m zu den kleinsten Fahrerinnen gehört. 2021 gewann sie beim totalen Schweizer Olympia-Triumph Silber und wenig später an der WM auch noch Bronze.
Sina Frei gewinnt in drei Tagen zweimal
Ein Wochenende wie jetzt in den Bergen Südkoreas erlebte Frei aber definitiv noch nie. Zuerst gewann sie als eigentliche Spezialistin am Freitag das Short-Track-Rennen, dann doppelte sie zwei Tage später bei komplett anderen Verhältnissen mit ihrem allerersten Sieg im Cross-Country nach. Ronja Blöchlinger als Siebte und Altmeisterin Jolanda Neff als Achte rundeten die gefreute Schweizer Schlammschlacht ab.
Auf einen Start beim allerersten Weltcuprennen auf dem asiatischen Kontinent verzichtet hat die Nidwaldnerin Alessandra Keller, die in den vergangenen Jahren der konstanteste Wert im Schweizer Frauenteam war. Keller gibt sich nach ihrem Sieg am legendären Mehrtagerennen Cape Epic in Südafrika vor einigen Wochen genügend Zeit für den Formaufbau und steigt erst in drei Wochen beim nächsten Rennen in Nove Mesto in den Weltcup ein.

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