
Maximilian Streule steht 2020 vor einem grossen Abenteuer. Er plant, die Organisation der ZSC Lions im Alter von 16 Jahren zu verlassen und die Saison 2020/21 in Nordamerika zu verbringen. Doch es kommt nicht nur wegen der Covid-Pandemie anders. Als nach einem Umzug von Regensdorf nach Wallisellen der neue Hausarzt sein Herz abhört, fällt ihm etwas Ungewöhnliches auf. Abklärungen im Spital ergeben, dass er an einem Herzklappenfehler leidet und sich einer Operation unterziehen muss.
Dem Schicksalsschlag getrotzt
Damit nicht genug: Streule wurde gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit, nicht mehr aufzuwachen, bei 60 Prozent liege. Hätte ihm eine künstliche Herzklappe eingesetzt werden müssen, wäre es mit der Eishockey-Karriere wohl vorbei gewesen, da er dauerhaft hätte Blutverdünner nehmen müssen. Die beste Prognose war, dass er frühestens nach sechs Monaten wieder spielen könnte. «Ich war noch nicht wirklich sehr erwachsen im Kopf, habe mir wenig dabei gedacht», sagt der heute 23-jährige Streule im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zum Umgang mit der schwierigen Situation. «Ich fand, ich gehe nun etwas schlafen und dann wache ich wieder auf.» Dass seine Karriere vorbei sein könnte, damit befasst er sich gedanklich nicht. Vielmehr motiviert ihn die Aussicht auf eine mögliche Rückkehr. Erst im Nachhinein wurde ihm so richtig bewusst, wie ernst die Situation eigentlich war.

Die Operation fand in Lausanne statt, deshalb reiste die gesamte Familie mit einem Camper für zehn Tage dorthin. Streule hat drei Brüder und eine Schwester, die alle ebenfalls Eishockey spielen oder gespielt haben. Wegen Covid durfte ihn allerdings nur eine Person pro Tag für zwei Stunden besuchen. Nicht alle seine Liebsten zu sehen, war für ihn schwierig, mit dem Rest konnte er gut umgehen. Das sagt einiges über seine Persönlichkeit aus. Diese Einstellung sowie die grosse Unterstützung der Familie und des Vereins halfen ihm dabei, bereits drei Monate nach dem Eingriff am offenen Herzen wieder Partien bestreiten zu können, was einem kleinen Wunder gleichkam.
Was hat die schwierige Zeit mit ihm gemacht? «Das hat meinen Charakter enorm gestärkt. Ich versuche seither, jeden Tag bewusst zu geniessen, gehe mit der Einstellung ins Leben, alles mit Spass im Hinterkopf zu machen und Freude daran zu haben.»
Zwei Lehrjahre in Nordamerika
Den Traum, nach Nordamerika zu gehen, erfüllte sich Streule dann in der Saison 2021/22. Zunächst spielte er in der Juniorenliga WHL für die Winnipeg Ice, ehe er während der zweiten Saison von den Blainville-Boisbriand aus der QMJHL übernommen wurde. Auch diese Zeit brachte ihn menschlich weiter, insbesondere weil der Konkurrenzkampf dort selbst bei den Junioren riesig ist. «Man muss über sich hinauswachsen, muss es mehr wollen als die anderen, denn wenn man nicht liefert, kommt einfach der nächste», sagt Streule, für den Roman Josi ein Riesenvorbild ist.

2023 kehrte er in die Schweiz zurück, schloss sich jedoch nicht wieder der Organisation der Lions an, sondern Fribourg-Gottéron. «Ich sprach mit ein paar Teams, der ZSC war auch darunter. Den Plan von Fribourg fand ich jedoch am überzeugendsten, um mich zu entwickeln und der bestmögliche Spieler zu werden.»
Das System von Trainer Roger Rönnberg sagt ihm zu und er erhält viel Verantwortung. In den bisherigen 18 Saisonpartien kam er im Schnitt während knapp 19 Minuten zum Einsatz. Von den Verteidigern bei Gottéron erhielten bloss Yannick Rathgeb und Patrik Nemeth mehr Eiszeit. Und natürlich war der Meistertitel in diesem Frühjahr ein unvergessliches Highlight.
Wo sieht er noch am meisten Steigerungspotenzial? «An der blauen Linie zu spüren, was wann am besten ist. Dann muss ich sicher hinten heraus noch stabiler werden. Kurzum: Ich kann mich in jeder Zone noch verbessern.» Um an den Details zu schrauben, analysiert er jedes Spiel, meistens für sich selber. Streule arbeitet auch mit einem Mentaltrainer zusammen, mit dem er vor allem als Jugendlicher viel zusammensass. Dabei legte er den Grundstein, auf dem er nun aufbauen kann.
Ein Leader mit grossen Zielen
Nationaltrainer Jan Cadieux sieht jedenfalls grosses Potenzial in Streule. Im Frühjahr fehlte wenig für ein Aufgebot für das letzte Turnier vor der Heim-WM. «Er ist ein Kämpfer, hat viel Energie. Ich glaube, er kann in der Zukunft ein Leader sein. Wir werden ihn allerdings herausfordern, sofort diese Rolle einzunehmen», sagt Cadieux gegenüber Keystone-SDA.
Für Streule ist das kein Problem, er war als Junior oft Captain. Er betont aber: «Man braucht keinen Buchstaben auf dem Leibchen, um ein Leader zu sein. Wenn ich mit einem guten Beispiel vorausgehe, das kann auch bei etwas Kleinem sein, dann ziehen die nächsten auch mit - egal, wie alt ich bin.»
Auch diese Aussage zeugt von Reife. Sein grosser Traum ist nach wie vor die NHL, das liegt jedoch nur begrenzt in seiner Kontrolle. Er könne nicht mehr als sein Bestes geben, «alles andere entscheiden andere Leute», sagt Streule.
Zuerst einmal möchte er aber seine Chance im Nationalteam nutzen, ging doch mit dem Aufgebot ein Kindheitstraum für ihn in Erfüllung. So oder so hat Streule bereits eine besondere Geschichte geschrieben und sein Kämpferherz bewiesen. Die nächsten Abenteuer können kommen. (sda)
Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.