Nach knapp zweieinhalb Stunden und zuvor fünf vergebenen Matchbällen ist es so weit: Linda Noskova verwertet den sechsten Championship-Point und gewinnt ihren ersten Grand-Slam-Titel. Die Erleichterung war der 21-Jährigen anzusehen. Sie fiel rückwärts auf den «heiligen Rasen», bevor sie ihrer geknickten Finalgegnerin eine tröstende Umarmung spendete.

Noskova ist die neue Wimbledonsiegerin. Die Weltranglisten-Zwölfte setzte sich im ersten rein tschechischen Grand-Slam-Finale der Geschichte gegen ihre Landsfrau Karolina Muchova, Weltnummer 9, nach einer nervenaufreibenden Achterbahnfahrt mit 6:2, 5:7, 6:3 durch. Seit der Einführung des Profitennis 1968 hatten sich zuvor nie zwei Tschechinnen in einem Endspiel der vier grossen Turniere gegenübergestanden.
Fast eine Stunde lang sahen die Zuschauerinnen und Zuschauer auf dem Centre Court Einbahn-Tennis: Die 21-Jährige Noskova verlor kein einziges Aufschlagspiel und führe bereits 6:2, 5:2 und stand ganz kurz vor dem grossen Triumph. Doch die acht Jahre ältere Muchova hatte andere Pläne. Während die 29-Jährige ihr bestes Tennis des Spiels zeigte, unterliefen der sichtlich nervösen Noskova plötzlich ungewohnte Fehler. Insgesamt fünf Matchbälle in drei aufeinanderfolgenden Spielen vergab Noskova. Aus 5:2 wurde 5:7. Statt Siegerinneninterview hiess es nun Entscheidungssatz.
Doch als wäre die halbe Stunde mit fünf verlorenen Spielen in Folge nie passiert, fand Noskova im dritten Satz zu ihrem dominanten Spiel zurück, ging sofort 3:0 in Führung und servierte erneut stark. Ein Comeback liess sie diesmal nicht mehr zu: Eine Stunde und zwanzig Minuten nach ihrem ersten Matchball verwandelte sie nach knapp zweieinhalb Stunden Spielzeit ihren sechsten Matchball mit einem Aufschlagwinner. Die Reife, mit der die 21-Jährige den Rückschlag im zweiten Satz wegsteckte, ist bemerkenswert.

Die Last, die ihr nach dem Matchwinner abfiel, war Noskova anzusehen. Rückwärts liess sie sich auf den «heiligen Rasen» fallen, bevor sie der geknickten Muchova Trost spendete. Danach machte sie sich auf den Weg rauf in die Zuschauerränge, wo sie ihren bisher grössten Triumph mit ihrem Vater, ihrem Trainer und der Familie zelebrierte.
Bittere Niederlage gegen ihre «frühere Freundin»
Trotz Tränen in den Augen konnte auch Muchova in ihrer Rede nach dem Finale schon wieder halbwegs lachen und beschwerte sich scherzhaft bei ihrer «früheren Freundin» Noskova für die Niederlage. Besonders bitte für Muchova: Für die 29-Jährige war es bereits die zweite Grand-Slam-Final-Niederlage. Ihr erstes Major-Finale verlor sie vor drei Jahren in Paris gegen die Sandplatz-Königin Iga Swiatek – ebenfalls in drei Sätzen. Immerhin verhinderte sie mit einer kämpferischen Leistung einen zweiten einseitigen Final in Folge, nachdem Swiatek im Vorjahr Amanda Anisimova mit 6:0, 6:0 vom Platz gefegt hatte.

Noskova reiht sich mit ihrem Titel in eine beeindruckende Serie tschechischer Erfolge in Wimbledon ein: 2023 hatte Marketa Vondrousova triumphiert, ein Jahr später Barbora Krejcikova. Schon früher hatten Jana Novotna 1998 sowie Petra Kvitova 2011 und 2014 Wimbledon-Titel für Tschechien gesammelt. Nun folgt Noskova als fünfte tschechische Rasenkönigin.
In einer emotionalen Rede bedankte sich Noskova zuerst bei ihrem Vater, bei der Familie und Freunden und bei ihrem Trainer Tomas Krupa, mit dem sie seit sechs Jahren trainiert. Schliesslich widmete sie ihren Sieg ihrer 2024 verstorbenen Mutter: «Es gibt noch eine Person, bei der ich mich bedanken möchte: meine Mama. Ohne sie wäre ich definitiv nicht hier, also danke», sprach sie unter Tränen und sendete einen Kuss in den Himmel.




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