Sonntag, 1. März - kurz nach Mittag. Im Athletikzentrum in St. Gallen findet der Empfang der geladenen Gäste statt. In den vergangenen Jahren hielt Christoph Seiler, der Präsident von Swiss Athletics, jeweils eine kurze Ansprache. Symbolisch gehört der Berner Oberländer zu den nationalen Leichtathletik-Meisterschaften wie die rote Krawatte zu Donald Trump.
Sonntag, 1. März - kurz nach Mittag. Im mittelschwedischen Dorf Evertsberg ist gerade viel los. Für die 232 Einwohner herrscht Ausnahmezustand. Evertsberg liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Sälen und Mora. Und damit etwa bei Halbzeit des prestigeträchtigsten Langlaufrennens der Welt. Soeben hat Christoph Seiler nach 5 Stunden und 10 Minuten Evertsberg im Schneetreiben und bei ordentlich Gegenwind passiert.
Seit 1922 absolvieren die Wettkämpferinnen und Wettkämpfer die 90 Kilometer lange Strecke des Wasalaufs in der klassischen Technik. Und ehren damit den schwedischen Freiheitskämpfer Gustav Wasa, der damals in der unwirtlichen Gegend auf der Flucht vor dem dänischen König war.
Beim ersten Rennen standen 119 Unerschrockene am Start. Inzwischen sind es beim populären Rennen doch einige mehr. Am 1. März 2026 um exakt zu sein Christoph Seiler sowie 13351 weitere Wagemutige.
Als Motivation dient eine Olympiaheldin
Für den 57-Jährigen aus Unterseen bei Interlaken ist es eine doppelte Premiere. Sein erster Start beim Wasalauf und die erste Schweizer Meisterschaft in der Leichtathletik, die er als Präsident verpasst. Wie oft er während seines knapp zehnstündigen Rennens bei doch garstigen Verhältnissen seine Entscheidung bereute, ist nicht überliefert.
Als Vorbereitung diente dem Finanzchef der Jungfrau-Bahnen weniger das tägliche Langlauf-Training, als vielmehr die mentale Motivation in Form einer Visualisierung. Nein, nicht unbedingt des VIP-Apéros. Er nehme sich die Leistung von Nadja Kälin bei Olympia zum Vorbild, die beim erstmals an Winterspielen ausgetragenen 50-km-Langlauf der Frauen sensationell Bronze gewann.
Morgens um acht Uhr wurden die Sportlerinnen und Sportler in Sälen auf die Loipe geschickt. Während der einheimische Oskar Kardin als Sieger die 90 Kilometer pünktlich zum Mittagessen hinter sich gebracht hat, nahm sich Christoph Seiler etwas mehr Zeit für den Genuss der atemberaubenden schwedischen Winterlandschaft.
Bei schwierigen Verhältnissen - Kardin blieb mit seiner Siegerzeit von 4:14,45 um nicht weniger als 46 Minuten hinter dem Streckenrekord zurück – schaffte es der Berner Oberländer dank eines Endspurts fast wie vor einer Woche Nadja Kälin bei Olympia unter neun Stunden ins Ziel. Der 57-Jährige benötigte 8 Stunden, 48 Minuten und 18 Sekunden für seine Premiere. Er kam um 16.48 Uhr praktisch synchron mit Hürdenläufer Jason Joseph in St. Gallen ins Ziel. Nur war dessen Rennen lediglich 60 Meter lang.






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