Analyse

Manzambi, Vargas und die Macht religiöser Gesten

Die Kreuzgeste unserer Nationalspieler sorgt für Applaus und Kritik zugleich. Theologe Josef Hochstrasser plädiert für Religionsfreiheit auf dem Fussballplatz – warnt aber davor, die Botschaft evangelikaler Freikirchen unkritisch zu übernehmen.
Johan Manzambi und Ruben Vargas kreuzen bei der FIFA Weltmeisterschaft 2026 ihre Finger zu einem Kreuz.
Bild: Toto Marti/Blick/Freshfocus

Die beiden Schweizer Nationalspieler Johan Manzambi und Ruben Vargas geben zu reden. Nicht nur wegen ihrer genialen Tore, welche die ganze Fussballschweiz elektrisieren, auch wegen ihrer Religion. Keine Geste erhitzt die Gemüter so sehr wie die nach einem gewonnenen Spiel an der WM zu einem Kreuz geformten Finger zu Ehren Gottes, dem Zentrum ihres Lebens. Die einen nervt diese Glaubensbezeugung, andere beklatschen sie. Dritte lässt sie kalt.

Bedeutende Fussballspiele bieten immer wieder Nährboden für unterschiedlichste Manifestationen. 1995 boten die Schweizer Fussballer eine politische Demonstration. Vor dem WM-Ausscheidungsspiel gegen Schweden in Göteborg entrollten sie während der Nationalhymne ein Plakat. Darauf stand: «Stop it, Chirac». Die Mannschaft protestierte damit gegen den französischen Präsidenten Jacques Chirac, der im Mururoa-Atoll Atomversuche durchführen liess.

Drahtzieher des politischen Statements der damaligen Nationalelf waren Alain Sutter und Andy Egli. In dieselbe Kategorie weltanschaulicher Demonstrationen gehört die berühmte Doppeladler-Geste des aktuellen Captains Granit Xhaka. Diese jungen Menschen folgen nur ihrem Herzen. Sie wollen zeigen, was ihnen wichtig ist. Sie schiessen keine Menschen über den Haufen, müssen sich keine Sachbeschädigungen vorwerfen lassen. Das finde ich sympathisch.

Granit Xhaka beim FIFA Welt-Cup 2018 zeigt den Doppeladler.
Bild: Keystone

Ein Steilpass für die Legitimität

Sollen die Fussballbosse solche Manifestationen auf dem Spielfeld verbieten? Tun sie es, müssen sie konsequent durchgreifen. Die exorbitanten Spieler- und Trainerlöhne auf ein auch für einen Arbeiter erträgliches Niveau senken, die Werbungen verbieten, die Korruption beenden. Wer Verbote aufstellt, muss dafür sorgen, dass diese eingehalten werden. Ich plädiere aber für die Haltung, die einst in der Zeit der Aufklärung überzeugende Blüten trieb. Ein Bonmot, von der britischen Schriftstellerin Evelyne Beatrice Hall auf den Punkt gebracht, kennzeichnet diese Zeit: «Mein Herr, ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen». Das ist der Steilpass für die Legitimität der Gesten von Manzambi und Vargas.

Ganz so problemlos ist es aber doch nicht, wenn Fussballspieler ihren Glauben auf dem Rasen zur Schau stellen. Ruben Vargas soll der christlichen Kirche International Christian Fellowship (ICF) nahestehen. Der Erfolg dieser Kirche ist bemerkenswert. Ihre Gottesdienste sind ein wahres Happening. Ich besuchte mit einer Maturaklasse einen ihrer religiösen Events, musste die Schülerinnen und Schüler aber schon nach 10 Minuten bitten, bis zum Schluss der Celebrations zu bleiben. Sie wollten alle den Saal verlassen. Instinktiv spürten sie die subtile Indoktrination durch den Pastor. Unangenehm fanden sie das Love Bombing, einem harmlos scheinenden Umgarnen, dem sie sich im Anschluss an den Gottesdienst ausgesetzt fühlten.

Wenn die Fussballer Manzambi und Vargas nach einem Tor niederknien, senden sie eine Botschaft, die wohl vor allem bei jungen Fans verfangen kann. Ob diese aber um die fundamentalistische Grundhaltung freikirchlicher Religiosität wissen? Dass Gott Homosexualität verbietet, Geschlechtsverkehr vor der Ehe eine Sünde ist, die biblischen Geschichten wortwörtlich zu verstehen sind? Eine kritische Lebenshaltung als Zeichen von Abfall gilt? Wie können evangelikale Fussballer Gott dafür danken, dass sie ein Tor schiessen durften?

Das zeugt von einem problematischen Gottesbild. Was Gott tut und lässt, kann kein Mensch wissen. Kommt dazu, dass Gott Partei ergreift oder er schickt sich gleich an, der gegnerischen Mannschaft auch ein Tor zu schenken.

Dass es die christliche Religion und vor allem der Glaube an Gott durch ein paar kickende Fussballer mit religiösem Herzen in die Schlagzeilen schafft, ist des Nachdenkens wert. Dies vor allem in einer Gesellschaft wie jener Westeuropas, für welche die Religion in ihrem Leben bloss in den unteren Ligen noch eine marginale Rolle spielt.

Ich schlage vor, den weisen Rat des Apostels Paulus zu beherzigen: «Prüft alles, das Gute bewahret!» Heisst für unser Thema: Prüft die religiöse Haltung eines Manzambi und eines Vargas genau, das Gute von ihnen aber behaltet dankbar: ihre geschossenen Tore.

Josef Hochstrasser ist Theologe und Autor. Er veröffentlichte unter anderem eine Biografie über Fussballtrainer Ottmar Hitzfeld.

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