Schwingen

Fabian Staudenmann: Darum geniesst er mehr Respekt als König Armon Orlik

Der Berner «Bergkönig» Fabian Staudenmann ist nach dem Triumph auf der Schwägalp der grosse Kilchberg-Favorit – aber nicht für die Berner.

Eigentlich erstaunlich, dass er noch nie König war. Er wird mehr gerühmt und geniest sportlich fast noch mehr Respekt und Ehrfurcht als König Armon Orlik. «Für mich steht aber nach wie vor Fabian Staudenmann über allen. Er ist der kompletteste Schwinger.» Das sagte der fünffache Stoos-Sieger Philipp Laimbacher vor dem letzten Eidgenössischen.

Besonders Staudenmanns Arbeit am Boden bezeichnete er als einzigartig. Die Meinung wird er inzwischen nicht geändert haben. Denn nun ist Fabian Staudenmann immerhin «König der Berge» und hat alle sechs Bergkranzfeste gewonnen.

Der bewegliche, ja flinke Riese (192 cm/115 Kilo) ist tatsächlich der perfekte Schwinger. Die ideale Kombination aus Kraft, Postur, Technik und dem Gespür, im richtigen Moment alle Kraft in den entscheidenden Wurf zu investieren. Einer der ganz wenigen, der alles kann. Wenn es ihm nicht gelingt, seinen Gegner mit einem explosiven Zug aus dem Stand heraus zu werfen, dann kann er ihn auch zu Boden sprengen und im Sägemehl vollenden.

Viele der ganz «Bösen» haben den «Bodenkampf» verlernt. Weil er selten eine Maximalnote bringt. Aber eben doch notwendig wird, um einen zähen Widersacher doch noch zu bodigen. Kurzum: Er gilt als komplettester Schwinger seit Jörg Abderhalden (König 1998, 2004, 2007).

Der Exploit beim letzten Kilchberger Schwinget

Fabian Staudenmann hat den schwierigen Schritt vom Talent zum ganz «Bösen» gemacht. 2019 gewinnt er am Eidgenössischen in Zug seinen ersten eidgenössischen Kranz. Zwei Jahre später folgt der erste Triumph bei einem Fest mit eidgenössischem Charakter: Es muss am Kilchberg in den ersten drei Gängen zweimal stellen (unentschieden) und ist damit scheinbar kein Thema mehr für den Sieg.

Dann schafft er es am Nachmittag mit drei Maximalnoten gemeinsam mit Samuel Giger und Damian Ott doch noch auf Rang 1. Der Fabian Staudenmann von heute ist er da noch lange nicht. Er ist erst 21, ein riesengrosses Talent und hat später gesagt, er sei damals jung und unbeschwert gewesen. Vieles sei einfach aufgegangen.

Seine grösste Schwäche ist anfänglich nicht schwingtechnischer Natur: Schwingen wird immer auch im Kopf entschieden und ihm fehlt das unerschütterliche Selbstvertrauen der ganz «Bösen». Er muss erst lernen, mit den himmelhohen Erwartungen umzugehen. 2023 gewinnt er sieben Kranzfeste und reist als ganz grosser Favorit nach Interlaken ans Unspunnen-Fest. Aber er verliert gleich den ersten Gang gegen Samuel Giger unrühmlich (Note 8,50) und der Tag ist gelaufen. Es reicht «nur» zu Rang 3.

Nach dieser Enttäuschung sucht er Unterstützung und arbeitet seither mit dem Sportpsychologen Robert Buchli. Die richtigen Schlüsse aus einer Niederlage ziehen: So ist womöglich seine Karriere lanciert worden. 2013 will er beim Nachwuchsschwingertag in Niederscherli unbedingt einen Zweig (entspricht einem Kranz bei den Erwachsenen) gewinnen. Im letzten Gang reicht es nur zu einem Gestellten. 0,25 Punkte fehlen. Eine riesige Enttäuschung für den 13jährigen Buben.

Seine Gotte vermittelt ihm daraufhin den früheren Ironman-Sieger Stefan «Stifu» Riesen als Trainer. Beim ersten Training schafft er nach eigener Erinnerung weder zehn Liegestütze noch 500 Meter im Laufschritt ordentlich und bezeichnet es rückblickend als «eine einzige Katastrophe». Riesen trainiert ihn sieben Jahre lang bis er «böse» wird und Staudenmann sagt heute, dass das damals verpasste «Vierteli» wohl entscheidend für seine weitere Entwicklung war.

Ein Schwinger, der nebenher studiert

Auch beruflich hat er die Balance gefunden. Er ist ein Student der Wirtschafts-Wissenschaften, der nebenbei schwingt. Oder vielleicht besser: Eigentlich ein Sägemehlprofi, der nebenher studiert. Inzwischen gewinnt er Kranzfest um Kranzfest. 26 sind es, darunter alle sechs Bergfeste (Stoos, Schwarzsee, Weissenstein, Rigi, Schwägalp und Brünig). Er ist nach Martin Grab erst der zweite, dem dieses Kunststück gelungen ist.

Beim 125-Jahre Jubiläum des Verbandes kam er zum zweiten Mal bei einem Fest mit eidgenössischen Charakter auf Rang 1. Die letzten drei Jahreswertungen – 2023, 2024 und 2025 – hat er gewonnen und führt in der aktuellen mit so grossem Vorsprung, dass er sie erneut gewinnen wird. Er ist der Mann, der fast immer gewinnt.

Aber eben nur fast: Postur, Technik, Selbstvertrauen, Gelassenheit – alles passt. Nur König ist er noch nicht. Beim Eidgenössischen 2022 in Pratteln wird er Zweiter. Drei Jahre später in Glarus erneut und auch das adelt ihn: Er ist so konstant erfolgreich, dass mehr darüber gesprochen wird, was ihm noch nicht gelungen ist als über das, was er schon erreicht hat. Der «Bergkönig» ist nach wie vor nicht richtiger «König».

Die Berner können sich nicht auf einen Favoriten festlegen

Mit 26 ist er jetzt im besten Alter und sagt inzwischen von sich: «Ich bin manchmal fast zu rational».  Was ihm auch hilft: die starke Konkurrenz im eigenen Teilverband. Er wird bei den Kranzfesten im Berner Kantonalverband stärker gefordert als die Nordostschweizer oder die Innerschweizer bei ihren Festen. Wer im Bernbiet nach dem Favoriten für Kilchberg fragt, bekommt nicht automatisch zur Antwort: «Der Staudenmann». Die Legende Niklaus Gasser (Kilchberg-Sieger 1996) nennt vielmehr den Aussenseiter Lars Zaugg (auf der Schwägalp gegen Fabian Staudenmann im Schlussgang) als Favoriten und viele bezeichnen Michael Moser als technisch noch besser als Fabian Staudenmann.

Das ist interessant: Moser, von ähnlicher Postur, ist jetzt so alt wie damals Staudenmann im Jahr seines Kilchberg-Triumphes (21), hat erst sieben Kranzfeste gewonnen und geniesst die Gnade der Unbeschwertheit. Die Jahre der Bestätigung folgen erst. Will Fabian Staudenmann König werden, so sollte er den Thron besteigen, bevor Michael Moser ganz böse geworden ist.

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