
Dreimal WM-Silber in drei Jahren – und trotzdem kein radikaler Neuanfang. Rund 100 Tage nach Patrick von Guntens Amtsantritt als Sportdirektor und wenige Monate nach der Beförderung von Jan Cadieux zum Nationaltrainer hat die neue Führung der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft bei einer Medienrunde Einblicke in ihre Vorstellungen gewährt. Von Gunten und Cadieux treten nach Lars Weibel und Patrick Fischer in grosse Fussstapfen. Ihr Rezept für den letzten Schritt zur Goldmedaille: keine Revolution, sondern gezielte Anpassungen.
Fischers Werte bleiben – der Führungsstil ändert sich
Wer einen Bruch mit der Ära Patrick Fischer erwartet hat, wird enttäuscht. Cadieux würdigt die Arbeit seines Vorgängers. Dessen Leidenschaft und Glaube an das Nationalteam hätten die Mannschaft nachhaltig geprägt. Die Werte, welche die Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren ausgezeichnet hätten, seien längst nicht mehr jene einer einzelnen Person. «Das sind Werte des Verbands», sagt der neue Nationaltrainer, der kurz vor der Heim-WM dieses Jahres das Ruder an der Bande übernommen hat.

Gleichzeitig will Cadieux bewusst eigene Akzente setzen. «Ich will nicht Patrick Fischer Nummer 2 sein.» Der grösste Unterschied werde weniger auf dem Eis als daneben sichtbar sein. «Die Beziehung zu den Spielern und die Kommunikation werden anders sein.» Er wolle sich selbst bleiben. «Das ist sehr wichtig für mich und auch für die Spieler. Sie haben so eine ehrliche Person vor sich.»
Auch von Gunten sieht keinen Grund, nach drei Silbermedaillen in Folge alles auf den Kopf zu stellen. «Wenn man erfolgreich ist, versucht man nicht einfach etwas zu ändern, damit man sagen kann: Das ist jetzt meins.» Der 40-Jährige, der erst seit etwas mehr als drei Monaten im Amt ist, weiss, dass er die sportliche Verantwortung nach einer äusserst erfolgreichen Phase übernimmt. Entsprechend gehe es darum, Bestehendes weiterzuentwickeln und nicht neu zu erfinden.
Hausbesuche nach dem verlorenen WM-Final
Die grösste Baustelle sieht Cadieux ohnehin nicht im Spielsystem. Vielmehr sucht er nach den kleinen Details, die der Schweiz nach drei Finalniederlagen zur Goldmedaille fehlen.
Nach der Heim-WM besuchte er deshalb jeden Nationalspieler persönlich. Das kürzeste Gespräch dauerte 40 Minuten, das längste zwei Stunden. «Ich wollte nicht telefonieren», sagt Cadieux. Er wollte wissen, was die Spieler im verlorenen Final gegen Finnland gespürt hatten, welche Lehren sie daraus ziehen und was der Trainerstaff künftig besser machen kann. Ganz losgelassen hat ihn das Endspiel bis heute nicht. «Ich denke fast jeden Tag daran», sagt Cadieux. Auch die Frage, ob man beim Stand von 0:0 noch etwas hätte verändern sollen, beschäftig ihn.
Gleichzeitig warnt er davor, alles auf den Final zu reduzieren. «Wenn wir nur über den Final sprechen, wäre das ein grosser Fehler.» Entscheidend sei vielmehr der gesamte Prozess bis zu diesem Spiel.
Bei Bichsel zählt nur noch die Zukunft
Auch die Rückkehr von Lian Bichsel beschäftigt die neue Führung. Nach Ablauf seiner zweijährigen Sperre führten Cadieux und von Gunten zwei Gespräche mit dem NHL‑Verteidiger. «Wir wollten nicht wissen, wer richtig oder falsch lag», betont Cadieux. «Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Was wir ändern können, ist die Zukunft»
Von Gunten weist zudem darauf hin, dass die Rückkehr Bichsels schon länger vorgesehen gewesen sei. «Es war immer klar, dass man nach der Heim-WM wieder auf ihn zugeht.» Von einer Begnadigung könne deshalb keine Rede sein, betont der Nati-Direktor. Auch innerhalb der Mannschaft habe es gegen eine Rückkehr keine Einwände gegeben.
Während Cadieux im November bei den NOCCO Hockey Games in Finnland erstmals in der neuen Saison an der Bande steht, richtet von Gunten den Blick über die A-Nationalmannschaft hinaus.
Eine der grössten Baustellen sieht der neue Sportdirektor darin, im Schweizer Eishockey einen roten Faden zu schaffen – im Verband selbst und in der Zusammenarbeit mit den Klubs, vom Nachwuchs bis zur Nationalmannschaft. Genau dort, sagt von Gunten, lasse die Schweiz noch «viel Qualität liegen».
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