Fussball-WM 2026

Spielabbruch wegen verbotenen Flaggen? So lief der erste Auftritt Irans im Land des Feindes

Werden die verbotenen Flaggen geschwenkt? Wird in diesem Fall der iranische Verbandspräsident seine Mannschaft vom Platz holen? Der erste WM-Auftritt Irans im Land des Kriegsgegners USA liefert die Antworten.
Die verbotene Flagge des Irans war in Los Angeles zu sehen. Abgebrochen wurde das Spiel trotz anfänglicher Drohung deswegen aber nicht.
Bild: AP

Nach einem WM-Spiel, das politisch und emotional so besonders war, nahmen sich die iranischen Fussballprofis in die Arme. Vor dem Hintergrund des Kriegs in der Heimat und der jüngsten Nachrichten über ein Rahmenabkommen mit den USA kam die Nationalmannschaft in Los Angeles nach zweimaligem Rückstand zu einem 2:2 gegen Neuseeland. Sportlich startete der Iran unterhaltsam in das Turnier, an dem das Land beinahe nicht hätte teilnehmen können oder dürfen.

Es wurde viel hineingepackt in dieses Spiel. Schon lange vor der WM. Allein, weil nicht sicher war, ob die iranische Delegation überhaupt in die USA einreisen darf. US-Präsident Donald Trump sagte bald einmal, ihm sei es egal, ob der Iran die WM bestreiten werde oder nicht. Und Teheran? Dort liess man ausrichten, dass man den Entscheid über eine WM-Teilnahme offen lasse. Zu Gast bei Feinden schien den Iranern nicht sehr reizvoll zu sein.

Trump-Freund Gianni Infantino fand sich in einer Zwickmühle wieder. Eigentlich sollte der Fifa-Präsident darauf bedacht sein, dass jene Teams, die sich sportlich für eine WM qualifizieren, daran auch teilnehmen. Andererseits will er auf keinen Fall den US-Präsidenten brüskieren. Man kann sich also gut vorstellen, dass ihm Hintergrund die Drähte zwischen der Fifa und dem Iran heissgelaufen sind.

Infantino, der Mann, der den Bus lenkt

Infantino selbst stattete den Iranern in deren Trainings-Camp in der Türkei einen Besuch ab. Unmittelbar vor der WM sagte er gegenüber der Weltöffentlichkeit: «Ich bin sehr glücklich, dass der Iran an der WM teilnimmt. Ich habe ihnen versprochen, dass ich nach Teheran komme und sie mit dem Bus zum Turnier fahren werde, wenn es sein muss.» Ist ein bisschen schwierig, wegen Meer und so. Aber egal, ein Versuch wars wert.

Fifa-Präsident Gianni Infantino sagte: «Ich bin sehr glücklich, dass der Iran an der WM teilnimmt.»
Bild: AP

Ganz so reibungslos lief die Geschichte dann doch nicht. Statt wie geplant in den USA musste der Iran sein WM-Quartier 20 Autominuten von der amerikanischen Grenze entfernt im mexikanischen Tijuana aufschlagen. Ironischerweise hängt am Trainingsgelände ein Plakat mit der Aufschrift «The Team without Borders.» Das gilt vielleicht für die Xolos aus Tijuana, die normalerweise auf jenem Platz trainieren. Aber sicher nicht für die Iraner.

Irans Angst vor Protesten gegen das Mullah-Regime

Denn etlichen Personen der iranischen Delegation dürfen die Grenze für die drei Gruppenspiele, die der Iran allesamt in den USA bestreitet, nicht passieren. Nur die Spieler und 15 Begleiter erhielten ein Visum. Selbst der Verbandspräsident Mahdi Nabi muss in Tijuana bleiben. Dabei sähe ihn das Regime gerne als Aufpasser vor Ort. Insbesondere in Los Angeles, wo der Iran die ersten zwei Spiele bestreitet. Die Brisanz aus iranischer Sicht: In Südkalifornien lebt die grösste iranische Gemeinschaft ausserhalb Irans. Viele der Exil-Iraner betrachten die WM als einzigartige Gelegenheit, ihren Protest gegen das Mullah-Regime vor einem weltweiten Publikum sichtbar zu machen.

Normalerweise hält sich Infantino zurück, wenn es an dieser WM im politische Themen geht. Darf ein somalischer Schiedsrichter den Zoll in Miami nicht passieren oder wird irgendwelchen Fans aus irgendwelchen Ländern die Einreise in die USA verweigert, verweist er gerne darauf, dass nicht die Fifa, sondern das Gastgeberland dafür verantwortlich sei. Die Fifa könne doch keinem Land vorschreiben, welche Menschen man ins Land lassen soll.

Beim Thema Iran hingegen gibt sich die Fifa weniger bedeckt. Man erliess ein Flaggen-Verbot. Man wolle die Fahne aus der Zeit vor der islamischen Revolution mit dem Löwen-und-Sonne-Symbol nicht sehen. Ob unfreiwillig oder nicht: Die Fifa machte sich so zum Komplizen des Regimes in Teheran.

Die Drohung eines Spielabbruchs

Dort drohte der Sportminister Ahmed Donjamali, dass die Mannschaft das Spielfeld verlassen werde, falls im Stadion politische Parolen gegen die Islamische Republik ertönen oder eben die alte iranische Flagge gezeigt würde. Darauf aufpassen sollte der Verbandspräsident. Aber eben: Der sitzt in Tijuana, wo die Iraner von Soldaten der mexikanischen Nationalgarde, der Bundepolizeit und zwei Sicherheitsfirmen bewacht wird.

47 Maschinengewehre zählte ein Reporter der «Süddeutschen» auf dem Trainingsgelände der Iraner. Wie viele verbotene Flaggen in Los Angeles vor und während des Spiels gegen Neuseeland gesichtet worden sind, ist indes nicht überliefert. Verboten wurden sie übrigens in letzter Instanz von einem Gericht in Los Angeles. Kurz vor dem Spiel hatte dieses eine Klage des Institute for Voice of Liberty abgewiesen. Der zuständige Richter urteilte, dass das Recht auf freie Meinungsäusserung auf privatem Gelände wie einem Stadion eingeschränkt werden könne.

Trotzdem sah man sie, diese Flaggen. Und auch Banner mit der Aufschrift «42'000 #IranMassacre». Die Botschaft wurde als Hinweis auf die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Teheran Anfang des Jahres mit Tausenden Opfern verstanden. Und man sah auch, wie Ordner damit beschäftigt waren, während der Partie die verbotenen Flaggen einzukassieren.

Nicht die einzige verbotene Flagge, die man im WM-Auftaktspiel Irans auf den Rängen gesehen hat.
Bild: EPA

Wer von alldem nichts mitbekommen hat, merkte spätestens beim Abspielen der iranischen Nationalhymne, dass dies kein normales Fussballspiel, sondern ein politisch hochbrisantes Ding. Die lauten Pfiffe jedenfalls waren nicht zu überhören und kamen nicht aus der Ecke der Fans aus Neuseeland.

Der Einfluss des Abkommens von Genf

Trotzdem ging das Spiel ohne Eklat über die Bühne. Es gab keinen iranischen Funktionär, der aufs Spielfeld stürmte um seinem Team den Abmarsch-Befehl in die Kabine zu erteilen. Und es gab auch keine nennenswerten Ausschreitungen. Weder vor, während noch nach dem Spiel. Geholfen, dass die Stimmung unter den 70'108 Zuschauerinnen und Zuschauern friedlich war, hat bestimmt die Aussicht auf eine Einigung zwischen den USA und Iran. Am Freitag soll in Genf ein Abkommen zur Beilegung des Kriegs unterzeichnet werden.

Der iranische Stürmer Shahriyar Moghanlou (links) im Zweikampf mit Neuseeland-Verteidiger Michael Boxall- Am Ende trennen sich die beiden Teams 2:2.
Bild: EPA

Ach ja, Fussball wurde auch nocht gespielt. Und zwar gar nicht so schlecht. Wobei es erstaunte, dass der Iran gegen den Aussenseiter Neuseeland zweimal in Rückstand geriet. Immerhin gelang jeweils der Ausgleich. Und so träumen die Iraner weiterhin von der erstmaligen Teilnahme an einer K.o.-Phase bei der WM. Auch wenn das bedeuten würde, länger zu Gast im Land des Feindes zu sein. Vielleicht ist dann auch alles anders. Vielleicht ist die Absichtserklärung, die zum Frieden führen soll, bis dann unterzeichnet.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)