Seit 1. Juli gibt es in der Schweiz einen neuen Beruf: Fussball-Schiedsrichter/-in. In anderen Ländern längst Standard, können sich unsere besten Schiedsrichter ab dieser Saison voll und ganz auf den Fussball konzentrieren. Bislang gingen sie in Teilzeitpensen «normalen» Jobs nach.
Wer kommt zum Handkuss? Wie hoch ist der Lohn? Und profitieren auch die Frauen? Die wichtigsten Fragen und Antworten auf das laut Verbandspräsident Peter Knäbel «historische Ereignis».
Wer darf sich künftig «Profi-Schiedsrichter» nennen?
Jene sieben, die das Label «Fifa Referee» tragen und als die Besten des Landes gelten, erhalten ein 80-Prozent-Pensum beim SFV: Sandro Schärer, Urs Schnyder, Lukas Fähndrich, Anojen Kanagasingam, Sven Wolfensberger, Luca Cibelli und Alessandro Dudic. Fedayi San, der weltweit als einer der besten Videoschiedsrichter gilt, trägt neuerdings ebenfalls den Profistatus. Sie alle haben ihre bisherigen Arbeitsstellen gekündigt oder werden dies spätestens bis Ende Juni 2027 tun.
Diese acht reichen natürlich nicht aus, um die pro Spieltag 11 Partien in den Schweizer Profiligen zu arbitrieren. Die Schiedsrichter/-innen mit dem verbandsinternen Status «Super League» erhalten ein 40-Prozent-Pensum, jene mit dem Status «Challenge League» 20 Prozent.

Warum braucht es Profi-Schiedsrichter?
Weil die Glaubwürdigkeit leidet, wenn Amateure die Spiele von teils hochbezahlten Fussballern leiten. Xherdan Shaqiri wird vom Trainerstaff über jedes Detail seines nächsten Gegenspielers informiert. Künftig sollen auch Schiedsrichter sich genauer auf die Teams vorbereiten können: Wer ist ein Hitzkopf? Welchen Spielstil wendet Team X an? Welche Cornervarianten hat Team Y drauf?
In den letzten Jahren wurden die körperlichen und geistigen Anforderungen an die Unparteiischen immer grösser: Das Spieltempo erhöht sich von Jahr zu Jahr, dazu bringt die Fifa gefühlt vor jeder Saison neue Regeln heraus. Insbesondere bei der Handspiel-Regel hat man wohl nie ausgelernt.
Profitiert auch die Women's Super League von der Professionalisierung?
Ein bisschen. Vollprofis werden in der Women's Super League vorerst keine zum Einsatz kommen. Mit Desirée Blanco erhält eine Schiedsrichterin, die neben Männer- auch Frauenspiele pfeift, ein 40-Prozent-Pensum. Das gleiche gilt für Linienrichterin Susanne Küng.

Was macht ein Profi-Schiedsrichter an Tagen, an denen er kein Spiel pfeift?
Vor allem gewinnt er Zeit für die detaillierte Vor- und Nachbereitung der Einsätze, wie sie bei den Spielern längst Usus ist. Dazu müssen sich Schärer, Fähndrich und Co. in Einzel- oder Gruppentrainings fit halten, angeleitet und überwacht vom Fitnesstrainer der Schweizer Fussballnati. Einen Tag pro Woche müssen sie dem Verband zur Verfügung stehen: Etwa um bei Jungen Werbung für den Schiedsrichter-Job zu machen und in Kursen von ihren Erfahrungen zu berichten.
Die Profi-Schiris erhalten «nur» ein 80-Prozent-Pensum, um daneben Zeit zu haben für Europacup- oder Länderspiele. Dadurch unterscheidet sich jede Woche von der anderen. Grundsätzlich gilt: Zwischen zwei Einsätzen braucht es zwei volle Tage Erholung. Wer am Donnerstag Europacup pfeift, kann am Samstag aber als VAR in der Super League eingesetzt werden.
Was verdient ein Profi-Schiedsrichter?
Als der Verband vor neun Jahren einige Schiedsrichter mit einem 50-Prozent-Pensum ausstattete, gab es dafür einen jährlichen Fixlohn von 42'000 Franken. Im Vollprofi-Modus unterscheiden sich die Löhne, wie bei den Spielern je nach Erfahrung und Qualität. Sandro Schärer, der Klassenbeste der SFV-Schiris und WM-Teilnehmer 2026, erhält den höchsten Fixlohn aller acht Profis. Gemäss Schiedsrichter-Chef Daniel Wermelinger beträgt der Richtwert 130'000 Franken für das 80-Prozent-Pensum. Darin ist der Pauschalbetrag, den es pro Spieleinsatz gibt, inbegriffen.
Der auf den ersten Blick stolze Lohn liegt unter dem durchschnittlichen Spielergehalt in der Super League. Und es gilt zu beachten: Viele der neu als Profis geführten Unparteiischen hatten vorher gute bis sehr gut bezahlte Jobs in der Privatwirtschaft, z.B. als Juristen oder im Bankwesen. Sie müssen ihre Stellen dort aufgeben bzw. unterbrechen und nach Ende der Karriere als Profischiedsrichter (zwischen 45 und 50) wieder einen Job finden.
Wie lange dauern die Schiedsrichter-Verträge?
Die Verträge zwischen dem Verband und den Profis gelten jeweils für ein Jahr, die Kündigungsfrist beträgt sechs Monate. Wer die aktuell sieben Profi-Stellen kriegt, entscheidet sich jeweils in der Saison zuvor. Die Inhaber und Kandidaten werden in Einzelgesprächen über ihre Perspektiven informiert. Die lange Kündigungsfrist soll sicherstellen, dass Profis, die ihr 80-Prozent-Pensum verlieren, genug Zeit für die Re-Integration in die «normale» Berufswelt haben.
Wer bezahlt das alles?
Das Projekt «Profi-Schiedsrichter» kostet pro Saison circa eine Million Franken mehr als die bisherige Entlöhnung. 700'000 Franken davon steuert die Swiss Football League bei, also die 22 Profiklubs. Die zwölf Teams in der Super League müssen je 50'000 pro Saison zahlen, die zehn in der Challenge League je 10'000.
Die restlichen 300'000 kommen vom Verband, aber nicht in Form nackter Geldbeträge. Der SFV stellt unter anderem Räumlichkeiten, Trainerpersonal, technische Unterstützung und Material zur Verfügung.
Was erwarten die Klubs?
Letztlich haben die 22 Profiklubs einstimmig für die Einführung der Profi-Schiedsrichter gestimmt. Nach drei Jahren Verhandlungen und Hinterzimmer-Politik mit den Verbandsvertretern
Die wichtigste Gegenleistung: bessere Leistungen. In der Saison 2025/26 gab es eindeutig zu viele Fehler, der Beginn der laufenden Spielzeit indes verlief verheissungsvoll. Möglich, dass das erste Folgen der Professionalisierung sind.
Weiter ist vertraglich festgehalten zwischen Liga bzw. Klubs und Verband, dass die sieben Profi-Schiedsrichter und Profi-VAR Fedayi San mindestens 20-25 Mal pro Saison ein Super-League-Spiel pfeifen. Hintergrund: Letzte Saison pfiff Sandro Schärer, der Beste hierzulande, nur zwölf Partien in der Schweiz und hatte dafür viele internationale Einsätze.
Gleichzeitig wünschen sich die Schiedsrichter und der Verband, dass durch die Professionalisierung die Schweiz wieder vermehrt an WM- und EM-Endrunden sowie in der finalen Europacup-Phase vertreten ist. Dafür braucht es gute Referenzen in internationalen Einsätzen. Ein Spannungsfeld, das geschickt moderiert werden muss von den Verantwortlichen. Sprich: Die Klubs wollen mit ihrem Beitrag primär die Schiri-Leistungen in der Schweiz verbessern.

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