In Amlikon-Bissegg, einer 1300-Seelen-Gemeinde ziemlich genau zwischen Frauenfeld und Konstanz, beginnt das Märchen von Stefan Gartenmann. Sein Grossvater, ein Käser, wandert Mitte des 20. Jahrhunderts nach Dänemark aus, dort kommt am 2. Februar 1997
Enkel Stefan auf die Welt. Wegen der Herkunft seines Grossvaters liegt dessen Heimatort im Thurgau.
Als Gartenmanns Agent Ende 2024 Murat Yakin auf den Innenverteidiger mit Schweizer Wurzeln aufmerksam machte, ging alles ganz schnell. Nach einem Besuch des Nati-Trainers in Gartenmanns fussballerischer Heimat Budapest bestellte dieser den ihm zustehenden Schweizer Pass, holte ihn letzte Woche in Bern ab – und nun lernt er seit Anfang Woche seine neuen Kollegen kennen.
Stefan Gartenmann, es fällt auf, dass Sie sehr gut Deutsch sprechen. Warum?
Stefan Gartenmann: Danke! Einerseits, weil Deutsch in Dänemark Pflichtfach in der Schule ist. Und als Kind habe ich bei meinen Grosseltern oft deutsche Cartoons am TV geschaut – Sponge-Bob Schwammkopf.
Ihr Deutsch macht die Integration in die Nati sicher einfach.
Es hilft, aber in eine neue Gruppe zu kommen, ist immer schwierig. In Dänemark herrscht auch eine kulturelle Vielfalt – aber das hier ist next level! Ein multipler Kulturschock! Erstaunlich viele Spieler reden französisch oder italienisch. Ich bin noch daran, meinen Platz in der Gruppe zu finden. Nicht so auf dem Platz – dort sind wir einfach Fussballer.
Waren Sie schon mal in der Schweiz, bevor Sie letzte Woche in Bern Ihren Pass abgeholt haben?
Sehr oft sogar. Früher haben wir immer in den Herbstferien ein Haus am Bodensee gemietet, da waren dann 18-20 Leute zusammen. Wunderbare Erinnerungen.
Haben Sie Schweizer Eigenschaften?
Natürlich meine Vorliebe für Käse – Appenzeller ist der Beste. Und aus Bern habe ich zwei Kilo Schokolade zurück nach Ungarn mitgenommen. Nach der Ankunft bei der Nati habe ich sofort gemerkt, wie organisiert alles ist. Das ist doch typisch Schweizerisch? Ich mag das.
Warum ist Ihr Grossvater nach Dänemark ausgewandert?
Um dort Käse zu produzieren. Und dann hat er eine Frau gefunden, kein Wunder, die Däninnen sind nun mal mehr sehr schön. Aber er ist immer bei seiner Meinung geblieben, dass die Schweiz das beste Land sei.
Wird er im Stadion in St. Gallen sein, wenn Sie dort nächsten Dienstag vielleicht gegen Luxemburg auflaufen?
Leider lebt er nicht mehr. Ich weiss, dass er unglaublich stolz wäre. Auch von meinem Vater, der sehr berührt war, als ich ihm vom Aufgebot für die Schweiz erzählte. Viele Verwandte aus der Schweiz haben mir geschrieben, sie werden im Stadion sein.
Nati-Neulinge müssen zum Einstand vor der versammelten Gruppe singen. Welches Lied haben Sie gewählt?
'Hey Baby' von DJ Ötzi. Ich habe mir gedacht, da können sicher alle mitsingen. Er ist einer der grössten Artisten weltweit.
Beschreiben Sie bitte den Fussballer Stefan Gartenmann.
Ich bin weder besonders schnell noch besonders kräftig. Oldschool-Verteidiger trifft es wohl gut: Ich kann die Knochen hinhalten, hart spielen. Mein Agent sagt, ich sei wie früher Jaap Stam: Es sieht nicht schön aus, aber ist effizient.
Stam war vor allem auch ein Anführer.
Als so einen würde ich mich auch bezeichnen. Ich rede von Natur aus gerne und viel, das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.
Sie haben in Dänemark, Holland, Schottland gespielt, seit Sommer sind sie bei Ferencvaros Budapest. Wo haben Sie am meisten gelernt?
Als ich mit 16 nach Holland zu Heerenven ging, war ich kein guter Fussballer. In den vier Jahren dort habe ich sportlich und menschlich am meisten gelernt. In Schottland war die Lektion, wie man mit Druck umgeht. Aberdeen war in den Achtzigerjahren national und international eine grosse Nummer, heute sind sie hinter Celtic und den Rangers die Nummer 3. Aber die Fans haben bis heute die gleich hohen Erwartungen wie vor 40 Jahren.
Warum sind Sie nicht dänischer Nationalspieler geworden?
Bis zur U21 habe ich alle Juniorenauswahlen durchlaufen. Irgendwann habe ich in Dänemark den Stempel erhalten, kein schön spielender Verteidiger zu sein. In Schottland und jetzt in Ungarn sehen die Menschen meine Qualitäten auf eine positive Art und Weise. Das hat mich nochmals zu einem besseren Spieler gemacht.
Mit welchen Ambitionen sind Sie erstmals zur Schweizer Nationalmannschaft gereist?
Momentan ist es für mich ein riesiges Erlebnis. Aus fussballerischer Sicht, weil das Niveau im Training brutal hoch ist. Ich lerne viele Menschen kennen und will einfach alles aufsaugen. Aber das Aufgebot sehe ich auch als Geschenk von Murat Yakin an mich. Jetzt liegt es an mir, ihm etwas zurückzugeben. Und ihm schmackhaft zu machen, dass er mich bei der nächsten Gelegenheit wieder anruft.
Was ist eigentlich Ihre erste Erinnerung an die Schweizer Nationalmannschaft?
Das war rund um die Europameisterschaft 2004. Mit Freunden haben wir Quartett mit Fussballern auf den Karten gespielt. Ich sehe die Bilder von Johann Vogel, Alex Frei, Hakan und Murat Yakin vor mir. Die Karte von Hakan war die stärkste. Und das komplett rote Trikot der Schweizer hat mir besonders gut gefallen.




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