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Eishockey

Die ZSC Lions erreichen den Final – oder?

Logisch wäre, wenn sich Davos gegen die ZSC Lions und Gottéron gegen Servette durchsetzen – aber im Halbfinal gibt es keine Logik.
Setzt der Meister aus Zürich im Playoff-Halbfinal erneut ungeahnte Kräfte frei?
Bild: Marusca Rezzonico

War unser Hockey in der Neuzeit je von so viel Aufregung, Hektik und Zirkus erfüllt wie seit dem vergangenen Sommer? Kaum.
In Ambri: zwei neue Trainer, ein neuer Sportchef, ein neuer Präsident. In Bern: ein neuer Trainer, ein entlassener Untersportchef, ein neuer General Manager. Neue Bandengeneräle in Pruntrut, Biel, Genf und Zug – dazu 32 zusätzliche ausländische Spieler. Wahrlich, so viel Aufregung hat es seit Menschengedenken nicht mehr gegeben. Unsere National League – ein florierender Zweig der helvetischen Unterhaltungsindustrie.

Und doch: Im Chaos schlummert eine Ordnung.
Jetzt, da in den Playoffs die Tage der Wahrheit gekommen sind, erscheint auf einmal alles ganz normal. Davos (1.), Gottéron (2.), Servette (3.) und die ZSC Lions (4.) im Halbfinal. Immerhin spiegelt die Dramatik in zwei Viertelfinals (Servette gegen Lausanne, Gottéron gegen die Lakers) noch ein wenig die Unberechenbarkeit der vorangegangenen Wochen. Aber eben nur ein wenig.

Eine seltene Normalität

Die ersten Vier der Qualifikation im Halbfinal vereint. Diese Normalität gab es in den letzten zehn Jahren nur zweimal (2019 und 2024). Der Theoretiker spricht von den normativen Kräften des Faktischen. Der Praktiker vom Glück des Tüchtigen.

Und tatsächlich: Die Theorie der faktischen Kräfte bewährt sich. Eine stabile wirtschaftliche Basis, volle Geldspeicher und ein kompetentes Management machen die Hälfte des Erfolgs aus. Die Davoser glitten nahezu unerschüttert durch die Qualifikation. Selbst der angekündigte Weggang von Topskorer Matej Stransky per Saisonende aus einem weiterlaufenden Vertrag wurde mit jener Gelassenheit hingenommen: Reisende soll man in diesem Geschäft nicht aufhalten.

Fribourg-Gottéron setzte sich im Viertelfinal gegen die Rapperswil-Jona Lakers durch.
Bild: Claudio De Capitani

In Genf ersetzte Sportdirektor Marc Gautschi den völlig überforderten Operettentrainer Yorick Treille schon Anfang Oktober und beförderte Ville Peltonen zum Chef. Servette erreichte den Halbfinal in sieben Spielen gegen Lausanne gewiss auch mit einem Augenzwinkern der Hockey-Götter. Doch hier gilt: das Glück des Tüchtigen.

Die ZSC Lions wiederum hielten unbeirrbar an Marco Bayer fest. Mit gutem Grund: Er hat die Mannschaft zur Meisterschaft und zum Triumph in der Champions League geführt. Die Stabilität hat sich bewährt. Lugano vermochte die Zürcher im Viertelfinal nicht zu erschüttern. In Fribourg haben Verletzungspech und alle Gerüchte um die schwindende Beliebtheit des Trainers, um einen Wechsel von Assistent Lars Leuenberger nach Ambri oder Bern und die Unzufriedenheit von Leitwolf Lucas Wallmark die Mannschaft nicht aus der Spur gebracht.

Wie Wettervorhersagen im Gebirge

Die Logik gebietet nun: Die Normalität geht im Halbfinal weiter. Davos (1.) bodigt die ZSC Lions (4.). Gottéron (2.) bezwingt Servette (3.). Aber die unvergessene Dramatik, Aufregung, Hektik und Unberechenbarkeit zwischen September und März und die Ausgeglichenheit unter den vier Titanen verführen zu einer anderen Prognose. Prognosen sind in diesem Fall wie Wettervorhersagen im Gebirge: Man sollte sich nicht darauf verlassen.

Die ZSC Lions ziehen in 7 Spielen in den Final ein. Die Davoser kommen von den Bergen herab und spielen auch so: Direkt, geradlinig, mutig und manchmal wild. Die ZSC Lions setzen dagegen auf Erfahrung, Geduld, ein bis ins Detail strukturiertes Spiel und eine oft unterschätzte Leidenschaft. HCD-Goalie Sandro Aeschlimann hat die Meisterprüfung noch nicht absolviert. Simon Hrubec, der letzte Mann bei den ZSC Lions, hat die Meisterprüfung schon zweimal mit Bravour bestanden. Davos muss weiterhin auf den ersten Final seit 2015 warten.

Servette setzt sich in sechs Spielen durch. Die maximale Dramatik im Viertelfinal gegen die Lakers hat die «Copains» nicht zu viel Energie gekostet. Wichtiger: Sie sind enger zusammengerückt und es fehlt nicht die Romantik: Julien Sprunger kann doch seine Karriere nicht ohne Meisterfeier beenden. Aber was, wenn Gottéron sich die Emotionen in Ungeduld verwandeln? Auch die Genfer haben sich gegen Lausanne in einem Drama über sieben Spiele durchgesetzt. Sie habe eine Qualität, die entscheidend sein wird: Sie wissen, wie man Meister wird (Gottéron war noch nie Meister). Sie sind geduldiger, gelassener, taktisch eher schlauer. Präzision gegen Emotionen. Und Stéphane Charlin, ihr letzter Mann, ist auf einer Mission: Er kann zeigen, dass er nicht nur ein guter und gutverdienender, sondern auch ein grosser Goalie ist.

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