Wenn am Sonntag ab 11.30 Uhr (SRF 2) die Frauen ihre Olympia-Abfahrt bestreiten, wird auch Madeleine Chamot-Berthod vor dem Fernseher sitzen. Wem der Name nichts sagt, dem sei verziehen. Schliesslich ist es 70 Jahre her, als die damals 25-Jährige selber als Olympianikin die Piste runterraste. An den Winterspielen 1956 in Cortina d'Ampezzo. Mehr noch: Madeleine Chamot-Berthod holte Gold und ist heute die älteste, noch lebende Schweizer Olympiasiegerin.
Auch mit 95 schalte sie immer ein, wenn am TV Sport übertragen werde. Das verrät sie beim Hausbesuch von Westschweizer Medien, ehe sie von ihrem Husarenritt auf der Piste «Tofana» berichtet: «Vor dem Ziel war es also schon sehr eng!» Pistenbullys, wie sie heute bei der Präparation zum Einsatz kommen, habe es damals keine gegeben, alles basierte auf Hand- und Fussarbeit der italienischen Soldaten. Die Strecke war genau genommen eine Buckelpiste, die Torstangen waren aus massivem Holz. Und nicht einmal einen Meter neben der Strecke standen meterdicke Bäume.
Über vier Sekunden distanzierte Chamot-Berthod ihre Konkurrentinnen, Zweite wurde mit Frida Dänzer ebenfalls eine Schweizerin. «Die Strecke war auf mich zugeschnitten», so Chamot-Berthod. Noch besser erinnere sie sich an die Medaillenübergabe: «Die Schweizer Nationalhymne zu hören, das hat mich berührt. Was es bedeutet, eine olympische Goldmedaille zu gewinnen, kann man nur verstehen, wenn man es selber erlebt hat.»
Bis heute gerührt vom Empfang nach Olympia-Gold
Bei der Rückkehr nach Chateau d'Oex empfing sie ihre Heimatgemeinde mit viel Brimborium. «So viele Menschen - und das nur wegen mir», ist Chamot-Berthod auch heute noch gerührt. In der Gemeinde oberhalb des Lac Léman (3500 Einwohner) ist sie auf einem Bauernhof aufgewachsen: «Ich half meinem Vater auf dem Land. Einen Teil des Vormittags kümmerten wir uns um das Vieh. Am Nachmittag wurde Heu gemacht. Aber wir waren jung und nie müde.» Dort gab es einen der ersten Skilifte im Kanton Waadt: «Das war noch vor den Tellerliften. Man hakte einen Gurt ein, liess sich hochziehen und liess ihn oben. Ich ging im Winter auch mit den Skier in die Schule. Das hat mir bei meinen Leistungen geholfen.»
Sie sei zwar in allen Disziplinen gestartet (Super-G gab es damals noch nicht), am liebsten aber die Abfahrten. Das Tempo lieben gelernt habe sie als Jugendliche auf ihrem Motorrad, das sie sich vom Erlös des Verkaufs von Schafen gönnte: «Ich fuhr jeden Tag die Serpentinen hinauf, die zu unserem Dorf führten. Ich brachte meine Maschine auf 120 km/h. So gelang es mir, meine Angst zu überwinden.»
Olympische Goldmedaille liegt in einer Schachtel
Ihre Goldmedaille von Cortina, so Chamot-Berthod, bewahre sie in einer Kartonschachtel im Schrank auf. Zusammen mit anderen Medaillen aus ihrer Zeit als Sportlerin. Als sie die Cortina-Medaille 70 Jahre nach der ihrem Triumph hervornimmt, zeigt sich Chamot-Berthod erstaunt, wie schwer das Goldstück sei: «Verrückt, das wusste ich nicht mehr.» Und dann gibt sie zu, die Skirennen heute nicht nur als Fan, sondern auch mit den Augen einer Ex-Fahrerin zu schauen: «Wenn sie runterfahren, mache ich immer meine Bemerkungen: Das hätte sie besser machen sollen, hier hätte sie so fahren sollen.»
Bleibt zu hoffen, dass Madeleine Chamot-Berthod am Sonntag bei den Fahrten von Corinne Suter, Jasmine Flury und Co. nicht allzu viel zu beanstanden hat - und es bei der Rückkehr der Olympischen Frauenabfahrt nach Cortina d'Ampezzo erneut eine Schweizer Medaille zu bejubeln gibt.






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