Die Vorgänge bei der Fifa rütteln auch die Schweizer Politik auf. Immerhin sei der Weltfussballverband ein Verein nach Schweizer Recht, betont die Zürcher SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf. «Was Infantino macht, kann ich in keinster Weise unterstützen», sagt sie in der Sendung «SonnTalk» der CH-Media-Fernsehsender. Diese Aussage können auch die beiden anderen Gäste unterschreiben, SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi (ZG) sowie Ständerat und FDP-Vizepräsident Andrea Caroni (AR). «Man muss etwas unternehmen», fordert Seiler Graf. «Infantinos Zeit ist abgelaufen.»

Caroni wäre es am liebsten, der nächste Fifa-Präsident käme nicht mehr aus der Schweiz: «Wenn man im Ausland beim Sport an die Schweiz denkt, sollte einem Federer oder Wawrinka in den Sinn kommen, nicht Infantino.» Der Jurist Caroni, der neuerdings den Professorentitel trägt, wählt scharfe Worte zu Infantinos Präsidentschaft: «Nach Schweizer Standards ist das alles grässlich. Infantino ist ja damals angetreten gegen Sepp Blatter und hat gesagt: Jetzt wird mal aufgeräumt. Aber am Schluss enden diese Kleptokraten genau wie ihre Vorgänger.»
Ein Kleptokrat ist gemäss Duden jemand, der sich bereichert, indem er seine privilegierte gesellschaftliche Stellung zum Schaden anderer ausnutzt
Alle Parteien gegen Infantino
Seiler Graf stimmt Caroni zu und ergänzt: «Infantino verhält sich kleptokratisch und wie ein absolutistischer Herrscher. Den Fussball so ausverkaufen, wie er das jetzt geplant hat, das geht einfach nicht.» Man dürfe diese Vorgänge nicht verniedlichen.
Keinen Kredit bekommt Infantino auch von Thomas Aeschi. «Ich bin überrascht, wie ungeschickt er da gehandelt hat, dass er so kurz nach Ankündigung seiner Pläne diese wieder zurückziehen musste.» Der Fifa-Präsident hätte bei der Uefa und anderen Verbänden vorsondieren müssen. Jetzt könne es nur noch um Schadensbegrenzung gehen.
Wird der 56-jährige Walliser an der Fifa-Spitze die Affäre politisch überleben? Das halten die Diskussionsteilnehmer für offen. Aeschi meint: «Ich glaube, er überlebt es, weil eben der Verband auch früher – der Kampf zwischen ihm und Sepp Blatter, die ganzen Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft – schon in vielerlei Hinsicht ein bisschen unsauber gewesen ist.» Das werde sich kaum ändern.
Die Uefa als letzte Hoffnung
Hoffnung setzt Priska Seiler Graf auf die Uefa. «Immerhin hat sich der europäische Verband stark gegen Infantinos Pläne gewehrt. Das ist nicht nichts.» Die Uefa habe Gewicht: «In den Viertelfinals sind von acht Ländern sechs aus Europa gewesen, inklusive Schweiz.» Ohne Europa könne die Fifa nicht viel ausrichten.
Der Ostschweizer Caroni, ein Fan des FC St. Gallen, stellt klar, dass auch die Uefa immer mehr Geschäfte machen wolle. Die Uefa gehe dem gleichen Modell nach. «Gianni Infantino kam ja damals von der Uefa und hat den Fifa-Präsidenten gestürzt.» Die Uefa habe fussballerische Power und könne mit Boykott drohen. Aber: «Den Infantino bringen sie trotzdem nicht weg.»
Uneinig ist sich die Runde über die Zukunft der Fifa als Organisation mit Sitz in Zürich. Seiler Graf stellt das Steuerprivileg – also den reduzierten Steuersatz – infrage. Aeschi sagt, das Zivilgesetzbuch (ZGB) sehe die Vereinsform für solche Verbände nun mal vor, und das sei gut so, auch wenn Infantinos Pläne «wirklich fehlgeleitet» seien. «Wir dürfen stolz darauf sein, dass so ein wichtiger Verband seinen Sitz in der Schweiz hat», sagt der SVP-Politiker.
Steuerprivileg gerät unter Druck
Ein Verein darf auch wirtschaftliche Tätigkeiten entfalten (wie Fernsehrechte, Sponsoring, Marketing), solange diese der Verfolgung eines ideellen Vereinszwecks dienen. Die Fifa ist jedoch nicht steuerbefreit: Sie bezahlt direkte Bundessteuer, profitiert als Verein aber von einem reduzierten Gewinnsteuersatz von 4,25 Prozent.
Demgegenüber sind die Uefa und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgrund einer langjährigen Praxis komplett steuerbefreit, was die direkte Bundessteuer betrifft. Die Kontroverse im «SonnTalk» zeigt, dass diese Fragen, je länger die Fifa-Wirren dauern, wohl noch aufs politische Parkett kommen dürften.
Caroni sagt: «Die Schweiz hat die Fifa mitgegründet, 1904, und da ging es um Fussball. Und jetzt geht es nur noch ums Business.»


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