
Für einen Moment kehrt das Lächeln von Gewichtheberin Yekta Jamali zurück. Trotz der ständigen Sorge um ihre Familie im Iran und den anhaltenden Krieg in ihrer Heimat spricht die 21-Jährige mit leuchtenden Augen über ihre sportlichen Ziele. Ihr Traum: Medaillen für Deutschland – möglichst schon bei der am 19. April beginnenden Europameisterschaft in Georgien. Dort wird die aus dem Iran geflüchtete und inzwischen in Baden-Württemberg lebende Athletin erstmals bei einem grossen internationalen Wettkampf für Deutschland antreten.
Während Jamali sportlich vorankommt, hat sich die Lage in ihrem Heimatland dramatisch zugespitzt. Für sie ist der Krieg zu einem persönlichen Albtraum geworden. Ihr grösster Wunsch ist Freiheit – für ihre Familie und für alle Menschen im Iran. «Manchmal bin ich traurig, manchmal weine ich», sagt sie. Dabei gilt sie eigentlich als lebensfroher Mensch. «Normalerweise lache ich immer und bin happy.» Doch die Nachrichten aus dem Iran lassen sie kaum zur Ruhe kommen.

Bange Frage: Wie geht es der Familie?
Besonders belastend ist für sie die Unsicherheit um ihre Familie. Teile des Landes sind durch zerstörte Infrastruktur von der Aussenwelt abgeschnitten, Kontakte brechen immer wieder ab. «Ich hoffe, dass meine Familie okay ist», sagt Jamali. Dass der Krieg so lange dauern würde, habe sie nicht erwartet, erzählt sie rückblickend auf die ersten Wochen der Eskalation.
Neben dem Sport engagiert sich Jamali politisch. Sie postet regelmässig Videos in sozialen Netzwerken, nutzt ihre Reichweite, um auf die Situation im Iran aufmerksam zu machen, und nimmt in Deutschland an Demonstrationen teil. Zudem unterstützt sie den im Exil lebenden Oppositionspolitiker Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs. «Viele Menschen wollen Veränderung. Am Ende wollen wir das Beste für Iran», sagt sie.
Ihre eigene Geschichte ist eng mit diesem Wunsch nach Veränderung verbunden. 2022 nutzte sie im Alter von 17 Jahren bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Griechenland die Gelegenheit zur Flucht nach Deutschland. «Die Situation war sehr schwer für Frauen, besonders im Sport und für Gewichtheberinnen», erklärt sie. Zwei Jahre später trat sie bei den Olympischen Spielen in Paris für das Flüchtlingsteam des Internationalen Olympischen Komitees an und belegte in der Klasse bis 81 Kilogramm den neunten Platz.

Seit 4. Februar ist Jamali Deutsche
In Deutschland hat Jamali schnell Fuss gefasst. Sie startet für den AC Mutterstadt, hat die Sprache gelernt und sich auch ausserhalb des Sports integriert. Zum 1. Juli soll sie in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen werden. «Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit grossem Ehrgeiz», sagt BVDG-Sportdirektor Michael Vater.
Ein wichtiger Meilenstein war der 4. Februar, als Jamali die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Damit rückte auch ihr grosses Ziel näher: die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles – dann für Deutschland. Bundestrainer Almir Velagic traut ihr langfristig sogar noch mehr zu und hält bei entsprechender Entwicklung eine Medaille bei Olympia 2032 für möglich.
Zunächst aber steht die Europameisterschaft im Fokus. In der Gewichtsklasse bis 77 Kilogramm will Jamali ihre persönlichen Bestleistungen steigern und internationale Erfahrung sammeln. Sie gehört zu einem jungen Team, das das deutsche Gewichtheben nach schwierigen Jahren wieder erfolgreicher machen soll.
Der Sport hilft ihr, mit der belastenden Situation umzugehen. Im Training kann sie abschalten und sich auf ihre Ziele konzentrieren. «Ich muss stark bleiben im Kopf», sagt sie. Eine dauerhafte Rückkehr in den Iran kann sie sich derzeit nicht vorstellen. «Ich bin jetzt Deutsche und will meine Zukunft hier aufbauen. Ich fühle mich wohl hier.»
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