Die späte Gefühlsexplosion auf ihrem Kurztrip nach Kanada zauberte den deutschen Nationalspielern um Super-Joker und Matchwinner Deniz Undav auch am Familientag noch ein Lächeln ins Gesicht. Der erstmalige Einzug in die K.o.-Runde seit dem WM-Triumph 2014 lässt zwölf Jahre später erneut die Titelträume reifen.
«Das tut gut, alle spüren die Wertigkeit. Nach dem Siegtreffer lag die ganze Mannschaft im Eck, das ist ein cooles Zeichen. Das kann schon Kräfte freisetzen», sagte Julian Nagelsmann nach dem hart erkämpften 2:1-Sieg gegen die Elfenbeinküste noch vor der Rückreise von Toronto ins Team-Quartier nach Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina.
Dort wurde die deutsche Delegation nach dem zweistündigen Rückflug von jubelnden Hotelmitarbeitern mit wehenden Deutschland-Fahnen empfangen – und von einer weiteren frohen Botschaft: Durch die überraschende Nullnummer von Ecuador gegen Curaçao steht bereits vor dem letzten Spiel der Vorrunde gegen die Südamerikaner am Donnerstag der Gruppensieg und damit ein vermeintlich leichterer Gegner in den Sechzehntelfinals fest. «Diesen Flow und die Positivität müssen wir jetzt mitnehmen», forderte Doppel-Torschütze Undav.
Bester WM-Start seit 20 Jahren
Der Glaube an den grossen Wurf sei «einfach da», sagte der neue WM-Rekordtorwart Manuel Neuer nach seinem 21. Turniereinsatz. Die Freude über den besten WM-Start seit dem Sommermärchen 2006, als zuletzt zwei Siege zum Start glückten, wurde aber durch die wohl schwere Verletzung von Nico Schlotterbeck getrübt. Beim Innenverteidiger besteht Verdacht auf einen Innenbandriss im Sprunggelenk. «Es sah nicht so gut aus. Leider», sagte Nagelsmann, der mit Verbandspräsident Bernd Neuendorf nach der Landung am späten Samstagabend als erster von Bord ging und sich wieder in Geberlaune präsentierte.
Nach dem Spielersatztraining und der Regeneration starten die Spieler wie nach ihrem Kantersieg zum Auftakt gegen Curaçao in anderthalb freie Tage. «Das gibt den Jungs und uns allen Kraft, wenn wir die Familien sehen», sagte Nagelsmann, betonte mit Blick auf die weitere Jagd nach dem fünften Stern aber: «Wir lassen deswegen ja kein Training ausfallen. Wir behalten unseren Rhythmus bei.»
Er und sein Trainerteam begannen schon am Sonntag mit der Aufarbeitung des Spiels gegen die Elfenbeinküste. Erkenntnisse gab es schliesslich viele. Nach dem Rückstand durch Franck Kessié nach einer halben Stunde bewies der viermalige Weltmeister in kritischen Phasen Widerstandsfähigkeit.
«Siegermentalität, Teamgeist – wir hatten genau das, was man braucht, um in einem Turnier erfolgreich zu sein», stellte Verteidiger Jonathan Tah fest und erntete die Zustimmung seines Trainers. Seine Jungs hätten «an der Mutschraube gedreht» und «das Risiko genommen, weil sie das Spiel gewinnen wollten». Er sei «superglücklich für die Truppe», so Nagelsmann.
Die grossen Taten der Joker
Mit seinem Zauberhändchen bei den Wechseln hatte der Trainer selsbst grossen Anteil am Erfolg. Undav avancierte mit zwei Toren in der Schlussphase zum Matchwinner, Nadiem Amiri bereitete den Ausgleich mit einer gefühlvollen Flanke vor. Jamie Leweling sorgte auf der rechten Seite für Schwung und Leon Goretzka rettete beim Stand von 1:1 in der 88. Minute gegen Simon Adingra heldenhaft. «Wir wussten schon vor dem Turnier, dass die Bank entscheidend sein wird», sagte Captain Joshua Kimmich.
Auch die Körperlichkeit des Gegners bereitete gerade Florian Wirtz und Aleksandar Pavlovic einige Schwierigkeiten, während Felix Nmecha erneut gross auftrumpfte und auch den späten Siegtreffer von Undav vorbereitete. «Meine Mitspieler machen es mir einfach», sagte Undav, der zwei Mal von der Bank kam und jetzt bei drei Toren steht.
Ob er künftig von Beginn an ran darf? Nagelsmann legte sich nicht fest. «Warum sollte ich seinen Flow jetzt brechen», fragte Nagelsmann, um dann einzuschränken: «Man kann aber auch sagen, er soll von Beginn an spielen. Wir werden beides diskutieren, auch mit Deniz.»
Die zahlreichen Experten diskutierten nach dem zweiten Sieg im zweiten WM-Spiel und dem elften in Serie ebenfalls intensiv. Ist die deutsche Auswahl titelreif? «Man hat gesehen, warum wir nicht zum absoluten Favoritenkreis gehören – und, warum wir vielleicht doch dazugehören», sagte Thomas Müller bei MagentaTV.
Darüber dachten die Spieler in ihrer Freizeit in der Nobel-Herberge «The Graylyn Estate» noch nicht zu sehr nach. Sie genossen lieber die Erinnerungen an die Gefühlsexplosion. Mit einem Lächeln im Gesicht. (sid)



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