Manchmal braucht es eine einzige Aktion – und schon sieht die Welt ein bisschen schöner aus. Es sind 73 Minuten gespielt in diesem zweiten Schweizer WM-Spiel gegen Bosnien und Herzegowina. Gerade fragt man sich: Wann hat man letztmals eine so zahme Nati gesehen an einer WM oder EM? Hat diese Generation ihren Zenit gar überschritten? Doch dann kommt Johan Manzambi.

Ein paar Sekunden steht er erst auf dem Platz. Eingewechselt von Trainer Murat Yakin. Zusammen mit Ruben Vargas und Djibril Sow soll er dafür sorgen, dass die Schweizer doch noch jubeln können an diesem Abend. Und wie er das tut!
Mit seiner ersten Aktion bringt Manzambi die Schweiz herrlich in Führung. Kurz vor Schluss trifft er zum 3:0. Zwei wunderbare Tore, die einer Erlösung gleichen. 15 Minuten haben gereicht, um die Wahrnehmung dieser Schweizer Mannschaft gründlich auf den Kopf zu stellen. 20 Jahre alt ist der Genfer Manzambi erst. Die grösste Verheissung des Schweizer Fussballs. Einer, der uns vielleicht irgendwann die Erinnerungen an Xherdan Shaqiri etwas weniger schmerzlich erscheinen lässt. An diesem Abend gelingt das formidabel.
Ein Sieg auch für den Trainer
4:1 heisst es am Ende nach einer turbulenten Schlussphase. Auch Vargas und kurz vor Schluss Captain Xhaka per Penalty treffen noch. Dazwischen schiesst Mahmic den Ehrentreffer für die Bosnier, die zuvor Muharemovic mit Rot verlieren.

Es gibt nach diesem aufwühlenden Abend nur ein Fazit: Die Schweiz hat den Charaktertest bestanden. Sie ist so richtig angekommen an dieser WM. Das 1:1 gegen Katar ist vergessen. Mit vier Punkten nach zwei Spielen dürfen Yakin und Co. für den Sechzehntelfinal planen. Ein Ausscheiden ist fast nicht mehr möglich.
Besonders süss ist der Sieg für Trainer Murat Yakin. Auch er war gegen Katar noch nicht in WM-Form. In seinem dritten grossen Turnier musste er erstmals einen frühen Rückschlag moderieren. Und sich der Kritik stellen für fragwürdige Wechsel. Nun zeigt auch Yakin eine überzeugende Reaktion. In der zweiten Trinkpause nach 70 Minuten, 0:0 steht es zu diesem Zeitpunkt, schickt er Sow, Vargas und Manzambi aufs Feld. Sie kommen für Rieder, Aebischer und Ndoye. Es sind die notwendigen Akzente, die das Spiel entscheiden.

Harziger Auftakt und fehlendes Feuer
«Das ist wie ein Traum», sagt Matchwinner Manzambi direkt im Anschluss an das Spiel. Und weiter: «Ich werde sicher nicht schlafen können.» Auch er musste einige Kritik einstecken nach dem ersten Spiel. Er stand mit mangelnder Defensivarbeit am Ursprung des Ausgleichs von Katar. «Ich weiss, es war nicht alles perfekt - aber ich hoffe, das war die richtige Antwort.»
Die grosse Frage vor diesem zweiten Spiel lautete: Wie geht die Schweiz mit der Ohrfeige aus dem Katar-Spiel um? Weil der Gegentreffer zum 1:1 fast mit Schlusspfiff fiel, hatte die Nati gar keine Chance mehr, zu reagieren. Die Spieler müssen sich vorgekommen sein wie ein Kind, das Schabernack getrieben hat, von seinen Eltern ohne Znacht direkt ins Bett geschickt wird – und sich gar nicht mehr erklären kann.
Nun, die Schweizer Erklärung für den Katar-Schabernack ist zunächst nicht wirklich überzeugend: Ja, die Schweiz hat in der ersten Hälfte die absolute Kontrolle über das Spiel. Ja, sie schiebt sich den Ball ganz gefällig durch die Reihen. Aber es fehlen Tempo, Feuer und Ideen im Spiel. Kein Wunder, knallt Yakin an der Seitenlinie erneut eine Flasche zu Boden.

Und was tut eigentlich der Schweizer Gegner? Die Bosnier konzentrieren sich gänzlich aufs Verteidigen. Weil sich dabei Altstar Edin Dzeko, 40-jährig mittlerweile, nicht allzu sehr beteiligt, entsteht schnell ein optisches Übergewicht für die Schweiz. Allein, das stört die Bosnier nicht. Weil sie es ohne Mühe schaffen, die Schweizer von den gefährlichen Zonen fernzuhalten.
Bis in die 70. Minute geht das immer so weiter. Doch dann kommt Manzambi und lanciert das Schweizer WM-Abenteuer so richtig. Der Druck für die Nati ist fürs erste wieder kleiner. Träumen von etwas Grösserem ist ab sofort wieder erlaubt. Nun geht es am nächsten Mittwoch gegen Gastgeber Kanada um den Gruppensieg.

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