Gegen Bosnien-Herzegowina bestreitet Remo Freuler sein 90. Länderspiel. «Davon habe ich als kleiner Junge geträumt, diese Zahl macht mich stolz», sagt der Mittelfeldmotor der Nati. Und lässt dann aufhorchen: «Das ist meine letzte Weltmeisterschaft. Und vielleicht sind es gegen Bosnien und Kanada auch meine letzten zwei Spiele. Aber natürlich will ich das Ende so lange wie möglich hinauszuzögern.»
Ganz offensichtlich: Der 34-jährige Freuler deutet seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft an. Nach seinem Debüt 2017 avancierte er ein Jahr später zum Stammspieler und idealen Nebenmann von Granit Xhaka. Während der Captain noch nichts wissen will vom Nati-Rücktritt, sieht Freuler sein Ende nah.

Freuler stärkt Granit Xhaka den Rücken
Aber eben: Mehr als nur die verbleibenden zwei Gruppenspiele sollen unbedingt noch dazukommen. Und dafür, das macht Freuler klar, müssen er und seine Teamkollegen im SoFi-Stadion in Los Angeles vieles besser machen als beim Fehlstart gegen Katar: «Die Tage danach waren nicht einfach, jeder war enttäuscht über das Resultat und unsere Leistung. Aber Trübsal blasen bringt nichts, der Blick ist jetzt nach vorne gerichtet: Wir haben zwei Chancen, uns für die K.o.-Phase zu qualifizieren.»
Zu reden gab in den vergangenen Tagen die angespannte Stimmung im Nati-Camp. Mitunter ausgelöst durch die zwei Wutreden von Xhaka nach dem Testspiel gegen Australien und dem Katar-Spiel.
War der Captain zu kritisch? Freuler findet nicht: «Nach einem 1:1 gegen Katar mussten wir hart mit uns ins Gericht gehen. Die Meinung der Führungsspieler gilt es zu akzeptieren. Wer es nicht verträgt, dass wir die negativen Dinge schonungslos ansprechen, ist am falschen Ort. Schönrednerei bringt uns nicht vorwärts.»

Atmosphärisch ein Auswärtsspiel für Schweizer Nati gegen Bosnien
Hoffnung mit Blick aufs Bosnien-Spiel macht die Vergangenheit: Mit dem Messer am Hals lief Murat Yakins Team jeweils die Hochform auf. Verlässt sich der Trainer auch dieses Mal wieder darauf? «Schauen Sie: Wenn wir gegen Katar die Torchancen konsequent verwertet hätten, würden wir jetzt nicht über Druck, schlechte Stimmung oder falsche Wechsel diskutieren. Ich habe erfahrene Spieler, die sich nicht aus der Ruhe lassen bringen.»
Einfacher gesagt als getan: Auch Bosnien verfügt über internationale Klasse und viel Erfahrung im Team - und zu erwarten ist, dass die Schweizer nicht nur fussballerisch mehr gefordert werden als gegen Katar, sondern auch mental. Harte Zweikampfführung und Provokationen sind die Mittel, mit denen die Nati konfrontiert sein wird. «Mental müssen wir ab der ersten Minute bereit sein. Wir müssen ruhig bleiben und unser Spiel durchziehen. Wenn uns das gelingt, können wir jedem Gegner Probleme bereiten», sagt Freuler.

Das Stadion in Los Angeles bringt Nati-Stars zum Staunen
Eine Herausforderung wird auch die Ambiance im 71'000 Menschen fassenden Stadion. Mehr noch: Die für 5,5 Milliarden (!) Dollar gebaute Arena, Heimstätte der Football-Teams Los Angeles Rams und Los Angeles Chargers, gilt als spektakulärste aller 16 WM-Spielstätten. Herzstück ist der gigantische Screen in Ringform, der 50 Meter über dem Rasen schwebt. Wer sich dem Stadion nähert, fühlt sich an ein Ufo erinnert: Wegen des silbernen, bis an den Boden reichenden Dachs. «Ein Highlight, hier zu spielen. Ein so modernes Stadion habe ich noch nie erlebt», staunt auch Freuler.
Hier bestritt die USA ihr Auftaktspiel, die elektrisierende Atmosphäre war nicht nur im Stadion, sondern genauso vor dem TV spürbar. Aus Schweizer Sicht dürfte die Partie ein Auswärtsspiel werden. Dem CH-Media-Reporter kamen beim Spaziergang durch den Stadtteil Inglewood zum Stadion laufend Fans in Bosnien-Trikots entgegen, dazu sind zahlreiche Autos mit blau-weiss-gelben Flaggen geschmückt.
Rund 350'000 Menschen mit bosnischer Herkunft leben in Amerika, für das Spiel gegen die Schweiz wird eine mittlere fünfstellige Zahl Supporter erwartet. Da können die rund 2000 aus der Schweiz angereisten Nati-Fans akkustisch nicht mithalten. Trainer Murat kennt das Rezept gegen die Unterlegenheit auf den Zuschauerrängen: «Der Match wird auf dem Platz entschieden. Wenn wir unsere Leistung abrufen, werden wir die gegnerischen Fans verstummen lassen.»



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