
Als die Fifa nach der Weltmeisterschaft 1982 beschloss, die letzten Gruppenspiele fortan gleichzeitig anzupfeifen, schien die Lehre gezogen. Die «Schande von Gijón» sollte sich nie mehr wiederholen. 44 Jahre später zeigt sich, dass die damalige Lehre nur einen Teil des Problems löste.
Vor dem abschliessenden Gruppenspiel zwischen Österreich und Algerien am Sonntagmorgen, 4 Uhr Schweizer Zeit, steht eine Konstellation im Raum, die Erinnerungen an den wohl grössten Vorrundenskandal der WM-Geschichte weckt. Ein Unentschieden würde nach aktuellem Stand beiden Mannschaften den Einzug in die K.-o.-Phase sichern. Gleichzeitig könnte Österreich mit Platz zwei ausgerechnet auf Topfavorit Spanien treffen – während Rang drei den vermeintlich günstigeren Turnierweg eröffnen würde.
Damit ergibt sich für Österreich eine Versuchung, über die im Spitzensport eigentlich nie nachgedacht werden sollte. Eine Niederlage könnte unter Umständen gar wertvoller sein als ein Sieg oder ein Unentschieden:

Allein diese Ausgangslage genügt, um Spekulationen auszulösen. Muss der Fussball eine «Schande von Kansas City» fürchten?
Als Algerien zum Opfer wurde
Der Vergleich mit Gijón kommt nicht von ungefähr. An der WM 1982 trafen Deutschland und Österreich im letzten Gruppenspiel aufeinander. Weil Algerien sein Pensum bereits erfüllt hatte, wussten beide Mannschaften genau, welches Resultat sie gemeinsam in die nächste Runde bringen würde.
Deutschland ging früh durch Horst Hrubesch in Führung. Danach verlor die Partie ihren sportlichen Charakter. Beide Teams gingen kaum noch Risiken ein, liessen den Ball durch die eigenen Reihen laufen und verzichteten weitgehend auf Offensivaktionen. Das 1:0 genügte beiden – Algerien schied aus. Die Bilder gingen als «Schande von Gijón» in die Fussballgeschichte ein.
Die Konsequenz folgte umgehend: Seither werden die letzten Gruppenspiele einer WM zeitgleich ausgetragen, damit keine Mannschaft das Resultat des Parallelspiels kennt und daraus taktische Vorteile ziehen kann.
Das Problem heisst heute Turnierbaum
Genau diese Regel greift im neuen WM-Modus jedoch nur bedingt. Zwar finden die beiden letzten Spiele der Gruppe gleichzeitig statt. Österreich und Algerien kennen vor dem Anpfiff aber bereits fast sämtliche Resultate der übrigen Gruppen. Der 48er-Modus mit zwölf Vierergruppen und den acht besten Gruppendritten macht es möglich: Die K.-o.-Phase ist vor dem letzten sportlich relevanten Gruppenspiel praktisch vollständig berechnet.
Beide Mannschaften wissen deshalb nicht nur, welches Resultat sie weiterbringen würde. Sie kennen auch die Konsequenzen für ihren weiteren Turnierweg. Welcher Gegner wartet? Welche Tabellenposition ist attraktiver? Wo verläuft der «leichtere» Weg?
Eine Frage des Systems
Das bedeutet nicht, dass Österreich und Algerien Absprachen treffen oder bewusst auf ein bestimmtes Resultat spielen werden. Dafür gibt es keinerlei Hinweise. Allerdings braucht ein Nichtangriffspakt auch keine formelle Absprache. Es genügt, wenn beide Mannschaften erkennen, dass ihre Interessen übereinstimmen.
Die Fifa wollte einst verhindern, dass Teams aufgrund bekannter Resultate taktieren können. Der neue Turniermodus schafft nun eine Situation, in der dieselben Überlegungen auf anderer Ebene wieder möglich werden. Vielleicht braucht der Fussball deshalb eine neue Lehre aus Gijón: nicht nur gleichzeitig anpfeifen, sondern den Turnierweg bis zum Ende der Gruppenphase offenlassen.



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