Die Entwicklung zurückdrehen, die Zeitlupen nicht mehr ständig zurückspulen: Im Kampf gegen die inflationären VAR-Eingriffe soll der Videobeweis zu seinem Ursprungsgedanken zurückgeführt werden. Nach dem Willen der Europäischen Fussball-Union (Uefa) wird der Video-Assistent auch in der Bundesliga ab der anstehenden Saison nur noch bei klaren Fehlentscheidungen der Schiedsrichter eingreifen - getreu der Intention bei der Videobeweis-Einführung vor knapp zehn Jahren. Für Uefa-Refereeboss Roberto Rosetti ist diese Massnahme längst überfällig: «Es ist Fussball, nicht die Playstation.»
Die Uefa wolle «zum Ursprung des VAR zurückkehren», erklärte Rosetti und verwies auf Szenen wie Diego Maradonas Tor mit der «Hand Gottes» gegen England bei der WM 1986: «Wir sind mit dieser Art der Nutzung des VAR nicht mehr zufrieden. Wir wollen ein Stück weit zurückgehen und die Schiedsrichter wieder ins Zentrum stellen.» Damit das gelingt, sollen die Unparteiischen durch eine Form der Standardisierung in ihren Entscheidungen gestärkt werden.
Keine mikroskopischen Eingriffe
Zu diesem Zweck stellte Rosetti «Clear Line» vor - eine Online-Plattform, die klare Richtlinien für die einheitliche Anwendung der Regeln und den VAR-Einsatz in den europäischen Ligen und Europapokal-Wettbewerben bietet. Entscheidungen der Referees sollen durch Clear Line, das für jedermann auf der Uefa-Webseite einsehbar ist und rund 150 Referenzszenen bietet, nachvollziehbarer werden.
«Eine Zeit lang ging die Entwicklung zu immer mehr Interventionen, aber wir haben es damit letztlich übertrieben», erklärte Rosetti: «Wir wollen keine mikroskopischen Eingriffe, und es geht auch nicht um eine zweite Chance für den Schiedsrichter, sondern um klare und offensichtliche Fehlentscheidungen - nichts anderes.»
Schnellere Entscheidungen gefordert
Zudem soll laut dem Italiener bei VAR-Überprüfungen mehr Tempo gemacht werden. Jede Überprüfung, die länger als 90 Sekunden dauere, berge das Risiko, «an Glaubwürdigkeit zu verlieren». Als Grundlage für eine Rote Karte müsse auch die Dynamik der Situation an Bedeutung gewinnen. Sogenannte «Standbild-Entscheidungen» werden zwar weiterhin eingespielt, anschliessend aber mehrere Wiederholungen in Echtzeit.
Die von Rosetti angestrebte Rückkehr zu den Wurzeln hatte der deutsche Schiedsrichter-Boss Knut Kircher schon vor wenigen Tagen angedeutet. Man höre «schon hin, was viele Fans uns zurückspiegeln und auch Klubverantwortliche uns zurückmelden: dass wir idealerweise nicht zu kleinteilig werden, nicht zu mikroskopisch, um dem Fussball ein Stück weit wieder das zurückzugeben, was ihn ausmacht: Spontanität», sagte Kircher im Interview mit RTL/Sky.
Der Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH erklärte dabei, wann der VAR zum Einsatz kommen solle. «In der vergangenen Saison hiess es: ‹Clear and obvious›. Jetzt heisst es: ‹Immediately, clear and obvious›», sagte Kircher: «Sprich: Ich sitze im Video-Assist-Center und sehe eine Situation sofort in den ersten ein, zwei Einstellungen. Dann sage ich: ‹Diese Entscheidung kann so nicht stehen bleiben.›»
Auch bei der Dauer der Überprüfung, die in der kommenden Spielzeit letztmals im «Kölner Keller» vor dem Umzug an den DFB-Campus nach Frankfurt/Main stattfindet, steht Kircher an der Seite Rosettis. Der Fehler müsse «einen anspringen, die Entscheidung muss einen sofort anspringen. Und wir denken, dass das innerhalb von maximal 60 bis 90 Sekunden passieren muss, damit Klarheit besteht.»


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