
Freiwillig den Wecker auf 4.15 Uhr zu stellen und in die Schule zu eilen – dazu braucht es bei Teenagern schon einiges. Bei meinen drei Kindern war das heute keine Frage. Wie Tausende andere Schülerinnen und Schüler in der ganzen Schweiz wollten sie das WM-Spiel gegen Algerien live verfolgen – gemeinsam mit der Klasse.
Falls es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr sich das Land und die Jungen mit dem Team identifizieren, dann war er noch vor Sonnenaufgang erbracht. Selten hat eine Schweizer Nati so viele Menschen erreicht wie diese. Sie hat Charakterköpfe wie Granit Xhaka, der sein 150. Länderspiel bestritt, und ein Wunderkind wie Johan Manzambi. Jeder findet seine Identifikationsfigur, und vor allem ist das Kollektiv – mit Trainer Murat Yakin – selbst zu einer geworden.
Projektionsfläche für Stolz und Zusammenhalt
Es ist mehr als eine Momentaufnahme. Sichtbar wird eine Entwicklung, die inzwischen drei Jahrzehnte andauert. Der Schweizer Fussball - belächelt, als ich selber Teenager war - , ist zu dem geworden, was früher nur dem Skisport gelang, der keine globale Bedeutung hat: zu einer Projektionsfläche für Stolz und Zusammenhalt. Das Alpenland hat sich zu einer Fussballnation gemausert.

Man erkennt es auch an der Meisterschaft: Die Super League verzeichnete letzte Saison mit durchschnittlich 12'300 Zuschauern pro Spiel einen Rekord. Vor dreissig Jahren waren es noch 5000 gewesen. Im Juniorenfussball gibt es nur zwei Probleme: zu wenig Schiedsrichter und zu wenig Plätze.
Vielleicht fällt diese Analyse im Überschwang des Sieges, verbunden mit wenig Schlaf, etwas gar pathetisch aus. Aber das Überstehen eines K.-o.-Spiels ist aussergewöhnlich. Es reicht ein Blick nach Deutschland, um zu sehen, wie rasch ein Land, das sich seit jeher als Fussballnation versteht, in Selbstzweifel, Schuldzuweisungen und Grundsatzdebatten verfällt, wenn die Entwicklung eben nicht aufwärts, sondern nur noch abwärts geht. Das macht den Kontrast zur Schweiz umso stärker.
Kontrollierter Ausnahmezustand
Weltmeisterschaften und ihr Drumherum widerspiegeln Mentalitäten. Hierzulande wird der Wecker gestellt für das Spiel; danach geht's brav zum Unterricht oder zur Arbeit. Der Ausnahmezustand wird pünktlich beendet. Diese Tugend dürfte getestet werden, sollte die Nati den Viertelfinal erreichen und damit Geschichte schreiben. Anpfiff wäre dann um drei Uhr in der Nacht. Es könnte der Moment sein, an dem selbst die Schweiz den Alltag fahren lässt.

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