Was für ein dramatisches und absurdes Ende zugleich: Calle Andersson hatte den Puck übers Plexiglas gespielt und diese Strafe nützt Lucas Wallmarkt zum historischen Treffer, der Gottéron nach 65:56 Minuten, in der Verlängerung also, den ersten Titel der Geschichte bringt.
Gottérons erster Meistertitel ist ein Triumph wie es ihn im Playoff-Zeitalter (seit 1986) noch nie gegeben hat – und vielleicht in dieser Dramatik nie mehr geben wird. Dem HC Davos bleibt der Trost, einer der besten Finalverlierer der Geschichte zu sein.
Der Bann ist also gebrochen, die Dämonen sind besiegt: Gottéron, 1938 gegründet, 1980 in die höchste Liga aufgestiegen, hat zum ersten Mal den Titel geholt. Die «Untitelbaren», die zuvor vier Finals verloren hatten, können also doch Meister werden.

Gottéron ist nicht als klarer Titelfavorit in diese Saison gestartet. Höchstens als einer von mehreren Anwärtern auf die Meisterschaft. Und mit der Zusatzbemerkung: «Aber die werden ja sowieso nie Meister». Sie sind ja auch 1992, 1993 und 1994 gescheitert. Mit Slawa Bkyow und Andrej Chomutow, damals zwei der besten Stürmer der Welt.
Warum ist erst jetzt der grosse Triumph gelungen? Weil verschiedene Faktoren auf fast wundersame Weise zusammengekommen sind, auch in diesem 7. und letzten Spiel.
Zwei wichtigen Ausfälle kompensiert
Hat es je ein besseres Beispiel dafür gegeben, dass Teamgeist über alle Schwierigkeiten hinweghelfen kann? Wahrscheinlich nicht. Mit Leidenschaft, Zähigkeit und Mut hat Gottéron die Ausfälle seines Verteidigungsministers Andrea Glauser und seines Topskorers Sandro Schmid kompensiert, WM-Silberhelden beide.
Entscheidend dabei: Trainer Roger Rönnberg hat sein Team nicht in eine defensive Wagenburg zurückgenommen. Sondern mit einem intensiven, «totalen» Spektakelhockey, mit einer «Flucht nach vorne», mit einer Prise «Pausen-Platzhockey» im Final einen zum Titel gestürmt. Verteidiger sind zu Stürmern, Stürmer je nach Situation zu Verteidigern geworden. In jedem Spiel hatte eines der beiden Teams mehr als 30 Torschüsse, zweimal waren es sogar über 40. Das hat es so noch nie gegeben.
Die vier wichtigsten Faktoren:
Erstens die Emotionen. Für Klublegende Julien Sprunger war es nach mehr als 1000 Spielen der letzte Tanz für Gottéron. Die Kraft, die aus solchen Momenten kommt, wird im Hockey oft unterschätzt. Tränen der Rührung, Tränen des Abschieds.
Zweitens Trainer Roger Rönnberg. In seiner ersten Saison hat er gleich das Unmögliche geschafft und den Titel geholt. Er ist in gewisser Weise Schwedens Antwort auf Patrick Fischer: Wie unser ehemaliger Nationaltrainer gleich den WM-Titel als Ziel ausgegeben hat, so verkündete der Schwede gleich bei seiner Ankunft im letzten Herbst, dass er selbstverständlich die Meisterschaft gewinnen will und auf im Internet schon den Platz für die Meisterfeier ausgemacht habe. Damit einher geht ein Wandel der Mentalität. Er hat die «Copains» aus der Komfortzone gescheucht, die Leistungskultur geschärft und interne Kritik und Unruhe dafür in Kauf genommen.
Drittens Torhüter Reto Berra. Im Januar ist er 39 geworden und diese Saison hat der WM-Silberheld von 2013 sein bestes Hockey gespielt. Er war in diesen Playoffs mehr als einfach ein Goalie, der die Pucks stoppte. Er war mit seiner Postur (194 Zentimeter, fast 100 Kilo) ein «Warrior» (so nennen die Nordamerikaner kampfstarke Spieler), der den Raum um sein Tor herum dominiert hat.
Viertens die Lakers. Gut sechs Minuten vor Schluss des 7. Spiels im Viertelfinal lag Gottéron gegen die Lakers auf eigenem Eis noch im Rückstand und vor dem Ausscheiden. Nichts schweisst ein Team mehr zusammen als ein mühseliger Start in die Playoffs. Auch Zug hat 1998 den Viertelfinal gegen die Lakers erst in der Verlängerung des 7. Spiels gewonnen und ist dann zum ersten Mal Meister geworden.
Gottéron ist kein Kandidat für eine Dynastie, für zwei, drei oder vier Titel in Serie. Die besonderen Umstände dieser Saison sind einmalig und so wenig wiederholbar wie eine Hochzeitsnacht. Kommt dazu, dass Reto Berra geht (nach Kloten) und sein Nachfolger Ludovic Waeber (kehrt aus Kloten heim nach Fribourg) nur ein Operetten-Berra ist. Auch für Gottéron gilt: Ein guter Torhüter ist nicht alles. Aber ohne guten Torhüter ist alles nichts.



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