Fussball

Schachzug oder Einsicht? Deshalb geht Gianni Infantino plötzlich auf Kuschelkurs

Versöhnung, Einheit, weltweites Fussball-Wohlergehen. Gianni Infantino schlägt im Fifa-Machtkampf milde Töne an. Wie glaubwürdig sind seine Reformgedanken?

Mit einem Brief an die Präsidenten der 211 nationalen Fussballverbände und die Mitglieder im Fifa-Rat hat Gianni Infantino eine überraschende Wende im Machtkampf der Funktionäre im Weltverband hingelegt.

Darin beschwört der Walliser die Einheit des Fussballs und räumt Fehler und Missverständnise beim geplatzten Investorendeal für die WM-Rechte ein., der aus seiner Sicht moralisch und juristisch korrekt war.

Mit dem Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, ändert Infantino Strategie und Ton. Doch was ist seine Motivation? Ist der 56-Jährige nach scharfer Kritik und der Androhung von juristischen Schritten geläutert? Oder handelt es sich um ein Manöver zum Machterhalt?

Was bietet Infantino im Machtkampf konkret an?

Erstens soll eine externe Kommission die Abläufe bei grossen Projekten wie dem gescheiterten Investorendeal überprüfen. Zweitens soll es einen Konsultationsprozess mit internen und externen Institutionen geben, wie die Fifa künftig geführt wird und wie «Entscheidungsprozesse verbessert werden können». Das schliesst Arbeit und Rolle des Präsidenten mit ein, hält Infantino in seinem Schreiben fest: «Starke Institutionen warten nicht darauf, dass ihre Systeme versagen, bevor sie darüber nachdenken.»

Wie tiefgreifend sind seine Ankündigungen?

Erstmal geht es vor allem um grosse Worte. Der überwiegende Teil des Infantino-Briefes besteht aus dem Beschwören der heilen Fussballwelt, die er selbst nach eigener Einschätzung in gut zehn Jahren als Präsident erschaffen und gefördert hat. Konkrete Vorschläge stehen in dem Papier vorderhand nicht. Infantino lädt erstmal nur zu Gesprächen ein. Für diese sieht er sich selbst in der Rolle des Initiators, sofern der Fifa-Rat, in dem auch viele Gegner von ihm sitzen, diese wünscht. «Meine Rolle ist es nicht, dieser Diskussion vorzugreifen», schreibt Infantino.

Welche Reaktion ist von seinen Gegnern zu erwarten?

Infantinos Gegner zählen zu den erfahrensten und einflussreichsten Fussballfunktionären der Welt. Sie werden ihre Opposition nicht einfach aufgeben. Uefa-Präsident Aleksandar Ceferin und seine Gefolgsleute um der Chef des Deutschen Fussballbundes Bernd Neuendorf werden sich mit Konsultationen zu möglichen Reformen allein nicht abspeisen lassen. Sie haben ihr Ziel klar formuliert: Infantino soll gehen. Nun stehen sie unter Zugzwang und müssen auf Infantinos Schachzug reagieren.

Was sind die nächsten Schritte?

Am 15. Oktobter trifft sich in Zürich in der Zentrale des Weltverbandes das Fifa-Council, in dem Infantino und seine Kontrahenten sitzen. Ein erster Showdown ist programmiert. Endgültige Entscheidungen sind dann aber kaum zu erwarten. Die Uefa-Fraktion könnte mit ihren Verbündeten aus Nord- und Mittelamerika zu einem eigenen Krisengipfel einladen. Einen entsprechenden Vorstoss aus den Niederlanden gab es schon.

Wer hat im Machtkampf die Hebel in der Hand?

Infantinos Situation bleibt gut. Aus Afrika, Asien und Südamerika bekommt er unverändert Unterstützung. Das könnte ihm zum Wahltermin die nötige Mehrheit sichern. Mit seinem Brief gewinnt er Zeit. Seine Gegner müssen bis zum 18. November einen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl drei Monate später in Marokko aufstellen. Dann endet die Fifa-Frist. Noch ist nicht klar, wer diesen Kampf führen will und führen kann.

Mit seiner Einladung zu gemeinsamen Reformüberlegungen wird dieses Vorhaben verzögert und erschwert. Der Fifa-Boss kann sofort und auch in einem drohenden Wahlkampf auf seine Kompromissbereitschaft verweisen. Diese hat – wie er im typischen Duktus formuliert – nur ein Ziel: das Wohl des Fussballs in aller Welt. «Meine Verantwortung besteht darin, allen 211 Mitgliedsverbänden fair zu dienen, unabhängig von ihrer Position zu einer einzelnen Angelegenheit», verspricht der Fifa-Präsident.

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)