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Fussball

Von Gestrandeten zu Meistern: Die Stehaufmännchen des FC Thun

Das Märchen ist perfekt, der FC Thun ist Schweizer Meister. Der Weg verlief bei vielen der neuen Meisterspieler keineswegs geradlinig. Wer sind die Protagonisten, die diesen Erfolg möglich gemacht haben?

Jan Bamert - der Konstante

Konstanter Innenverteidiger: Jan Bamert
Bild: Urs Lindt

«Im nächsten Jahr werde ich alles daran setzen, dass wir eine noch bessere Saison spielen und endlich aufsteigen», sagte der Innenverteidiger 2024, nach der unglücklichen Barrage-Niederlage gegen seinen Ausbildungsverein GC. Gesagt - getan. Der 28-jährige Schwyzer stieg ein Jahr später mit den Berner Oberländern in die Super League auf und hat einen grossen Anteil am Thuner Märchen. Doch der Weg von Bamert, der seit vier Jahren beim FCT spielt, verlief nicht durchwegs gradlinig. Nach fünf Saisons beim FC Sion, erhielt er im Juni 2022 keinen neuen Vertrag mehr. Die Folge: Bamert war Vereinslos und trainierte individuell. Die neue Spielzeit war bereits im Gange, als der FC Thun anklopfte. Seither ist er fester Bestandteil der Mannschaft von Mauro Lustrinelli und in der diesjährigen Thuner Märchen-Saison ein unverzichtbarer Wert. In der Rückrunde hat Bamert, bis auf das Berner-Derby Anfang März, jedes Spiel über die volle Spieldauer absolviert.

Kastriot Imeri - der Wiedererstarkte

Wieder bei alter Stärke: Kastriot Imeri
Bild: Claudio De Capitani

Stramme Waden und eine gewisse Schlitzohrigkeit. Der Offensiv-Akteur wurde vor noch nicht allzu langer Zeit mit Xherdan Shaqiri verglichen. Das dürfte auch Nationalcoach Murat Yakin nicht entgangen sein, als er den damaligen Servette-Spieler für die letzten beiden Qualifikations-Spiele für die Weltmeisterschaft in Katar nominierte. Imeri kam Ende November 2021 beim 1:1 gegen Italien in Rom zu seinem Debüt. Bis heute war es das letzte Länderspiel für den Spielmacher. Zur gleichen Zeit wurde der Genfer mit Eintracht Frankfurt und Genua in Verbindung gebracht, die damals Servette konkrete Angebote in Höhe von rund fünf Millionen unterbreitet haben sollen. Imeri entschied sich, die Saison bei den Genfern zu beenden und wechselte auf die neue Spielzeit hin zu den Young Boys. In seiner zweiten Saison bei den Bernern verletzte sich der 25-jährige am Knie und fiel für ein halbes Jahr aus. Seither bremsen ihn immer wieder Verletzungen aus, was auch der Grund war, warum er sich keinen festen Stammplatz erkämpfen konnte. Im letzten Sommer dann die Leihe zum Aufsteiger und Kantonsrivalen Thun. Ein Schritt der Imeri zu alter Stärke zurückführte wie man heute weiss. Mit 13 Skorerpunkten spielt der Genfer seine beste Super-League-Saison und ist somit ein entscheidendes Puzzle-Stück im Thuner-Märchen.

Marco Bürki - der Leitwolf

Marco Bürki (Mitte) erhält für seinen 200. Einsatz im Trikot des FC Thun eine Ehrung, kurz vor dem Spiel gegen den FC Lausanne-Sport am 12. Februar 2026.
Bild: Anthony Anex

Der 32-jährige Bruder von Roman Bürki ist in der Innenverteidigung eine der wichtigsten Stützen des Thuner Ensembles und führt die Wundermannschaft als Kapitän aufs Feld. Er dirigiert, an Gegentoren gemessen, die zweitbeste Defensive der Liga und ist als verlängerter Arm Lustrinellis einer der Eckpfeiler des Thuner Märchens. Auf dem Platz und in der Kabine gibt er den Ton an. Dass Bürki im Herbst seiner Karriere nochmals so aufblüht, hätten wohl die wenigsten vorhergesagt, hat er doch einen langen Leidensweg hinter sich: Zwischen 2012 und 2018 spielte er für die Berner Young Boys, verpasste allerdings den Grossteil verletzungsbedingt. Unter anderem ein Mittelfussbruch 2013 und eine Knöchelverletzung 2014 liessen ihn im Berner Fanionteam nie wirklich Fuss fassen. Die YB-Meistersaison 2017/18 verfolgte er von der Bank aus. Da sein Vertrag ohnehin nur bis 2018 lief, entschied er sich vorher schon für einen Wechsel. Sein Weg führte ihn über den belgischen Verein Zulte-Waregem und den FC Luzern, bis er 2021 schliesslich bei den Thunern anheuerte und mit damals 28 Jahren doch noch zur gesetzten Stammkraft, zum Führungsspieler und Leistungsträger wurde.

Leonardo Bertone - der Haudegen

Leonardo Bertone (FCT) trifft vom Elfmeterpunkt.
Bild: Anthony Anex

Auch Bertones Weg führte ihn zunächst zu den Berner Young Boys, für die er wie Marco Bürki in der Saison 2011/12 sein Debüt gab. In den Folgejahren konnte er sich im defensiven Mittelfeld durchsetzen und in der Meistersaison 2017/18 unter Adi Hütter vermehrt Spielpraxis sammeln. Als er unter dem neuen Trainer Gerardo Seoane nicht mehr berücksichtigt wurde, entschloss er sich zum mutigen Schritt in die Major League Soccer zum FC Cincinnati. Nach einem Intermezzo beim FC Thun im Jahr 2020 zog es ihn weiter nach Belgien zu Waasland-Beveren. Nach deren Abstieg 2022 wechselte Bertone erneut zum FC Thun. Und sollte gemeinsam mit Marco Bürki ein Duo aus Führungsspielern bilden, welche einem jungen Team ihre Erfahrung vermitteln und Stabilität verleihen konnten und zu absoluten Leistungsträgern wurden. Mit seinem taktischen Spielverständnis und offensiven Qualitäten prägt Bertone das Thuner Spiel  wie kaum ein anderer. Vor allem offensiv hat er diese Saison viel zum Erfolg beigetragen: Ihm gelangen zehn Saisontore, gleich viele wie Teamkollege Christopher Ibayi (der notabene Mittelstürmer ist). Das kommt nicht von ungefähr, ist Bertone doch Thuns ausgesprochener Spezialist für die Standards. Egal ob Elfmeter, Freistösse oder Eckbälle, Bertone ist der gefragte Mann.

Fabio Fehr – der Zuverlässige

Abwehrspieler mit Offensivdrang: Fabio Fehr
Bild: MICHAEL BUHOLZER

«Er hat einen super Abschluss und konnte bei uns sein Level immer abrufen. Trotzdem hatten wir immer das Gefühl, er könne noch mehr», sagt Franz Burgmeier, Sportchef des FC Vaduz. Die Lichtensteiner liehen Fehr im Winter 2022 von den Grasshoppers, seinem Jugendverein, aus. Nachdem der Abwehrspieler eine starke Rückrunde spielte, zog der FCV im Sommer die ausgehandelte Kaufoption. Der Verteidiger mit Offensivdrang erzielte im Dress des FC Vaduz in 84 Spielen 8 Tore und konnte sich mit dem Klub aus dem «Ländle» 2022 sensationell für die Conference-League qualifizieren. Zwei Jahre später folgte für Fehr der Wechsel zum Ligakontrahenten Thun. Eine Erfolgsgeschichte, wie sich heute bestätigen lässt. Der 26-jährige hatte mit neun Vorlagen grossen Anteil am Thuner Aufstieg im letzten Jahr. Auch in dieser Saison glänzt Fehr, indem er sich immer wieder in die Angriffe seiner Mannschaft einschaltet. «Ich finde, dass er auch defensiv noch ein wenig stabiler geworden ist», analysiert Franz Burgmeier. Mit neun Skorerpunkten und seiner Neugewonnen defensiven Stabilität, hat der Rechtsverteidiger wesentlich zum Thuner Erfolg beigetragen.

Elmin Rastoder – der Vollstrecker

Ein häufig gesehenes Bild in dieser Saison: Elmin Rastoder jubelt über ein Tor.
Bild: Claudio De Capitani

Der ehemalige GC-Junior erzielte in dieser Saison 13 Tore und hat somit immer noch realistische Chancen, sich die Torjäger-Kanone zu sichern. Auch Rastoder hat eine Vergangenheit beim FC Vaduz. Gleich zwei Mal liehen die Lichtensteiner den Stürmer von den Grasshoppers aus. In seiner ersten Saison erzielte der 24-jährige sieben Tore für den FCV. So erfolgreich die erste Leihe war, so schwierig gestaltete sich die zweite. «Er brachte eigentlich schon bei uns eine gute Physis mit. Allerdings konnte er sein Potenzial nicht immer abrufen, daher waren seine Leistungen sehr schwankend», blickt Vaduz-Sportchef Burgmeier zurück. Ausserdem habe Rastoder oft das richtige Time-in bei den Kopfbällen gefehlt. Trainer Marc Schneider habe den Stürmer dann zum Augenarzt geschickt. «Tatsächlich wurde eine Sehschwäche festgestellt. Seither spielt er mit Kontaktlinsen», verrät Burgmeier. 2024 wechselte der Nordmazedonier innerhalb der Challenge-League zum FC Thun und stieg auch dank seinen Toren nach nur einer Saison in die Super-League auf. Mehr als das: Es folgte Rastoders erstes Aufgebot für die Nationalmannschaft Nordmazedoniens. Als Doppelbürger wäre er auch für die Schweiz spielberechtigt gewesen, vom Verband kam jedoch kein Signal. Sinnbildlich für den Thuner Höhenflug steht auch die aussergewöhnliche Saison von Rastoder. «Er liefert in brutaler Konstanz, was ich ihm sehr gönne. Das war aber ehrlich gesagt nicht zu erwarten», gibt Burgmeier zu. Insgesamt 19 Torbeteiligungen hat der Stürmer in dieser Spielzeit vorzuweisen. Man darf gespannt sein, ob der robuste Stürmer in der nächsten Saison noch im Berner Oberland auflaufen wird.

Ethan Meichtry - der Shootingstar

Ethan Meichtry wird von den Fans gefeiert nach dem Aufstiegsspiel gegen Aarau am 2. Mai 2025.
Bild: Peter Schneider

Der Name Ethan Meichtry mag den FC Aarau-Fans noch etwas sauer aufstossen. Sein gefühlvoller Treffer zum 2:1 im Spiel gegen Aarau war es, der in der letzten Saison den definitiven Aufstieg des FC Thun besiegelte. Nach dem Spiel brachen im Berner Oberland ein erstes Mal alle Dämme und Ethan Meichtry war in den Medien ein gefragter Mann. Eine Reihe an Ereignissen, die vor etwa sechs Jahren noch unvorstellbar waren: Damals wurde Meichtry aus der U15 des FC Thun aussortiert und musste zurück zu seinem Jugendverein FC Dürrenast. Eine schwierige Zeit für den Teenager. Dort tankte er allerdings das nötige Selbstvertrauen, um sich später doch noch in Thun durchzusetzen. Der «Lamine Yamal des Berner Oberlands», wie Meichtry von Thun-Präsident Andres Gerber bezeichnet wurde, ist ein weiters Rädchen in der perfekten geölten Thun-Maschinerie, die unaufhörlich in Richtung Meistertitel walzte. Mit acht Toren und drei Vorlagen hat das Thuner Eigengewächs seinen Anteil beigesteuert. Sein Zenit ist bei weitem noch nicht erreicht, was die Frage aufwirft, wie lange Thun noch auf seinen Shootingstar aus der Region zählen kann.

Vasilije Janjicic - der Bezwinger des schlimmsten Gegners

Thun's Vasilije Janjicic kämpft um dem Ball in einem Testspiel gegen YB im Jahr 2023.
Bild: Anthony Anex

Der 27-jährige Zürcher ist in dieser Saison keine Stammkraft bei den Thunern. Dennoch steht sein Werdegang wie kein Zweiter repräsentativ für die vielen individuellen Rückschläge, die mehrere Spieler des FCT hinnehmen mussten - und wie sie noch stärker zurückkamen. Janjicics Karriere startete kometenhaft: Mit 17 Jahren klopfte 2016 der grosse Hamburger SV beim damaligen FCZ-Spieler an und lockte ihn an die Alster. Unter Trainer Markus Gisdol schaffte das Megatalent 2017 den Sprung in die erste Mannschaft - und musste den ersten Abstieg des HSV mit ansehen. Bei den Hamburgern konnte sich Janjicic nie dauerhaft durchsetzen, weswegen er 2019 freigestellt wurde und zum FC Zürich zurückkehrte. 2020 kam dann der Schock: Krebsdiagnose. «Mein erster Gedanke damals galt nicht dem Fussball oder meiner Gesundheit. Ich dachte nur: Wie soll ich das jetzt meinen Eltern erzählen, damit es nicht so schlimm tönt?», wird Janjicic später über diesen Schock sagen. Er unterzog sich zwei Operationen und Chemo-Therapie und war Anfang 2021 krebsfrei. Bereits im April 2021 gab er sein Comeback für den FCZ. Die Art, wie er diesen Tiefschlag wegsteckte, beeindruckte Fans und Medien gleichermassen. Nach einem Intermezzo in Slowenien bei NK Celje landete er beim FC Thun, wo er sich 2023 zum Stammspieler mauserte. Nach dem Sieg über den Krebs und dem Aufstieg mit Thun darf Vasilije Janjicic nun also ein weiteres Mal jubeln. Seine Geschichte, wie jene von seinen Mitspielern, ist um ein Kapitel reicher geworden.

Michael Heule – der Unermüdliche

Michael Heule nach seinem ersten Tor in der Super-League.
Bild: Claudio De Capitani

Im Heimspiel gegen den FC Basel konnte Heule mit einem seiner vielgesehenen Vorstösse über die linke Seite zum 2:0 einschieben. Es war das erste Super-League-Tor für den Verteidiger. Dabei wurde dem Ostschweizer vor fünf Jahren der Sprung in die höchste Spielklasse des Landes von den Verantwortlichen des FC St. Gallen nicht zugetraut. Während Kumpel Christian Witzig aus St. Galler Nachwuchstagen einen Profivertrag erhielt, schaute sich Heule nach einem neuen Verein um. Der FC Wil ermöglichte dem schnellen Verteidiger doch noch den Weg in einen Profi-Kader. Nach zwei Saisons in der Challenge League klopfte 2023 Stade-Lausanne Ouchy an, nachdem der Klub in die Super League aufgestiegen war. Heule bestritt für die Waadtländer 13 Spiele und stieg nach nur einer Saison wieder ab. Der 24-Jährige entschied sich trotz Abstieg für einen Verbleib auf der Pontaise, was sich als sehr gute Entscheidung herausstellen sollte. Heule spielte im vergangenen Jahr eine solide Challenge-League-Saison, bestritt fast alle Spiele und erzielte dabei drei Tore. Der FC Thun, der in derselben Saison aufstieg, wurde auf Heule aufmerksam und verpflichtete ihn auf die neue Spielzeit hin. Seither ist er auf der linken Aussenbahn kaum mehr wegzudenken und ein wichtiger Faktor im Thuner Meisterensemble. Ob er nach der Verletzung von Miro Muheim sogar ein Kandidat für Murat Yakin wird?

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