«Nome Lozärn»

Der FC Luzern wird 125: Ein erschwindeltes Fass Most, die Stunde des Ersatzspielers und Streit in der Meisternacht

Heute vor 125 Jahren wurde der FC Luzern gegründet. Seine Geschichte reicht von einem gescheiterten Gründungsversuch über den ersten Cupsieg bis zum legendären Meistersprint von Hansi Burri. Davon erzählen die ersten beiden Folgen des Jubiläumspodcasts «Nome Lozärn».
Die Luzerner Spieler feiern in der Kabine der alten Allmend den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte.
Bild: Bruno Voser (Luzern, 10. 6. 1989)

Hansi Burri rennt durch den Regen. In den Händen hält er den Meisterpokal, hinter ihm folgen seine Mitspieler und Trainer Friedel Rausch. Vor ihm jubelt die überfüllte Fankurve der alten Allmend. Burri stemmt den Pokal in die Höhe. «Viele sagen, das sei mein schnellster Sprint gewesen», erinnert er sich im Podcast «Nome Lozärn».

Es ist der 10. Juni 1989. Der FC Luzern ist soeben zum ersten und bis heute einzigen Mal Schweizer Meister geworden. Burris Pokalsprint wird zum Sinnbild des grössten Erfolgs der 125-jährigen Vereinsgeschichte.

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Der erste Versuch scheitert

Die Vorgeschichte des FC Luzern beginnt mit einem kleinen Inserat, auf das kaum jemand reagiert. 1897 steht im «Luzerner Tagblatt»: «FC Luzern. Heute Donnerstag, abends punkt 20.30 Uhr. Sitzung im Café Alpenclub. Weitere Mitglieder bestens willkommen.»

So präsentierte sich das Inserat im «Luzerner Tagblatt» auf der fünften Seite der Ausgabe vom 6. Mai 1897.
Bild: Inserat im Tagblatt 1897

Der Aufruf bleibt ohne Folgen. Fussball ist in der Innerschweiz noch kaum bekannt. Vier Jahre später greifen Adolf Coulin, Hans Walker und Ernst Haag die Idee wieder auf.

Am Montag, 12. August 1901, wird der Fussball-Club Luzern im Restaurant Seidenhof an der Bahnhofstrasse gegründet. Acht Männer sind dabei. Walter Adams wird erster Präsident; Albrik Lüthy entwickelt sich zu einer prägenden Figur der Anfangsjahre. Zum 50-Jahr-Jubiläum schreibt Lüthy: «Als wir im Jahre 1901 das kleine Saatkorn in die raue Scholle pflanzten, wagten wir kaum zu glauben, zu welch kräftigem Baum dieser Same in wenigen Jahrzehnten gedeihen würde.»

Vorerst ist das Saatkorn tatsächlich klein. Der Mitgliederbeitrag beträgt 50 Rappen im Monat. Kabinen gibt es keine, Duschen ebenfalls nicht. Trainiert wird auf einer Wiese der Allmend. Ein Problem bleibt: Acht Mitglieder reichen nicht für eine Mannschaft. Erst im Dezember stossen drei weitere Spieler dazu.

Am 13. April 1902 verliert der FCL sein erstes Spiel in Zofingen mit 1:2. In Luzern behaupten die Spieler trotzdem, sie hätten 4:1 gewonnen: Wirt Toni Disler hat ihnen für einen Sieg ein Fass Most versprochen. Erst nachdem das Fass geleert ist, gestehen die Spieler die Niederlage.

Eine Stadt in Blau-Weiss und Rot-Schwarz

Der Klub wächst, sucht nach einem Spielfeld, steigt auf und wieder ab und gerät in eine erbitterte Rivalität mit dem FC Kickers Luzern. Die Stadt ist zeitweise gespalten: Blau-Weiss oder Rot-Schwarz. Im Tribschenquartier pachtet der FCL eine Wiese, die nach Darstellung der Kickers eigentlich bereits ihnen versprochen worden war.

1922 kommt der FCL dem Meistertitel nahe. Gegen Servette geht es in einem Finalspiel um die Schweizer Meisterschaft. Beim Stand von 2:0 für die Genfer halten Zuschauer die Partie nach einer Geste des Schiedsrichters irrtümlich für beendet und stürmen das Feld. Weil sie es nicht mehr verlassen wollen, wird der Match abgebrochen und für Servette gewertet.

Der FC Luzern im Jahr 1958, das in die Nationalliga A aufstieg.
Bild: zvg

Robert Blättler wird zum Luzerner Held

Unter dem deutschen Trainer Rudi Gutendorf steigt der FC Luzern 1958 wieder in die Nationalliga A auf. Zwei Jahre später steht der FCL erstmals im Cupfinal. Robert Blättler reist mit gemischten Gefühlen ins Wankdorf. In einem Ligaspiel gegen Lausanne hat der junge Stürmer kurz zuvor drei Tore erzielt. Trotzdem setzt ihn Gutendorf im Final gegen Grenchen auf die Ersatzbank. «Da hat es mir ehrlich gesagt schon etwas ausgehängt», erzählt Blättler. «Aber als der Match angefangen hat, vergisst man alles.»

Seine Chance kommt in der Pause. Mittelstürmer Peter Lüscher hat sich bei einem Zusammenprall am Auge verletzt und sieht kaum noch etwas. Blättler wird eingewechselt. Grenchen bestimmt die Partie. Dann setzt sich Flügelspieler Walter Beerli auf der rechten Seite durch und spielt den Ball in die Mitte. Blättler behauptet ihn gegen seinen Gegenspieler und schiesst. «Ich traf den Ball gar nicht richtig. Aber er ging ins weite Eck rein», erinnert sich Blättler. Es bleibt das einzige Tor des Spiels. Der FC Luzern gewinnt erstmals den Schweizer Cup.

Robert Blättler (Mitte) jubelt nach seinem entscheidenden Tor im Cupfinal 1960.
Bild: Repro: Chris Iseli

Als die Cupsieger mit dem Zug in Luzern ankommen, warten Tausende am Bahnhof. Die Mannschaft wird auf Schultern über die Seebrücke getragen. «Vom Bahnhof bis zum Löwendenkmal konnte ich keinen Fuss auf den Boden setzen», erinnert sich Blättler.

Für viele Kinder in der Region werden die Cupsieger zu Helden. Einer von ihnen ist der spätere FCL-Präsident Walter Stierli. Er hat den Final auf Radio Beromünster verfolgt und überredet seinen Vater, mit ihm zum Bahnhof zu gehen. Dort nimmt ihn sein Vater auf die Schultern. «Das ist mir so eingefahren», sagt Stierli. «Die Fussballer waren für mich Götter. Von da an hatte ich den FCL-Virus.»

Paul Wolfisberg stemmt nach dem Cupfinal 1960 den Pokal in die Höhe.
Bild: Repro: Chris Iseli

Vom Krisenklub zum Meister

Der Cupsieg von 1960 bleibt lange ein Ausnahmeereignis. Gemessen an seinen Trophäen gehört der FCL nicht zu den erfolgreichsten Klubs des Landes. Ein Meistertitel und drei Cupsiege stehen in 125 Jahren zu Buche. Doch gerade weil Erfolge nicht selbstverständlich sind, prägen sie sich in Luzern umso tiefer ein.

Es folgen sportliche Rückschläge und finanzielle Probleme. 1974 steht der FCL mit Schulden von mehr als 700’000 Franken kurz vor dem Aus. Romano Simioni übernimmt das Präsidium. «Ich musste Geld holen, damit ich den Schiedsrichter bezahlen konnte», erinnert er sich. In den folgenden Jahren stabilisiert Simioni den Verein – und führt ihn schliesslich bis zum Meistertitel.

29 Jahre nach Blättlers Cupfinaltor ist die Allmend wieder bereit für einen historischen Abend. Am 10. Juni 1989 fehlt dem FCL nur noch ein Sieg zum Titel. Vor der Partie richtet Captain Roger Wehrli das Wort an seine Mannschaft: «Jungs, wir holen jetzt diesen Meisterkübel. Luzern wird ihn nie mehr holen.» In der 60. Minute erzielt Jürgen Mohr das 1:0. In den letzten Sekunden zählt die Allmend gemeinsam herunter. Dann folgt der Schlusspfiff: Der FC Luzern ist Schweizer Meister.

Die Meisternacht bekommt Risse

Doch während im Festzelt alle feiern, gerät Mohr mit Trainer Friedel Rausch aneinander. Der damalige «Vaterland»-Journalist Bärti Krütli beobachtet den Disput. «Jürgen und Friedel haben einander verbal Saures gegeben», erinnert er sich. «Weil rundherum ein Fest stattfand, bekamen es viele Leute gar nicht mit.»

Was den Streit auslöste und weshalb Mohr danach nach Sion wechselte, ist bis heute umstritten. Kaum eine Szene steht so sehr für den FCL: Eine ganze Region feiert, und zwei der wichtigsten Figuren des Erfolgs geraten noch in derselben Nacht aneinander.

Jürgen Mohr (rechts) und Sigidur Gretarsson jubeln über den Meisterpokal mit dem FC Luzern.
Bild: Keystone (10. 6. 1989)

Ruhe herrscht bei diesem Verein selten. Stefan «Büsche» Bucher, langjähriger Journalist bei Radio Pilatus und späterer Medienchef des FCL, sagt: «Beim FCL ist immer etwas los. Es ist nicht Hollywood. Der FC Luzern ist der FC Netflix.»

Die Meisternacht von 1989 ist kein Schlusspunkt. In den folgenden Jahrzehnten gewinnt der FCL noch zweimal den Schweizer Cup, steigt ab und wieder auf, zieht in ein neues Stadion und wird von Machtkämpfen erschüttert. Die Rollen wechseln, das Drama bleibt.

Der Podcast «Nome Lozärn» erzählt in zehn Episode die Geschichte des FC Luzern – mit Stimmen jener, die sie mitgeschrieben haben. Jeden Mittwoch erscheint eine neue Folge, überall, wo es Podcasts gibt. Abonnentinnen und Abonnenten können die Folgen jeweils eine Woche früher hören.

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